Eine Gemeinde will sich neu erfinden

4. Jänner 2012, 18:24
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Einstiger Reichtum durch Eisenverarbeitung und Partisanenwiderstand gegen das NS-Regime prägten die zweisprachige Marktgemeinde Bad Eisenkappel / Zelezna Kapla - Jetzt hat man den Wert der Kultur entdeckt.

Bad Eisenkappel / Zelezna Kapla - Hoch über Bad Eisenkappel an den Ausläufern der Karawanken liegt der Vinklhof, der Kindheitsort der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap. In ihrem Buch Engel des Vergessens beschreibt sie das karge Leben ihrer Familie auf dem Bergbauernhof, das eng verbunden ist mit dem Schicksal der Kärntner Slowenen und dem Partisanenkampf gegen die NS-Mörderherrschaft.

Heute bewirtschaftet ihr Bruder Zdravko den Hof. Neben der Schafzucht und Imkerei hat der Theatermacher und Journalist aus dem Vinklhof einen einzigartigen Kultur-, Natur- und Lebensraum geschaffen, an dem Kunst und historische Aufarbeitung der lange totgeschwiegenen Partisanenvergangenheit ihren zentralen Platz haben. (Interview unten)

Stolz blickt man heute in Bad Eisenkappel auf die preisgekrönte Autorin und Ehrenbürgerin. "Die Werbewirksamkeit ist für uns enorm", freut sich Bürgermeister Franz Josef Smrtnik von der slowenischen Einheitsliste. Erstmals führt ein Angehöriger der slowenischen Volksgruppe die Geschicke von Österreichs südlichster Gemeinde. Fast vergessen scheint der Hass, der die zwei Volksgruppen, Deutschsprachige und Slowenen, einst trennte - von politischen Demagogen immer wieder aufs Neue entflammt. Und man freut sich auch über die zweisprachige Ortstafel, die erste, die nach der historischen Ortstafeleinigung mit Pomp aufgestellt wurde.

Zweimal Niedergang

Werbung kann der heutige Luft- und Kurort Bad Eisenkappel gut gebrauchen. Schon zweimal in seiner wechselvollen Geschichte brachen die Grundlagen des einstigen Wohlstands zusammen.

Im 13. Jahrhundert durch Salz- und Eisentransport über die Karawanken reich geworden, waren es im 19. Jahrhundert die Eisenhämmer und schließlich die Zellstoffindustrie gewesen, die den Bürgern in Bad Eisenkappel ihre Lebensgrundlagen sicherten. Bis Jörg Haider 1990 das Zellstoffwerk Obir-Rechberg aus politischen Gründen schließen ließ. Das löste den Exodus von 900 Arbeitern und ihren Familien aus. Bis heute hat sich Eisenkappel davon nicht erholt. Jetzt versucht man mit dem Fremdenverkehr verlorenes Terrain aufzuholen. Das Kurzentrum mit seinen kohlesauren Bädern ist mit rund 100 Arbeitsplätzen der größte Arbeitgeber im Ort. Dennoch ist die 2400-Seelen-Gemeinde Eisenkappel hochverschuldet und die Abwanderung enorm.

Einer, der zurückkam, ist Bedi Besim, Sohn des Gründers der renommierten Teppichhändlerdynastie Adil Besim, vormals Adolf Böhm, der 1923 nach Istanbul auswanderte. Bedi Besim hat sein Vaterhaus liebevoll renoviert und zu einem Kommunikationszentrum gemacht. Viele Gemeindeprojekte wurden an seinem Küchentisch entwickelt oder verworfen. "Er ist unser Gewissen", sagt der Bürgermeister, "weil er die Welt kennt."

In Besims Haus ist die Galerie Vorspann eingemietet - 2004 von Norbert Klavora und Zdravko Haderlap gegründet, entwickelte sie sich wie der slowenische Kulturverein Zarja rasch zum kulturellen Motor für zeitgenössische Kunst und Kultur aus der Alpen-Adria-Region.

"Die Maja Haderlap hat schon für mich Theater gespielt, Florjan Lipus bei uns unterrichtet", sagt Pfarrer Leopold Zunder: "Wirtschaft ist wichtig, aber wir müssen die Menschen wieder zum Wesentlichen führen, dann werden sie bleiben oder gerne zu uns kommen. Das geht nur über unsere einzigartige zweisprachige Kultur." (Elisabeth Steiner, DER STANDARD, Printausgabe, 5.1.2012)

Serie: Am Samstag Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer im Interview

  • WISSEN

    Die Marktgemeinde Eisenkappel-Vellach / Zelezna Kapla-Bela im Bezirk Völkermarkt zählte vor 25 Jahren noch rund 3500 Einwohner. Heute sind es nur noch 2015. Das Kurzentrum Bad Eisenkappel, Land- und Forstwirtschaft, Kleingewerbe sowie ein Altenzentrum der Caritas stellen circa 180 Arbeitsplätze zur Verfügung.

    Für die Abgangsgemeinde (kärntenweit gibt es 22) ist ein hartes Sparprogramm angesagt, denn die Bedarfszuweisungen des Landes orientieren sich nach einem Bonus-Malus-System, das an die Spargesinnung der jeweiligen Gemeinde geknüpft ist. Sparpotenzial sieht man in der Kooperation mit den umliegenden Gemeinden Sittersdorf und Gallizien, etwa bei Wasserversorgung, Winterdienst oder Recycling.

    Um Struktur- und Energiekosten zu sparen, ist die Zusammenlegung von Volks-, Haupt-, Musikschule und Kindergarten in ein gemeinsames Gebäude vorgesehen. Zudem will man energieautark werden. Neben der bestehenden gemeindeeigenen Pelletsanlage setzt man auch auf Fotovoltaik und kleine Wasserkraftwerke. (stein)

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