Österreicher gönnen sich ihren Skiurlaub, sparen aber beim Essen. Touristiker halten die Preise für zu niedrig und die Russland-Erlöse für überschätzt
Oliver Schwarz sind die Vorurteile gegen russische Urlauber zuwider. Die
Russen gingen lieber flanieren und shoppen, statt sich beim Après-Ski zu
besaufen, weiß der Tourismusdirektor des Ötztals zu berichten. Einige Stunden
auf den Pisten reichten ihnen völlig aus, anders als den Deutschen, die ihre
Skipässe gern bis auf die letzte Minute ausreizten. "Und nur weil einer die
Vor-, Haupt- und Nachspeisen zugleich auf seinem Tisch haben will, ist er
deswegen noch lang kein Barbar."
Fast jeder zehnte Wintertourist in Sölden ist Russe. Einzelne Hotels zählen
dort derzeit kaum Gäste anderer Nationen, und mit dem orthodoxen Weihnachtsfest
am 7. Jänner erreicht das Geschäft mit den Russen den Höhepunkt. Seit sie Tirol
als Winterdestination für sich entdeckt haben, sei das traditionelle Umsatzloch
im Jänner Geschichte, freut sich Schwarz. Mittlerweile komme auch die gehobene
Mittelschicht auf die Pisten, gebucht werde abseits großer Reiseveranstalter
vermehrt individuell.
Um gut ein Drittel nehmen ihre Nächtigungen jährlich zu. So ganz
nachvollziehen können viele Touristiker den Hype um sie dennoch nicht. Sepp
Schellhorn, Präsident der Hoteliervereinigung: "Es wird darum zu viel Wirbel
gemacht. Da gehört relativiert." Die Deutschen sorgten in Österreich jährlich
für 55 Millionen Nächtigungen - nach wie vor nur eine Million buchten Russen.
Ein Zuwachs von 30 Prozent bei ihnen sei schön und gut, verliere man aber ein
Prozent der Deutschen, mache das etliche Millionen aus. Schellhorn sieht seine
Branche gefordert - zumal Touristen aus dem Nachbarland seit Jahren weniger
werden. Die Österreicher selbst belegen ein Drittel der Betten. Auch sie
gehörten stärker umworben, meint Tourismus-Obmann Johann Schenner. "Bei gutem
Wetter sind sie stets rasch da."
Zäher Start
Zäh war der Start in die laufende Wintersaison. Er wolle sich die
Schwarzmalerei rundum gar nicht ausdenken, wäre der Schnee weiterhin
ausgeblieben, sagt Schellhorn. Doch nun soll alles gut werden. Die Hotels seien
wie alle Jahre wieder zu 90 Prozent ausgelastet. Experten versprechen für den
Winter stabile Nächtigungen. Gebucht wird jedoch immer kurzfristiger, der
Winterurlaub währt im Schnitt kaum mehr als vier Tage.
Ein frühes Ostern macht die Saison heuer zudem kurz und kompakt. Bei den
Umsätzen gibt sich keiner der Euphorie hin, erwartet werden reale Rückgänge von
zwei bis drei Prozent, sagt Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich
Werbung. "Die Leute gönnen sich ihren Urlaub, sparen aber bei den Nebenkosten",
bestätigt Schwarz. Statt drei trinke man etwa nur ein Bier auf der Hütte und
nahm den Champagner für Silvester von zuhause mit. "Auch die Russen drehen den
Euro jetzt zweimal um."
Österreich hält im europaweiten Wintertourismus einen Marktanteil von 57
Prozent. Dass Skiurlaub ein kostspieliges Vergnügen ist, wollen die Unternehmer
nicht so sehen, im Gegenteil. "Wir verkaufen uns zu billig, ein falscher Weg für
Tirol", seufzt Schwarz mit Blick gen Schweiz. Dass höhere Preise zulasten der
Gästezahlen gehen, schließt er nicht aus. "Es ist halt eine Gratwanderung."
Abseits jeder Krise sehen sich auch die Skilehrer. 17.000 gibt es derer in
Österreich, 500 Schulen buhlen um lernwilliges Publikum. Vor allem im Westen
laufe es hervorragend, erzählt Verbandspräsident Richard Walter. "Es gibt keine
Spur von Einbußen." An Konflikten fehlt es dennoch nicht. Illegale ungeprüfte
Skilehrer machten laut Walter Pisten von Kitzbühel bis St. Anton unsicher. Ihnen
Schwarzarbeit nachzuweisen sei schwer. Dass Skilehrer kein Russisch können, wie
Touristiker beklagen, lässt er nicht gelten, zumal "es auch in Verbänden kaum
einer spricht". Man behelfe sich mit gebürtigen Russen - sofern es für sie
Arbeitsgenehmigungen gibt. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)