Kampfkäfer und Langstreckenflieger

3. Jänner 2012, 19:07
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Das Insekt des Jahres 2012 ist der Hirschkäfer - Er steht stellvertretend für alle anderen, weniger auffälligen Käferarten, die sich in den heimischen Wäldern tummeln und deren Lebensraum zunehmend bedroht ist

Wenn es ein Insekt gibt, das auch absolute Laien gut erkennen, dürfte es der Hirschkäfer sein - zumindest der männliche: Mit maximal neun Zentimetern Körperlänge ist er nicht nur der größte, sondern mit seinem drei Zentimeter langen "Geweih" wohl auch der auffälligste Käfer Europas.

Im Osten Österreichs hat man noch gute Chancen, auf ihn zu treffen, doch im restlichen Bundesgebiet sowie in Deutschland und der Schweiz gehört er zu den Raritäten. Das liegt in erster Linie an seiner Lebensweise: Wie viele andere Arten ist er auf Totholz angewiesen, und das ist rar in den heutigen Wäldern. Grund genug für die Österreichische Entomologische Gesellschaft und den Naturschutzbund Österreich, den Hirschkäfer zum "Insekt des Jahres 2012" zu küren.

Freilich wird nicht jeder Hirschkäfer neun Zentimeter lang: Die Größen der Männchen reichen im Normalfall von 35 bis 75 Millimeter, die Weibchen sind mit 25 bis 45 Millimeter deutlich kleiner. Selbst das namengebende "Geweih", bei dem es sich um die extrem verlängerten Mandibeln (Oberkiefer) handelt, ist nicht immer gegeben: Unter schlechten Bedingungen entwickeln sich "Rehkäfer", bei denen die Männchen weibchenhafte Mundwerkzeuge ausbilden. Doch nicht alles, was kein Geweih hat, ist deswegen gleich ein Rehkäfer: Die Familie der Schröter (Lucanidae), zu denen der Hirschkäfer (Lucanus cervus) gehört, ist hierzulande mit sieben Arten vertreten. Weltweit sind es mehr als 1500, die meisten davon leben in Süd- und Südostasien.

Der Großteil des Hirschkäferlebens spielt sich unter der Erde ab. Es beginnt damit, dass das Weibchen sich an der Außenseite eines morschen Wurzelstockes 30 bis 50 Zentimeter tief in die Erde gräbt und dort seine Eier ablegt. Aus diesen schlüpfen nach rund zwei Wochen die Larven, die die nächsten fünf bis acht Jahre unterirdisch verbringen. Währenddessen fressen sie sich durch das morsche und verpilzte Holz "ihres" Wurzelstockes und bauen es dabei zu Mulm (zersetztes Holz, Anm.) um. Nach insgesamt zwei Häutungen sind die Larven zehn bis zwölf Zentimeter groß und bis zu 16 Gramm schwer. Aus Erde und Mulm bauen sie sich zu diesem Zeitpunkt ihre Puppenwiege: eine faustgroße Erdkammer, deren Wände mit Nahrungsbrei und pilz- und bakterienabtötenden Sekreten ausgekleidet sind.

Nach etwa sechs Wochen schlüpfen die Käfer, bleiben aber noch im Boden. Erst im Juni/Juli graben sie sich aus der Erde und begeben sich auf Partnersuche. In Deutschland durchgeführte Untersuchungen, bei denen die Käfer mit winzigen Sendern ausgestattet wurden, zeigten, dass die Tiere dabei erstaunlich weit fliegen können: Männchen bis zu maximal drei Kilometer, Weibchen immerhin bis zu einem.

Die erwachsenen Käfer leben nur wenige Wochen. Während dieser Zeit nehmen sie keine feste Nahrung zu sich, sondern lecken in erster Linie Saft, der aus Wunden verletzter Bäume austritt. Die Weibchen sind dabei imstande, mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen selbstständig Leckstellen in die Rinde zu beißen. Das "Geweih" der Männchen ist dazu nicht geeignet - es dient in erster Linie dazu, Fortpflanzungsrivalen in einer Art Ringkampf auf den Rücken zu zwingen oder vom Baum zu werfen. Beide Geschlechter besitzen jedoch auch pinselförmige Mundwerkzeuge, mit denen sie Säfte auflecken.

