Kopf des Tages

Konservativer nach deutschem Geschmack

András Szigetvari, 3. Jänner 2012, 18:37

Zwischen Deutschland und Frankreich war der Belgier Peter Praet der perfekte Kompromiss

Zwischen Deutschland und Frankreich war der Belgier Peter Praet der perfekte Kompromiss. Berlin und Paris wollten jeweils ihre eigenen Kandidaten auf den renommierten Posten des Chefvolkswirtes der Europäischen Zentralbank (EZB) hieven. Sie scheiterten aber an der gegenseitigen Blockade. Übrig blieb Praet. Für Berlin ist er gut geeignet, weil er als währungspolitischer Konservativer nach deutschem Geschmack gilt. Außerdem ist er ein eingefleischter Bankenaufseher, ihm wird keine Nähe zu den europäischen Finanzministerien nachgesagt. Paris kann mit ihm auch leben, schließlich haben die Franzosen bei der Rettung der Beneluxer Dexia-Bank gute Erfahrungen mit dem Belgier gemacht.

Geboren wurde Praet im Jänner 1949 im kleinen Dorf Herchen in Westdeutschland. Sein Vater war belgischer Militärarzt und Teil eines aus Belgien während des Ost-West-Konflikt entsandten Soldatenkontingents, seine Mutter war Deutsche. Praet besuchte eine Schule bei Köln, studierte in Brüssel Wirtschaftswissenschaften. Nach Zwischenstopps beim Internationalen Währungsfonds und als Professor an der Freien Universität Brüssel (für Geldwesen) wechselte er 2000 in die belgische Notenbank.

Sein Aufgabenkreis dort war wegen der Gründung der EZB 1998 begrenzt, weshalb sich Praet in Denkfabriken engagierte. Mit Ausbruch der Finanzkrise war es mit der Ruhe vorbei: 2008 mussten die Beneluxer Fortis und Dexia-Bank in einem Kraftakt mehrerer Staaten gerettet werden. Praet galt als ein Architekt der teuren Bankenhilfe. Später ging er mit der eigenen Zunft hart ins Gericht und warf Zentralbankern vor, die Augen vor der aufziehenden Krise verschlossen zu haben. Umso mehr hat er sich nach 2008 um die Regulierung der Finanzindustrie bemüht: Er ist einer der Mitgestalter des Bankenregelwerkes Basel III und wurde Vizedirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der renommierten orthodoxen Denkfabrik der weltweiten Notenbanken.

Im März 2011 folgte mit der Berufung ins EZB-Direktorium der nächste große Karriereschritt. Bei der Anhörung im EU-Parlament sicherte er sich die Sympathien der Deutschen. Wichtigste Aufgabe der EZB sei es aus dem Krisenmechanismus herauszukommen und den Aufkauf der Staatsanleihen europäischer Krisenländer zu stoppen, sagte Praet damals. Zugleich lehnte er Eurobonds ebenso wie eine Entschuldung Griechenlands ab.(András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.1.2012)

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