Kommentar von Josef Kirchengast

Schaden für Amt und Demokratie

Kommentar | Josef Kirchengast, 3. Jänner 2012, 18:45

Die Affäre Wulff ramponiert die Institution und fällt auf Angela Merkel zurück

Er konnte ja nicht wissen, dass er einmal Bundespräsident werden würde: Das könnten Zyniker Christian Wulff zugute halten, der als Ministerpräsident von Niedersachsen den Kredit, den ihm eine Unternehmergattin gewährte, vor dem Landtag verschwieg. Jetzt ist Wulff als deutsches Staatsoberhaupt von seiner Vergangenheit eingeholt worden. Und durch sein Verhalten bestätigt er die Zweifler, die ihm die Statur für dieses Amt von Anfang an absprachen.

In seiner Erklärung vor Weihnachten gab Wulff zu, was er aufgrund der veröffentlichten Fakten nicht mehr verschweigen konnte. Sein Schweigen sei ein Fehler gewesen. Zugleich unterstrich er die zentrale Bedeutung der Pressefreiheit für die Demokratie. Dann aber wurde bekannt, dass der Bundespräsident persönlich Druck auf einen Chefredakteur ausgeübt hatte, um die Veröffentlichung des ersten Berichts über den Kredit zu verhindern.

Ob man dieses Verhalten nun als zynisch oder dreist oder als beides bezeichnet: Wulff hat nicht nur seine persönliche Glaubwürdigkeit zerstört, sondern auch das Amt des Bundespräsidenten schwer beschädigt. Und damit wird die Sache zur Staatsaffäre.

In Deutschland wie in Österreich und den meisten anderen europäischen Demokratien ist das Präsidentenamt vorwiegend repräsentativ, außer in Ausnahmesituationen. Seine wahre politische Bedeutung liegt in der moralischen Instanz: die Werte zu vertreten, auf denen das demokratisch-freiheitliche Gemeinwesen ruht - und die Stimme zu erheben, wenn diese Werte bedroht sind.

Dass Wulff dies nicht mehr glaubhaft kann, ist spätestens seit Montag klar. Je länger er im Amt bleibt, desto größer der Schaden für dieses Amt; und darüber hinaus für die gesamte politische Klasse, deren Ansehen ohnehin laufend sinkt; und damit auch für die Demokratie.

In Deutschland wird das Staatsoberhaupt von der Bundesversammlung gewählt, der die Mitglieder des Bundestags und ebenso viele von den 16 Landesparlamenten gewählte Wahlfrauen und -männer angehören. Das sind großteils ebenfalls Politiker, aber auch andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Interessen-vertreter, Künstler oder Sportler. Die Wahlfrauen und -männer sind nicht weisungsgebunden. Dennoch setzt sich in der Wahl üblicherweise der Regierungskandidat durch. Dessen Nominierung ist stark von Macht- und Parteitaktik bestimmt.

Wulff war der Wunschkandidat von Kanzlerin Angela Merkel. Sie wollte keine starke Persönlichkeit neben sich an der Staatsspitze, hieß es. Die hätte es in der Person des weithin geschätzten ostdeutschen Bürgerrechtlers Joachim Gauck, eines prominenten Mitkämpfers für die deutsche Einheit, gegeben. Gauck unterlag Wulff. Parteidisziplin siegte über Zivilcourage.

In einer Volkswahl wie etwa in Österreich hätte Gauck allen Umfragen zufolge gewonnen. Zwar ist auch die Wahl des Staatsoberhaupts durch den Souverän keine Garantie für unproblematische Entscheidungen (siehe Waldheim). Und in Deutschland gab es gewichtige historische Gründe dagegen (Wirren der Weimarer Republik). Dennoch gilt, dass ein vom Volk gewählter Präsident, eine Präsidentin in demokratischen Grundsatzfragen wie in Krisensituationen mehr Gewicht hat. Und im Zweifelsfall wird man sagen können, das Volk habe eben das Staatsoberhaupt, das es verdient.

Nur Zyniker würden behaupten, dass dies auch im Fall Wulff gilt. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2012)

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Jake Gittes
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Dass das auch nichts nützt beweist Heinz Fischer. Schwach angefangen, dann stark nachgelassen.

Dabei hatte ich mal eine gute Meinung von ihm. Als BP muss man aber wesentlich mehr Courage haben. Offenbar war ihm der Parlamentspräsident, der ja eine rein moderierende Rolle hat, besser auf den Leib geschneidert.

denise-a. langner-urso
 
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Und was, wenn der Bundespräsident krank wäre?

Dann hätte man ihm Unrecht getan und er könnte so gut wie unbeschadet aus der krise hervorgehen, sein amt niederlegen oder ruhen lassen und als sieger anschließend zurückkehren.
Wulff – Leidet der Bundespräsident an Pseudologie?
http://menschenzeitung.de/?p=11492

byron sully
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ich bin ein klarer anhänger der volkswahl des staatsoberhauptes (somit befürworter des österreichischen und gegner des deutschen modells). allerdings ist eine volkswahl aber auch kein garant dafür, daß die gewählten leute sich in ihrem amt besser machen.

frank franki
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Der deutsche BP ist ein noch unbedeutenderer Hanswurst, als der öBP.

Für die zweifelhafte "moralische Instanz" ist der Posten zu teuer und in Ausnahmesituationen hat sich dieses Konstrukt nicht bewährt (siehe Miklas).

Daher: BP abschaffen und die Kompetenzen auf die dann direkt gewählte Regierung und aufs Parlament aufteilen.

Kara Mustafa
 
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Welche Kompetenzen?

Pink Fanta
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ja

aber wir wurstbürger wählen unseren hanswurst selber

Ent-täuscher
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Wie schauts da mit der vielgepriesenen deutschen Rücktrittskultur aus?

