Systemwechsel in Syrien - ohne Militärintervention

Gastkommentar | 4. Jänner 2012, 17:38

Die Weltgemeinschaft soll klar und deutlich von einem Natoangriff Abstand nehmen - Von Tarafa Baghajati

Wer gegen sein Volk schießen lässt, verliert jede Legitimität. Alle Hoffnungen, die auf Syriens anfangs durchaus populären Präsidenten Bashar al-Assad lagen, sind zunichte. Wie aber ein möglichst friedlicher Macht- und Systemwechsel zu bewerkstelligen wäre - darüber rätselt die Welt.

In drei Punkten herrschte bis vor kurzem bei den revolutionären und oppositionellen Kräften Syriens Konsens. Erstens: Absage an eine Militärintervention. Zweitens: Gewaltfreiheit und Ablehnung des Waffengebrauchs seitens der Revolution. Drittens: Nein zur Konfessionalisierung beziehungsweise Ethnisierung des Konfliktes. Der Systemwechsel soll in gleichberechtigter Weise von allen Bevölkerungsgruppen getragen sein - Sunniten, Alawiten, Christen, Drusen, Kurden, Assyrern und anderen.

Gefährlich ist, dass zuletzt Stimmen aufkommen, die doch eine Außenintervention rechtfertigen, ja sogar verlangen. Auch die Gewaltlosigkeit gerät ins Wanken, insbesondere nachdem sich Deserteure, jetzt Teil der "Syrischen Freien Armee", zu Angriffen auf die syrische Armee bekennen, die nicht unbedingt dem Schutz der Bevölkerung dienten.

Zudem gibt es Stimmen, die Hass zwischen Schiiten und Sunniten schüren und die primär nicht eine syrische, sondern eine antiiranische Agenda haben.

Eine Herausforderung besteht weiters darin, dass sich die sogenannte schweigende Mehrheit, insbesondere in Damaskus und Aleppo, noch nicht der Protestbewegung angeschlossen hat. Der Hauptgrund liegt darin, dass die Opposition unter fehlenden Führungsfiguren und Kommunikatoren leidet, die in Syrien ihre Wurzeln haben, international agieren können und gesellschaftspolitische Visionen samt gangbaren Wegen zu deren Verwirklichung formulieren.

Ob der in Istanbul gegründete Nationalrat diese Lücke schließen kann, ist mehr als fraglich. Dazu kommt, dass das Regime noch immer über eine Mobilisierungskraft und nicht zu unterschätzende Anhängerschaft verfügt.

Das Wichtigste, was die Weltgemeinschaft zurzeit machen kann und muss, ist der syrischen Opposition klar und deutlich zu sagen, dass es einen Natoangriff auf Syrien nicht geben wird. Zweideutige Formulierungen aus den USA oder aus Frankreich bringen die syrischen Kräfte durcheinander. Schon jetzt reden einige Oppositionelle im Ausland so, als ob die Nato nur noch auf ihren Befehl warten würde, um einzugreifen.

Hinfällig ist die Frage, ob das Regime überhaupt abdanken müsse. Heute geht es nur mehr um das Wie und Wann - und um die Sorge, wie viele Menschen noch ihr Leben lassen müssen.

Das Regime redet von einem notwendigen "nationalen Dialog"; die Opposition will nur über "Verhandlungen" diskutieren. Wie immer man es nennen will: Gründliche Reformen bedeuten das Ende der Ära der Personen- und Familienmacht der Assads. Russland könnte hier international positiv wirken, wenn es die Einleitung einer Übergangsphase zum Beispiel unter Farouk al-Sharaa, dem jetzigen Vizepräsidenten, unterstützen würde. (Tarafa Baghajati/DER STANDARD Printausgabe, 5.1.2012)

Zur Person

Tarafa Baghajati, 1961 in Damaskus geboren, ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen und Vorstandsmitglied der "Platform for Intercultural Europe PIE".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
Steve Anorizz
00

Ganz Recht - heutzutage muss es andere Möglichkeiten zum Beenden eines Bürgerkrieges geben als ein neuer Krieg.

http://steveanorizz.wordpress.com/2012/02/0... hne-krieg/

rari
01
Freiheit für den Voyerismus !

ist eines der Prinzipien des "christlichen" Westens.

Weitere Freiheiten ?

