Tücken des Gesundheitssystems

An kleinen Rädchen drehen

Kommentar | Andrea Heigl , 3. Jänner 2012, 19:49

Komplex ist überhaupt so ziemlich alles im Gesundheitssystem - Die grundlegende Reform ist nicht durchführbar

Wenn man sich das vergangene Jahr im nachrichtlichen Zeitraffer ansieht, dann könnte man zu dem Schluss kommen, die Lösung aller Probleme im Gesundheitssystem bestehe aus nur vier Buchstaben: Elga. Zumindest wurde kein gesundheitspolitisches Thema 2011 so heiß diskutiert wie die elektronische Gesundheitsakte, was vor allem am vehementen Widerstand dagegen liegt. Ein Knopfdruck, und jeder weiß, wie es um die Gesundheit des Nachbarn, des zukünftigen Mitarbeiters oder des Bundespräsidenten bestellt ist? In Wahrheit ist es schon um einiges komplexer, als die Gegner von Elga suggerieren; aber so lassen sich gut Emotionen erzeugen. 

Komplex ist überhaupt so ziemlich alles im Gesundheitssystem. Die grundlegende Reform, nach der alle rufen, sie ist nicht durchführbar, egal welcher Wunderwuzzi im Gesundheitsministerium sitzt. Finanzierung aus einer Hand, das Mantra der Gesundheitsökonomen - zum Scheitern verurteilt, solange nicht die Bundesländer abgeschafft und/oder die 22 Krankenkassen zusammengelegt werden. Also bleiben die beiden parallel verwalteten Systeme - Spitäler und niedergelassene Ärzte - bestehen. Was diese Doppelgleisigkeit jährlich an Mehrkosten verursacht, ist schwer zu beziffern, es ist jedenfalls eine Zahl mit vielen Nullen. Drei Milliarden Euro Sparpotenzial ortet das Institut für Höhere Studien schon seit Jahren im Gesundheitssystem; von 1,8 Milliarden Euro sprach kürzlich ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf. 

Viel ärgerlicher als die perpetuierte Unreformierbarkeit ist aber, wie das Kompetenz-Wirrwarr den Patienten auf den Kopf fällt. Geraten sie in die Nähe der Schnittstellen, dann wird es kompliziert oder teuer oder beides. Von ihnen verlangt man, sich möglichst kostenschonend vom Hausarzt zum Facharzt, ins Krankenhaus und wieder zurück zu navigieren, die Genehmigungen für Untersuchungen und Medikamente einzuholen und die eigenen Diagnosen im Kopf zu haben. Das alles in einer Situation, in der man sich als Nichtmediziner ohnehin ausgeliefert fühlt, in der es im schlimmsten Fall sogar um Leben und Tod geht. Dazu muss man nicht nur geistig topfit sein, es setzt auch ein Grundverständnis für österreichische Befindlichkeiten voraus. Wie ergeht es dabei wohl der demenzkranken Pensionistin? Oder dem Zuwanderer, der nicht gut Deutsch spricht?

Auch wenn das in Reformdiskussionen kein populärer Ansatz ist: Angesichts der politischen Realitäten ist das Einzige, was das kranke Gesundheitssystem nachhaltig heilen könnte, das Drehen an den kleinen Rädchen. Ein bisschen Bürokratieabbau hier, ein bisschen Ressourcenbündeln da. Das freut nicht nur die Finanzministerin, es macht im besten Fall auch den Patienten das Leben leichter. So gesehen wäre Elga zwar immer noch nicht die Lösung aller Probleme, aber doch ein maßgeblicher Schritt: eine Informationsbrücke zwischen zwei Systemen, die auch auf lange Sicht nicht zusammenführbar sind. (DER STANDARD; Printausgabe, 4.1.2012)

Kommentar posten
17 Postings
Rudi Ratlos7
00
Danke, jetzt ist es mir klar.

eigentlich wusste ich bisher nicht, was ich von ELGA halten soll. Die kosten unklar, der Nutzen für mich nicht sichtbar. Nach dieser Meinung ist die Drohung klar formuliert. für die dementen und fremdsprachigen: kein arzt der sich verantwortlich fühlt (nach langer und aufwendiger Sozialisation im Ärztesystem), sondern eine elektronische bürokratische datensammlung. damit der eigenverantwortliche Demente die Schnittstellen besser umschifft und besser an den Segnungen der österreichischen Bürokratie gesundet.

Jetzt ist die Drohung klar.

x aeins
00

Nostalgie der Fünfziger: da kommt Freude auf
Qualtinger/Travnicek: Woos brauch i dees?