Wird sie von Journalisten nur herbeigeschrieben, die uns vormachen, dass in D immer alles besser ist oder... (gibts die tatsächl.?)

masterpiece
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wir österreicher sollten uns nicht zu den moralaposteln aufspielen, nicht bei unserer politischen kultur welche wir hier hegen!

Plinius
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also, also...

...die Fr. Merkel tut mir ja so leid, ich kanns gar nicht sagen.
Zuerst holt sie sich einen eher unsymphatischen Karrieristen, boxt ihn durch und dann stellt sich heraus das genau der seinen Hals nicht voll bekommt.
Ja, da darf man schon mit Fr. Merkel mitschluchzen, oder?

Kuh Yvonne
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Liebe Deutsche, verglichen mit dem, was ein ehemaliger Finanzminister (der beste, schönste, größte...) bei uns aufgeführt hat, ist eure Affäre Wulff eine kleine. Ich frag mich allerdings, warum ihr dieser CDU/CSU überhaupt noch vertraut.

masterpiece
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es geht nicht um die partei, diese hat sehr wohl ein profil mit dem viele deutsche scih einverstanden erklären . hier geht es um ein klares, unwiderlegbares fehlverhalten einer einzelperson-welche unbedingt die konsequenzen zu ziehen hat!

vorteilsnahme im amt gibt es bei politikern ALLER parteien. da sind gregor gysi(die linke) und cem özdemir(bündnis90/die grünen) die ihre dienstlich erworbenen meilen( im gegenwert mehrere 10000euro) ihren familienmietgliedern privat zur verfügung stellten damit diese um die welt fliegen konnten, da wäre der ex-kanzler schröder(spd) welcher sich sein haus in hannover von genau DER baufirma(vielmehr einem tochterunternehmen)renovieren ließ zu einem vorzugspreis welches er durch seine initiative als bundeskanzler vor de ruin rettete( HOLZMANN AG).ihrer logik zufolge dürfte der wähler KEINER partei mehr vertrauen, hier gehts aber nicht um ideologien sondern um physische personen.

Kuh Yvonne
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Sauberes Posting, obwohl ich die CDU nicht haben muss. Grün dafür.

masterpiece
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vielen dank :-) .. ich wollte auch-nur damit sie mich nicht falsch verstehen- keine partei für die cdu/csu ergreifen.

nur bin ich mir sicher..egal welche partei den bp stellen würde/wird..wenn man tief genug gräbt findet man solches verhalten bei vielen politikern der ersten ebene-egal welche farbe das parteibuch hat.was mich wirklich ärgert ist dass der deutsche bp eifach nicht erkennt WIE sehr er schon dem amt geschadet hat und es im grunde für jemanden der einen funken anstand und ehrgefühl besitz nur bedeuten kann seine ämter niederzulegen. als erster bürger des staates repräsentiert er ja nicht allein die republik sondern eben auch deren bürger .

Rosemarie Brandstötter
 
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Ich schließe mich der Kuh Yvonne an !

post.it
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Darf ich raten

Der ist sicher SPD - stämmig ?

Fritz Meyer
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Darf ich raten...

Dein Weltbild ist eher schlicht gestrickt?

virginia plain
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genau,

deshalb war er ja auch merkels favorit.

übrigens ist er seit 1975 cdu-parteimitglied.

Hui Buh
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Ich wäre für eine Fanseite: "Bundespräsident abschaffen"

kombiniert mit dem Vorschlag "Franz Beckenbauer wird in Personalunion Fussballkaiser und König beider Deutschländer". Weil ihm der DFB die Gage bezahlt, sparen sie wirklich die Kohle für den hohlen Posten, bauen damit Schulden ab, vermieten das Bellevue an russische Touristen und Thomas Gottschalk darf jede Woche eine Neujahrsansprache an die Gummibärchen der Nation halten. ;o)

Freigeist78
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Hui, gefährliches Unwissen. Nur weil kaum jemand von uns eine echte Staatskrise miterlebt hat, bedeutet das nicht, dass sie nicht eintreten kann und da kommt dem Bundespräsidenten eine zentrale Rolle zu.
Eine Verfassung muss klare Verfahren für die schlimmsten denkbaren Fälle enthalten und da ist das Amt des Bundespräsidenten ganz, ganz wichtig. In Deutschland ebenso wie in Österreich. Auch wenn das im politischen Alltagsgeschäft kaum eine Rolle spielt.

Hui Buh
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@ Freigeist + michelkolhaas

I mean I dream.

Sowas von völlig humorbefreiten Reaktionspostings, S.A.G.E.N.H.H.A.F.T.

Möchte nicht in Ihrer Haut stecken, so witzlos durchs Leben gehen zu müssen. :-((

Mirstetta Toni
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ein ;O) ist da zu wenig. sie müssen schon "ich meine das jetzt ironisch!" anführen!

Hui Buh
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"Ironie off"

hätten ich bei den beiden Party Poopers schreiben müssen. ;o)

Danke für den Tip fürs nexte Mal. ;o)

michelkholhaas
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strikt: nein!

Da sei Kelsen vor! In Krisensituationen der Demokratie - und glauben Sie nicht, dass es diese nicht wieder geben kann - ist ein handlungsfähiger Präsident überlebenswichtig! Beim Abschaffen bzw. massiven Kürzen/Fusionieren der föderalen Strukturen (Landtage, Landesregierungen samt deren Ämtern, Landeshauptleute, Bezirkshauptmannschaften, Gemeinden) und der Umstrukturierung des Bundesrates bin ich aber sofort dabei!

random25
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faymann macht das ja auch

maxbz
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Gauck for Präsident

Wäre damals der optimale Kandidat gewesen und er ist es auch jetzt noch.

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