Männchen lieben Kirschen

Die Männchen sind in puncto Ernährung allerdings nicht so hilflos, wie lange Zeit vermutet wurde: Während man früher davon ausging, dass sie weitgehend darauf angewiesen sind, von den Weibchen mit Leckstellen versorgt zu werden, zeigten Versuche an der Universität Wien vor einigen Jahren, dass sie sehr wohl imstande sind, selbstständig Früchte zu zerquetschen und zu fressen.

In freier Natur kommen dafür in erster Linie Kirschen infrage, da es die einzigen Früchte sind, die zur Hauptaktivitätszeit der Käfer in großen Mengen vorhanden sind. In den Donauauen aufgehängte, mit Kirschen beköderte Flaschenfallen lockten vorwiegend Männchen an. Auch bei Wahlversuchen im Labor bevorzugten die männlichen Tiere überreife Kirschen, während die Weibchen eher dem Ahornsirup zusprachen.

Das Zusammentreffen der Geschlechter erfolgt jedenfalls an Bäumen mit Saftleckstellen, wo auch die Ringkämpfe der Männchen stattfinden. Das erfolgreiche Männchen stellt sich schließlich über das Weibchen, hindert es am Weglaufen und verteidigt es gegen Artgenossen und Feinde, ehe es - oft erst nach Tagen - zur Kopulation und im Anschluss zur Eiablage kommt. Bald nach der Fortpflanzung sterben die Tiere.

Brutplätze werden selten

Während ihres kurzen oberirdischen Lebens stehen sie bei jeder Menge Tiere auf dem Speiseplan: so bei Spechten, Eulen, Krähen, Katzen, Mardern, Igeln und Dachsen, um nur einige zu nennen. Die sind es jedoch nicht, die den Hirschkäfer in vielen Gebieten so selten werden lassen. Das Hauptproblem ist vielmehr das Fehlen geeigneter Brutplätze.

Zwar scheinen die Käfer nach neuesten Ergebnissen nicht so sehr auf Eichen fixiert zu sein, wie bisher angenommen wurde, sondern legen ihre Eier auch an den Wurzeln anderer Laubbäume, aber alt und modrig müssen sie schon sein.

Entsprechend alte Bäume bzw. morsches Holz haben in den meisten heutigen Wäldern jedoch Seltenheitswert. "Laubbäume entwickeln modrige Wurzeln gewöhnlich erst nach 200 bis 300 Jahren", wie Johannes Gepp, Vizepräsident des Naturschutzbundes Österreich, ausführt. "Und die Forstwirtschaft lässt keine 350 Jahre alten Bäume stehen. Außerdem werden Nadelbäume bevorzugt, weil sie schneller wachsen und früher geerntet werden können."

Totes und moderndes Holz ist jedoch nicht nur für den Hirschkäfer lebenswichtig, sondern auch für zahlreiche andere Arten: "Ein einziger Altholzbestand kann bis zu 1700 Käferarten beherbergen", betont Gepp. Die sind natürlich nicht alle so auffällig und schön wie der Hirschkäfer, deshalb ist dieser stellvertretend für sie alle das "Insekt des Jahres 2012". (DER STANDARD, Printausgabe, 04.01.2012)

  • Das namensgebende "Geweih" des imposanten Hirschkäfermännchens wird von den 
extrem verlängerten Mandibeln (Oberkiefer) gebildet. In erster Linie dient es 
dem Kampf gegen Rivalen. Der Großteil des Käferlebens spielt sich unterirdisch 
ab.
    foto: johannes gepp

    Das namensgebende "Geweih" des imposanten Hirschkäfermännchens wird von den extrem verlängerten Mandibeln (Oberkiefer) gebildet. In erster Linie dient es dem Kampf gegen Rivalen. Der Großteil des Käferlebens spielt sich unterirdisch ab.

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