"Geht nicht zum Gebet an diesem Freitag"

Interview4. Jänner 2012, 17:10
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Der tunesische Dichter Moncef Ouhaibi hat mit einer Eloge auf die Revolution die Islamisten in seinem Land aufgebracht

Markus Bernath traf ihn bei einer Konferenz der "Sofia Platform"* in Bulgarien.

STANDARD: Ist der Sieg islamistischer Bewegungen in Tunesien und den anderen nordafrikanischen Ländern eine vorübergehende Erscheinung oder etwas, das bleiben wird?

Ouhaibi: Ich kann nur über Tunesien sprechen, und der Wahlsieg der Islamisten dort war nicht übermäßig groß. Sie haben 37 Prozent bekommen, allerdings sind 50 Prozent der Tunesier nicht zur Wahl gegangen. Jetzt regiert eben erst einmal Ennahda, die Islamistenpartei. Ennahda heißt Wiedergeburt. Unter Anführungszeichen.

STANDARD: Tunesien ist auf dem Weg zum sechsten Kalifat, hat der neue Premierminister erklärt. Das wäre eine Wiedergeburt im Jahr 705.

Ouhaibi: Ein solcher Satz ist ein Skandal für jemanden, der behauptet, ein Demokrat zu sein. Hamadi Jebali hat sich innerhalb von 24 Stunden für das Kalifat - eine Monarchie - und für die Republik ausgesprochen. Wie passt das zusammen!? Die tunesischen Islamisten sagen im selben Atemzug das eine und sein Gegenteil. Dabei geht es nicht um Realpolitik, nicht einmal um Opportunismus. Es ist eine doppelzüngige Sprache. Ich bin der Auffassung, dass Religionen nichts mit Politik zu tun haben. Die Religion ist eine private Angelegenheit zwischen dem Menschen und Gott. Demokratie ist etwas anderes. Ich finde keine gemeinsamen Punkte zwischen der Demokratie und der Religion. Es mag demokratische Muslime und demokratische Christen geben, aber die Demokratie ist keine Metaphysik, sie ist etwas Menschliches.

STANDARD: Wie haben die Leute reagiert?

Ouhaibi: Für die Zivilgesellschaft war es ein Schock. Andere sagten: Die Islamisten reden eben so, wir kennen das. Sie wollen nur bewahren, was gut und tugendhaft ist, und sich dabei auf ein islamisches Bezugssystem stützen, sagen die Islamisten. Aber dieses Bezugssystem ist für eine Gesellschaft im Mittelalter gemacht worden, für die Sahara, Bagdad, das Jahr Tausendsoundsoviel. Das hat nichts mit dem modernen Tunesien zu tun, das sehr nah an Italien, an Europa ist.

STANDARD: Sie haben auch etwas für einige Tunesier Skandalöses gesagt, ein neues Gedicht mit dem Titel "Alle Dinge mögen hier schweigen". Was haben Sie damit bezweckt?

Ouhaibi: Ich habe dieses Gedicht in der Stadt Sfax gelesen, im März. Es hat einigen Lärm gemacht bei den Salafisten, den Islamisten, das ist wahr. Ich habe gesagt: "Haltet die Zeit an, das Rauschen des Meeres, alles, sogar den Ruf zum Gebet" - das ist es, was die Islamisten aufgebracht hat. All das, nur um gemeinsam die Schritte des Despoten zu hören, der dabei war, seine Flucht anzutreten. Geht nicht zum Gebet an diesem Freitag, rezitiert nicht die Fatiha, die erste Sure des Koran, hört einfach zu wie alle anderen Tunesier. "Alle Dinge mögen hier schweigen" war nur eine Metapher. Ich schreibe normalerweise über anderes - die Frauen, die Städte oder Tiere.

STANDARD: Beim großen Nachbarn Algerien gab es immer eine gewisse Geringschätzung gegenüber den Marokkanern, die sich ihrem König unterwerfen, und gegenüber den Tunesiern mit ihrem Autokraten. Trotzdem begann der Arabische Frühling im kleinen Tunesien. Das war überraschend.

Ouhaibi: Selbst für die Tunesier! Und erst recht für Ben Ali. Tunesien ist jetzt ein Labor. Ich glaube, alle beobachten nun, was wir machen. Die Grenze zwischen Achtung der demokratischen Spielregeln und der Ausnutzung der Demokratie für religiöse Zwecke ist noch sehr unscharf. Der Islam ist anders als das Christentum, er mischt sich in das Alltagsleben der Menschen ein. Er erklärt Ihnen, wann Sie mit einer Frau schlafen dürfen, was Sie essen sollen, wie Sie vor die Haustür gehen sollen.

STANDARD: Etwas Ähnliches werden Sie auch von katholischen Priestern auf dem Land hören.

Ouhaibi: Oh je. In Tunesien hat ein Teil der Gesellschaft in der Religion einen Ort des Rückzugs gefunden während der Jahre der Diktatur. Die Leute haben sich so gegen die staatliche Ordnung, aber auch gegen die Kultur aufgelehnt. Heute fühlen sich die Tunesier frei, man bestiehlt sie nicht mehr. Doch sie misstrauen jetzt allen, vielleicht sogar den Islamisten. Wir haben eine verfassungsgebende Versammlung gewählt, in einem Jahr aber sind Parlamentswahlen. Alles kann dann anders sein. Die wirtschaftlichen Probleme, vor denen die Islamisten stehen, sind enorm. Mehr als eine Million Arbeitslose im Land - auch wir auf der Linken können das nicht allein lösen. (Markus Bernath, DER STANDARD - Printausgabe, 5./6. Dezember 2011)

Moncef Ouhaibi (62) ist Verfasser zahlreicher Gedichtbände sowie Literaturprofessor an der Universität von Kairouan in Tunesien. Sein neuer Gedichtband "Que toute chose se taise" erscheint im Jänner bei Éditions Bruno Doucey, Paris. Ouhaibi ist ein Aktivist der linken tunesischen Partei Ettajdid.

*Eine Konferenz in Sofia, wo sich Vertreter des Arabischen Frühlings und der Wende von 1989 getroffen haben.

  • Moncef Ouhaibi: "Die wirtschaftlichen Probleme, vor denen die Islamisten
 stehen, sind enorm. Mehr als eine Million Arbeitslose im Land - auch 
wir auf der Linken können das nicht allein lösen."
    foto: markus bernath

    Moncef Ouhaibi: "Die wirtschaftlichen Probleme, vor denen die Islamisten stehen, sind enorm. Mehr als eine Million Arbeitslose im Land - auch wir auf der Linken können das nicht allein lösen."

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