Dr. Christian Husek
01
jahrzehntelanges Versagen der Gesundheits-Politik

Es stimmt - Unser Gesundheitssystem ist komplex und jeder sieht nur bis zum eigenen Tellerrand.

Umso mehr wehren wir Ärzte uns gegen uns von medizinische Laien ("Gesundheitsexperten", "-ökonomen", etc.) im Namen der Patientensicherheit, etc. aufgezwungene Systeme, die nur zur Befriedigung bürokratischen Kontrollzwangs der SV dienen.

Andererseits beginnen wir alternden, erfahrenen Ärzte uns bereits selbst zu fürchten, welche Kollegen uns in 10 bis 15 Jahren unter den gegeben Rahmenbedingungen eines solchen Kassensystem und dieser medizinischen Ausbildung (Turnusärzte als Schreibkräfte, fehlende Lehrpraxenförderung, u.v.m.) behandeln werden.

Evidenz und Qualitätssicherung bzw- assessment muß endlich auch in der Politik passieren!

mikromalist
 
00
Über den Tellerrand blicken.

Ja, das empfehle ich auch.
Unser System sei das Beste, sagen alle, und noch ausgeglichen, sagen die Kassen und Gesundheitspolitiker.
Nur weil wir für eine Pipifaxlohn schuften, sagen die Ärzte.

In der Zwischenzeit hat sich still und leise die Spitals-Subventionssumme auf EUR 8 Mrd erhöht.
(die immer überbordenden Agrarsubventionen weit überholt)

Nicht nur, dass das Betrug an der Kostenwahrheit ist, sondern welche Erklärung haben Sie, dass die "Inflation" im Gesundheitswesen Xmal so hoch ist, wie die übrige?

Der Apparatemedizin-Wettbewerb der Spitäler?
Die Doppelfunktion -Spital + Privatpraxen?
Die Medikamentepreis-Spirale durch Ärzte-Pharma Verflechtung?
Die Primarfürstentümer?
.........

naja2010
00
stehlen ist so einfach....

mir ist ein Fall bekannt, wo ein Herr, der ein neues Ärztezentrum entwickelte, einem beworbenen Kunden seinen Umsatz auf den Kopf zugesagt hat. Auf die Frage, woher er denn das wüsste, antwortete er, er habe einen Mitarbeiter, der bei einer der großen EDV Firmen für die WGKK tätig sei, und da sei es doch ganz einfach, an solche Zahlen zu kommen.
Das war ihm noch nicht einmal unangenehm, eher so eine Art arroganter -die Technik und meine Moral schaffen das - Vertreterstolz.
So schauts aus.

Denkorant
01
Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird. (Teil 2)

Drittens: Kann man wirklich aus dem System aussteigen?

Selbst wenn 20% der Versicherten sich entschließen nicht mitzumachen, stehen noch immer 80% an Datensätzen zur Verfügung. Ein Arbeitgeber wird daher nur noch Gespräche mit potentiellen Mitarbeitern führen, wo er Daten zur Verfügung hat (ähnlich Versicherungen). Hier die Kernforderung: Unbedingt eine freiwillige Anmeldung und auf keinen Fall ein aufgezwängtes Abmeldungsverfahren!

Ach ja – sind Kinder bis zur Volljährigkeit Zwangsverpflichtet dabei zu sein?

Ein zu Recht verärgerter Patient!

x aeins
00

als Patient sollte dich mehr ärgern, dass die Ärztekammer mit ihrer Aktion nicht dich schützt, sondern ihre untüchtigen Mitglieder (ähnlich der Eisenbahnergewerkschaft)

Denkorant
00
Als mündiger Patient ist mir bewusst

Erstens:
Natürlich vertritt die Ärztekammer die Interessen der Ärzte (Selbstverständlichkeiten sollten einen nie ärgern)

Zweitens:
Müssen die Anliegen der Ärzte nicht immer den Anliegen der Patienten wiedersprechen (Gerade im Fall Elga fallen hier die Interessen der Ärzte mit meinen als Patient teilweise zusammen) Die Aussage: "untüchtige Mitglieder" zeugt leider von einer gewissen Voreingenommenheit.

Drittens (und als wichtigstes):
Jeder der bei Elga dabei sein will sollte seine Zustimmmung geben müssen (derzeit ist es geplant jeden nicht Informierte einfach in das System zu zwingen. Dann müssen auch nicht viele Informiert werden.......)

Denkorant
01
Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird. (Teil 1)

Erstens: Gestohlen wird, was wertvoll ist!