- Freiheit des Westens zu bestimmen, was Demokratie ist.
- Freiheit des Westens, was moralisch ist
- Freiheit des Geldes um demokratische Mehrheiten zu kaufen
- Freiheit des Westens Halbwahrheiten als Wahrheiten auch mit brutaler Gewalt durchzusetzen.
- Freiheit des Westens überall Chaos zu verursachen.
usw. usw.

leider gibt es dazu noch keine gleichmächtige vernünftige Alternative.

Voyerismus ?

Mit Syrien bekommen unsere Medien wieder neuen frischen Sensationsstoff - mit friedlichen Änderungen in Syrien, ohne Militär, holt man doch keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

der schwitzbär der schwitzt sehr
52
Es geht nicht um Demokratie

Es geht drum, daß der Westen dort jetzt andere an der Macht haben will

ob demokratisch oder nicht, wichtig ist, daß sie dem Westen aus der Hand fressen

Ihre Vorschläge sind deshalb gut gemeint, aber Syrien und seine Bevölkerung sind ein Spielball

außer den Russen kann niemand das Leben der Syrer schützen, das ist die traurige Wahrheit

NONE
00

So ein Blödsinn.

Die Russen werden Assad nicht helfen.

Und es ist nicht der "Westen" primär, es ist Saudi Arabien.

Red Core
00

blödsin meinen sie die russen unterstützen sehr wohl assad nicht umsonst haben sie dort basen wo militärpersonal stationiert ist und noch marinebasen mit vielen kriegsschiffen.übrigens sind noch viele russische schiffe dorthin unterwegs also wen das keine unterstützung ist dan weis ich auch nicht.

Ibn Chaldun
33
Mit einem Satz:

Die Revolution darf auf keinen Fall gelingen, Assad muss durch iranfreundliche Kräfte ersetzt werden.

Wieso ist diese "schillernde Figur der islamistischen Szene, eifriger Koordinator extremistischer Gruppen" (xLarge) nicht selber in Damaskus?

Ibrahim23
02
weil er

in Damaskus als regime kritiker verhaftet und gefoltert wird. was hat sie so suer aufgestossen Ibn Chaldun? meinen sie im ernst das eine rechte blogger "XLarge" eine quelle ist auf die man sich beruft? oder gehören sie auch zu diesen eck?

Dhimmi
51
Was sagt uns das nun?

Erstens keine Natounterstützung, zweitens keine Natounterstützung und das noch paar mal.
Und Ablehnung des Waffengebrauchs der Revolution.
Diejenigen, die unter Lebensgefahr aus der Armee desertieren, agierten ja nicht unbedingt zum Wohl der Bevölkerung, düster wird angedeutet, sie könnten sogar antiiranisch agieren.

Welches Spiel spielen Sie eigentlich Herr Baghajati?
Was Sie da verzapfen ist die perfekte Anleitung für die Revolution vor die Hunde zu gehen.
Erinnert mich vom Sinngehalt her an die arabische Inspektion unlängst.

Ibrahim23
00
Sie wünschen sich wahrscheinlich wie

im Irak oder Libyen. Bomben, zerstören, geschäfte machen und chaos hinterlassen. assad gehört weg und vor gericht. aber die revolution muss selber ohnen Nato siegen.

grumbleduke
 
22
Richtig!

Den gut ist nur, einen totalen Bürgerkrieg zu unterstützen oder gar anzuzetteln, bei dem dann 100000e ins Gras beißen - für die "Gute Sache" versteht sich.

Grad so gut wie in Libyen.

geschlechtsumwandlung quotenposterin
11

Der Systemwechsel
mittels CIA und Todesschwadronen,
begleitet von der gewohnten PR
hatte in Südamerika öfters Erfolg .
Die Erfolgsgeschichte soll nun fortgesetzt werden ?

NONE
23

Man sieht ja gerade im Irak wie sehr der Umsturz "Erfolg" hatte (wieder +50 Tote)

Man sieht in Libyen was passiert wenn man die Salafisten-Söldner an die Macht putscht.

In Syrien wird genau das gleiche geschehen.

Man hat den Schurken (den Diktator) und will ihn stürzen, koste was wolle und egal was danach kommt.

