"Ich darf nicht Österreicher werden“

6. Jänner 2012, 15:00
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Der Brasilianer Paulo Bitencourt lebt und arbeitet seit 1990 in Österreich. Jetzt möchte er auch österreichischer Staatsbürger werden. Dies gestaltet sich schwerer als erwartet

"Ich bin nicht in einer Notlage oder in einer Krise, ich kann in Österreich auch ohne Staatsbürgerschaft unbegrenzt leben und arbeiten", betont Paulo Bitencourt, „aber trotzdem quält es mich, dass ich den österreichischen Pass nicht bekommen kann, auch wenn ich ihn nicht unbedingt brauche. Es ist einfach eine Frage der Gerechtigkeit."

Dem 1966 in der brasilianischen Stadt Castro geborenen Paulo Bitencourt ist es ein großes Anliegen, über das zu sprechen, was ihm im Zuge des Antrags auf die österreichische Staatsbürgerschaft widerfahren ist.

Studium in Wien

Bitencourt kam 1990 nach Österreich, ursprünglich, um einen Deutschkurs zu machen, in einem Sprachinstitut, das an das Theologische Seminar Schloss Bogenhofen in Oberösterreich angegliedert ist. Anschließend zog er nach Wien, machte die Aufnahmeprüfung am Konservatorium der Stadt Wien und studierte ab 1992 Operngesang. Während des Studiums begann er bereits, am Burgtheater als Sänger zu arbeiten, später war er im Chor des Burgtheaters angestellt. "Ich habe in mehreren Chören gesungen und alles Mögliche im künstlerischen Bereich gemacht", erzählt Bitencourt, "aber am Burgtheater hatte ich ein fixes Angestelltenverhältnis."

Vom Burgtheater zum AMS

In seinen ersten Jahren in Österreich hatte Bitencourt ein Studentenvisum, jeweils auf ein Jahr befristet. Im Jahr 1998 wurde ihm eine unbefristete Niederlassungsbewilligung als Künstler erteilt. Später erhielt er auch einen Daueraufenthalt mit freiem Zugang zum Arbeitsmarkt.

Allerdings wurde Anfang 2007 Bitencourts Arbeitsverhältnis am Burgtheater beendet, und er wurde beim AMS als arbeitslos gemeldet. "Der Arbeitsmarkt ist im Kunstbereit im Moment sehr eng. Die Theater sparen, und Verträge werden nicht mehr so leicht vergeben wie früher. Ich habe seitdem keinen neuen fixen Vertrag mehr bekommen."

Ob ihm das AMS überhaupt helfen könne, eine Arbeit zu finden? - "Nur bedingt", resümiert Bitencourt. "In der Kunst ist es ja nicht wie einer Firma, wo man mit seinem Lebenslauf und seinen Qualifikationen hingeht. Ich muss vorsingen, und dann hängt es davon ab, ob man meine Stimme und meine Art gebrauchen kann oder nicht. Im AMS gibt es eine eigene Abteilung für Künstler, dort weiß man auch Bescheid. Als Künstler muss man dort regelmäßig Kontrolltermine wahrnehmen und erzählen, was man gemacht hat und welche Pläne man hat, aber man wird nicht zu allen möglichen Bewerbungsgesprächen geschickt."

Bitencourt ist zwar offiziell arbeitslos, aber keineswegs untätig, wie er erzählt: "Ich erledige Gelegenheitsjobs als Synchronsprecher, oder mache hier und da eine Website. Diese Tätigkeiten muss ich dann beim AMS angeben, und der Verdienst wird dann vom Arbeitslosengeld abgezogen."

Staatsbürgerschaft, "warum nicht?"

Nun möchte Bitencourt die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Warum eigentlich? - "Warum nicht?", kontert er. "Bis jetzt war das für mich kein Thema, aber jetzt will ich einfach. Für mich persönlich ist jetzt der richtige Zeitpunkt." Bitencourts Lebensgefährtin, eine Russin, die an einer Waldorf-Schule arbeitet, erwartet das erste gemeinsame Kind im April. Bitencourt weiß: "Ohne die österreichische Staatsbürgerschaft kann ich beispielsweise nicht für sie bürgen. Mein Kind wird nicht österreichischer Staatsbürger, obwohl es hier geboren sein wird."

Gesichertes Einkommen in den letzten drei Jahren

Um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, muss man unter anderem nachweisen, dass man in den letzten drei Jahren ein gesichertes Einkommen hat. An dieser Bestimmung scheitert Bitencourts Antrag vorläufig. "Für mich ist das ein Widerspruch", beklagt Bitencourt, "ich habe mehr als drei Jahre in Österreich gearbeitet, deshalb habe ich ja Anspruch auf Arbeitslosengeld. Außerdem habe ich genug gespart, um sogar für mehr als die nächsten drei Jahre für mich aufzukommen, aber das interessiert die Behörden gar nicht." Die Sinnhaftigkeit der Klausel, dass man die letzten drei Jahre ein gesichertes Einkommen nachweisen muss, will ihm gar nicht einleuchten: "Jemand könnte ja gezielt drei Jahre arbeiten, dann die Staatsbürgerschaft erhalten und am nächsten Tag kündigen. Sie wird ihm ja nicht aberkannt. Drei Jahre gesichertes Einkommen sagen doch nichts über die Zukunftsperspektiven aus."

"Wir probieren..."

Noch eine Kränkung habe er im Zuge der Antragstellung hinnehmen müssen, erzählt er halb belustigt: "Ich habe mein Studium ausschließlich in deutscher Sprache gemacht, noch dazu in einer staatlichen Ausbildungsstätte. Trotzdem meinte die zuständige Sachbearbeiterin, das sei kein Beweis für ausreichende Deutschkenntnisse. Erst später meinte sie, mal sehen, wir probieren." Alles in allem könne er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es mehr um Schikane als um sinnvolle Anforderungen gehe.

Bitencourt fühlt sich ungerecht behandelt, im Vergleich mit einigen anderen Fällen, etwa dem eines brasilianischen Bekannten, dessen Vater Österreicher ist, der in Brasilien lebt und nicht gut Deutsch spricht, aber problemlos die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten hat. "Ich dagegen lebe mitten in diesem Land. Ich gehe nicht besonders oft zu brasilianischen Veranstaltungen, ich will nicht in einem Ghetto oder in einer Parallelgesellschaft leben. Politik und Geschichte Österreichs interessieren mich sehr. Aber jetzt habe ich das Gefühl, das wird nicht anerkannt, es wird nicht honoriert." Das finde er zu engstirnig, meint er abschließend und zuckt resigniert mit den Achseln. (Mascha Dabić, 6. Dezember 2012, daStandard.at)

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    Um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, muss man unter anderem nachweisen, dass man in den letzten drei Jahren ein gesichertes Einkommen hat.

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