Wider die Macht der Riesen: Bei Wikirating, dem Projekt eines Österreichers, haben Moody's und Co. nichts zu sagen. Hier bewerten Sie und ich
Ratingagenturen sind umstritten, ihre Rolle in der Finanz-
und Schuldenkrise ist es ebenso. Standard
& Poor's, Moody's und Fitch kennt heute jeder, weit über die Finanzbranche
hinaus eilt ihnen ihr mittlerweile eher zweifelhafter Ruf
voraus. Die Europäische Union hat
bislang vergeblich versucht, den gewerbsmäßig agierenden Bewertern von Staaten
und Unternehmen die Flügel zu stutzen. Geht es nach Dorian Credé, so soll dies
aber kein unveränderlicher Zustand sein. Credé hat Wikirating gegründet. Eine
Plattform nach dem Vorbild von Wikipedia und WikiLeaks.
"Wikipedia, und später in ähnlicher Form WikiLeaks, wären nie
das geworden, wenn nicht viele Menschen mitgewirkt hätten", sagt der gebürtige Österreicher
im Gespräch mit derStandard.at. Genau da setzt sein Projekt auch an. Kluge
Zeitgenossen sollen schaffen, was die
Politik nicht schafft. Wie die Bonitätswächter selbst, vergeben hier die User
Noten an Länder und Unternehmen. Wie bei den Ratingagenturen, steht auch hier
eine Buchstabenkombination zur Verfügung: Von AAA (höchste Bonität) bis D
(Default=Zahlungsausfall) reicht die Skala.
Ernste Alternative
Den größten Unterschied zwischen seinem Projekt und den
Agenturen sieht Credé in der Glaubwürdigkeit der Abstimmung: "Wikirating ist
die erste freie transparente und unabhängige Plattform für Credit-Ratings." Als
Spaßprojekt versteht er die Sache aber nicht: "Die Vision ist, dass Wikirating eine Quelle für unabhängige und
glaubwürdige Credit Ratings werden wird, also eine ernste Alternative zur
amerikanischen Dominanz der drei Rating Agenturen. Amerika hat Wikipedia,
Ozeanien hat WikiLeaks und Europa hat eventuell ... Wikirating?"
Getrieben haben den Mathematiker, der an der ETH Zürich
studiert hat, die Emotionen. Seit Jahren
beschäftige er sich neben seinem Job in der IT-Branche mit Finanzmärkten. Dabei
habe er ein Missverhältnis zwischen dem Erfolg und dem Einfluss der
Ratingagenturen konstatiert: "Mit den Beispielen Island und Lehman Brothers
haben die Ratingagenturen für mich ziemlich an Glaubwürdigkeit verloren." Ganz
alleine mit diesem Zweifel war Credé nicht. Doch trotz der Tatsache, dass die
Bonitätswächter rund um die Finanzkrise 2008 auch Ramschpapiere als sichere
Geldanlage angepriesen hatten, blieb die Macht der der US-Größen unbestritten
und unbeschnitten. Eine EU-Alternative wurde bislang heiß diskutiert, aber nie
auf die Beine gestellt. Credé ärgerte sich über dieses Nichtstun. Im Frühjahr 2010 machte er sich auf die Suche nach ernst
zu nehmenden, unabhängigen Alternativen. Allein, es gab sie nicht.
Aufwändiges Projekt
So machte der 37jährige zusammen mit seinem Arbeitskollegen
Erwan Salembier Nägel mit Köpfen. Nachdem es kein Open-Source-Projekt für
Ratings gab, gründete er kurzerhand selbst eines. "Technisch habe ich mich gut
ausgekannt. Außerdem habe ich bei Wikpedia als Autor mitgearbeitet. Und wir
wollten beweisen, dass es geht." Gemeinsam
mit Salembier opferte er Urlaub und Freizeit – mehr als 1.000 Stunden sammelten
sich an. Im September 2011 ging Wikirating.org online, über 2.100 Nutzer haben
bislang ihre Chance zur Mitbestimmung genützt.
Geratet wird nach zwei Methoden. Erstens per Abstimmung,
bei der jeder nur einmal ein Land bewerten darf, um Manipulationen
hintanzuhalten. Zweitens nach dem
Sovereign Wikirating Index (SWI), einem Rechenmodell, dass Credé entwickelt
hat. Was dabei in Rechnung genommen wird:
Gesamtverschuldung, Zahlungsbilanz zwischen Import und Export,
Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosenquote. "Daten, die einem auch
der Hausverstand nahelegt", erklärt der Mathematiker sein Modell. Und Daten,
die jeder abrufen kann, das Rechenmodell ist online einzusehen. Was die Methode betrifft, so sei hier nichts in
Stein gemeißelt, sagt Credé: "Der Grundstein für Wikirating ist gelegt - zwei
Rating Methoden sind jetzt schon aufgeschaltet und dienen als Grundlage für
eine Weiterentwicklung und Anpassung durch die Community." Wikirating ist damit das Gegenteil von der
Konkurrenz. Die lässt sich weniger gern in die Karten schauen, hat sie doch ein
Geschäftsmodell zu verteidigen.
A-Klasse für Austria
Wer einen Blick auf die Seite wirft, stellt fest, dass fast
alle großen Industrienation nach dem Wikirating Modell schlechter bewertet
werden, als von den drei großen Agenturen. Deren Noten stehen zum Vergleich
übrigens gleich daneben. AAA-Länder wie Deutschland oder Großbritannien
schaffen es hier nur in die A-Klasse. Österreich gesellt sich da übrigens dazu. Triple-A sucht man hier vergeblich. Gerade einmal AA gibt es für die Schweiz und Liechtenstein.
Dass die Ratings von irgendwem und nicht unbedingt von
Experten stammen, dass sich die Bewerter möglicherweise zu sehr von Emotionen
treiben lassen, sieht Credé eher gelassen. "Emotionen sind eine gewisse Gefahr.
Andrerseits reagieren ja durchaus auch die Märkte irrational." Grundsätzlich
findet er, dass die User schlussendlich erstaunlich gut und realistisch
abstimmen. Und Kritik an seinem System hält er aus: "Die Diskussion ist ja
immerhin das Wesen einer Open-Source-Seite. Und jeder der es besser kann, ist
herzlich willkommen." (Regina Bruckner, derStandard.at, 4.1.2012)