Und unsere Presse belügt uns ohne Ende.

consul
14

ein land wie syrien, dass seitewig autoritär geführt wurde, kann nicht von heute auf moregn eine demokrtie werden. dazu fehlt die politische bildung und erfahrung. weiters sind die konfessionellen untescheiden und konflikte durch die dikatur seit ewig unterdrückt und werden beim niedergang der dikatatur aufbrechen.
aber russland, dass ja dort eine militärbasis unterhält könnte sich mehr engagieren und mal zeigen dass es auch weltpolitisch verantwortung auf basis der menschenrechte hat und nicht nur nutzniesser von konflikten sein will. die halten brav den mund damit ihre marinebasis nicht gefähredet ist. was machen die eigentlich im mittelmeer - gibst da was für sie zu verteidigen ?

Kosmopolit1
01
schwarzes Meer - Mittelmeer

rein geographisch sind die Russen über das schwarze Meer und den Bosporus dem Mittelmeer wohl wirklich näher als die USA dem roten Meer und der Golfregion!

dr mike
00

Russland hat seit dem Zerfall der UDSSR keinen Zugang mehr zum schwarzen Meer. Die Ukraine ist nicht Russland obwohl es Abkommen zwischen den Staaten gibt. Diese Abkommen sind aber so sicher wie die Gas und Öllieferverträge zwischen diesen Staaten.

NONE
10

Ich denke die Russen spielen da sowieso nur eine geringere Rolle. Die haben sich wohl irgendwie arrangiert.

Militärisch würden die nicht gegen die NATO kämpfen.

Kosmopolit1
05
Bürgerkrieg in Libyen!

Auf einer weiteren Seite im Standard spricht der Vorsitzende des Übergangsrates in Libyen von einem drohenden Bürgerkrieg und einer Teilung des Libyschen Staates. Vielleicht sollten sich die Syrer diese Entwicklung einmal vor Augen führen bevor sie sich der Protestbewegung von schießwütigen, militanten Möchtegern-Kriegsherren anschließen, die den syrischen Staat in einen islamistischen Gottesstaat verändern wollen.

salman
 
03

Das Problem in Syrien ist, dass ein Abdanken Assads nichts ändern würde - wenn er überhaupt "darf" ...

pseudonym2
 
58

Es wird keinen Machtwechsel geben, ganz einfach. Assad wird bis zu seinem Tode kämpfen ebenso wie der Iran.
Und immer noch steht das Volk, wir Syrer hinter Assad, komischerweise wird das nirgends erwähnt.

Saudi-Arabien und Qatar, die Länder, die Terroristen die Einfuhr gewähren, die Länder, die auf Menschenrechte spucken, im Namen der Religion, sie werden um jeden Preis verhindern, dass es Frieden geben wird.

viet
31
Syrien schon immer ein Hort der Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit??!!

NONE
35

Die USA etwa?
-> Gezielte Tötung auch von US Staatsbürgern des "Friedensnobelpreisträgers" Obama
-> Guantanamo Inhaftierte erhalten keinen fairen Gerichtsprozess und können OHNE Prozess lebenslang weggesperrt werden -> GULAG.

Israel?
-> Apartheidsterror gegen die Palästinenser.

Das Saud Regime?
-> Kopf abhacken von ausländischem Putzpersonal
-> grösster Finanzier des international Terrors und zu rund 80% der globalen Salafistenbewegung (das inkludiert die Al Kaida Söldner Datenbank, wobei hier auch die USA viel mitfinanzieren)

Wasserpfeifer
45

du bist ein einzelner, nicht das syrische volk. also bitte vereinnahme es nicht.
ich stehe nicht hinter assad

Pele_2008
01
Aber auch sie sind nur ein einzelner.

Und offensichtlich gibt es in Syrien viele einzelne, die hinter assad stehen und viele einzelne, die nicht hinter assad stehen.
Und weder sie noch die anderen können wissen, ob es in Syrien nach assad Demokratie geben wird.

NONE
21

Das ist verständlich, keiner will sich hinter einem Diktator verstecken.

Die Frage ist aber WOFÜR du stehst und ob sich das von der Salafisten-Bewegung unterscheidet.

Denn auch ohne die Salafisten wollten viele Reformen und neue Freiheiten. Durch den bewaffneten Konflikt ist vieles nun kaum möglich solange er weitergeht. Die gesamte Reformbewegung wird diskreditiert durch die Salafisten-Terroristen.

Wasserpfeifer
10

also ich bin für den sturz von assad. das politische system in syrien gehört erneuert und demokratisiert.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.