Wertvoll sind die Gesundheitsdaten weil jeder Arbeitgeber lieber gesunde als potentiell krankheitsanfällige Mitarbeiter beschäftigt. Wenn wir annehmen, dass ein Mitarbeiter einem Arbeitgeber 80.000€ pro Jahr kostet, lassen sich hierdurch schon Millionenbeträge an Einsparungspotential (in dem Fall für Arbeitgeber) berechnen. Hierbei sind Begehrlichkeiten von Versicherungen noch gar nicht berücksichtigt. Daher: Diese Gesundheitsakte ist hunderte Millionen von € wert.

Zweitens: Es gibt keinen absoluten Schutz!

Wie viele Mitarbeiter haben Zugang zu diesen hochbrisanten Daten (Systemverwalter)? Es reicht hier ein Mitarbeiter (mit Zugang) welcher erfolgreich bestochen oder unter Druck gesetzt wurde.

x aeins
20

paraniode Konstruktion. Als Arbeitgeber stell ich nach Qualifikation ein, nicht nach Luis-Trenker-Robustheit

Denkorant
02
Begrenzte Vorstellungsgabe

Als Arbeitgeber stellt man Mitarbeiter unter andem wegen seiner Qualifikation ein. Ein anderer wichtiger Punkt ist aber auch die Verfügbarkeit (es gibt natürlich noch weiter). Oder welchen Grund gibt es Ihrer Meinung nach, warum noch familiengründende Frauen es so schwer haben, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden?

Welchen Unternehmen würde dies besonders viel bringen? Natürlich Konzernen mit sehr vielen Mitarbeitern.

Über manche Konzerne gibt es bereits jetzt öffentliche Dokumentationen, hinsichtlich Ihrer Geschäftspraktiken mit Ihren Mitarbeitern.

x aeins
00

Lieber Freund, nach 40 Jahren Industrietätigkeit darf ich dir mitteilen, dass wir keinen einzigen Mitarbeiter nach Gesundheitskriterien ausgewählt haben. Allerdings haben wir nicht Torf gestochen - soll auch selten geworden sein, heutzutage. Ausßerdem müsst dir der gesunde Menschenverstand sagen, dass du aus dem Gesundheits-Istzustand nur sehr begrenzt auf übermorgen schließen kannst.

Denkorant
01
Die kleine Welt in der man lebt...

Internationale Konzerne führen manchmal eigene Gesundheitsakten (dazu gehören natürlich selten kleinere und mittlere Betriebe mit weniger als 250 Mitarbeitern).

Ein Beispiel (Achtung von vielen): Es gibt wohl bekanntlich einen Konzern (Daimler), welcher von allen seinen Bewerbern ein Blutbild machen lässt (natürlich ganz freiwillig).

40 Jährige Erfahrung bedeutet leider nicht immer automatisch über den eigenen Tellerrand geschaut zu haben (Dies könnte auch mich betreffen).

Die Kernfrage lautet: Warum will man zwanghaft in die Privatsphäre "ALLER" eingreifen um ein bischen an Kosten zu sparen.

PS: Es freut mich, dass ich durch mein Schreiben einen soo großen Eindruck hinterlassen habe, um als "lieber Freund" beschrieben zu werden

x aeins
00

bleibt für mich paranoid
was willst du aus einem "Blutbild" denn ableiten, was einen Personalchef interessieren könnte?

Denkorant
00
Phantasie verleiht Belastung

Nach 40 Jahren in der Industrie will man natürlich seinen Lebensabend genüsslich verbringen und sich nicht mehr belasten. Kann ich natürlich nachvollziehen.

Daher mein Tip: Weg vom Computer -keine Eigenrecherche und das denken bitte einschränken (und am besten nicht mehr weiterlesen).

Fals das hier doch gelesen wurde (also mein Ratschlag nicht angenommen wurde) ein paar möglich Antworten (die aber bitte nicht zu weiteren Fragen an mich führen sollten!).

Drogenkonsum (auch Alkohol), Diapetes, Erbkrankheiten, Allergien, HIV, Ernährungsgewohnheiten, Raucher,.....

PPS: Ich hoffe nicht jeder welcher sich mehr vorstellen kann ist Paranoid, und nicht jeder Paranoide Ihr Freund

x aeins
00

was du aus einem "Blutbild" herauslesen kannst - gratuliere! Könnt man sich etliche aufwendige Untersuchungen ersparen. Und dann der Einsatz deines Wissens in Betrieben, um das ideale Personal zu gewinnen (antialkoholische allergiefreie cholesterinarme Psychos, oder was?)
Wie gehts dir denn so, auf deinem Wega-Planeten? Starke Strahlung?

Medicus58
00
Komplex ist überhaupt so ziemlich alles im Gesundheitssystem.

Frau Heigl auf den Spuren von Sinowatz ... es besteht noch Hoffnung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.