Propagandakrieg der Kreativen

Exilanten im Dienst der US-Geheimdienste

Doris Griesser , 3. Jänner 2012, 18:41
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    foto: corbis

    Das Office of War Information: Ab 1943 gab es hier einen "Austrian Desk", wo eine illustre Gruppe von Exil-Österreichern Propagandamaterial produzierte.

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    foto: familie mayrhofer-grühnbühl / schneditz

    Eine Karikatur von Oliver von Schneditz-Rockhill, der wie viele andere Künstler und Intellektuelle sein Talent in den Dienst des US-Geheimdienstes stellte.

Tausende verfolgte Österreicher haben 1938 ihre Heimat verlassen und in der US-Armee gedient

Einige hundert von ihnen arbeiteten für amerikanische Geheimdienste als Produzenten "schwarzer" oder "weißer" Propaganda - Ein Grazer Historiker sucht ihre Spuren.

* * *

Erotische "Fun"-Bilder erfreuten sich besonderer Beliebtheit unter den deutschen und österreichischen Frontsoldaten: etwa jene Zeichnung von zwei deutschen (Ehe-)Frauen in eindeutig homoerotischer Pose mit dem Bildtext "Neue Gewohnheiten in der Heimat (Der Mann ist ja im Felde)"- ein Produkt aus amerikanischen Propagandawerkstätten.

Noch provokanter war etwa die Darstellung eines NS-Parteibonzen mit erigiertem Geschlechtsteil, der kurz vor der Vergewaltigung der Frau eines Soldaten noch den Hitlergruß ausführt - Titel: "Die Partei greift durch". Ziel dieser ebenso drastischen wie psychologisch wohldurchdachten Propagandazeichnungen war es, über die sexuellen Nöte und Fantasien der Soldaten ihre Ängste und Unsicherheiten bezüglich der Vorgänge in der Heimat zu schüren und damit den Kampfgeist zu unterminieren.

Zeichner und Verfasser dieser Bilder, die in Form von zigtausenden Flugblättern hinter den feindlichen Linien verbreitet wurden, war der ehemalige österreichische Medizinstudent und Journalist Eddie Linder. Er flüchtete 1938 infolge des "Anschlusses" an Deutschland aus Wien und gelangte über die französische Fremdenlegion und ein Arbeitslager in der Nordsahara schließlich zum amerikanischen Kriegsgeheimdienst OSS (Office of Strategic Services), einer Vorläuferorganisation der CIA.

Ziel der OSS-Propagandaabteilung war die Demoralisierung des Feindes mit allen verfügbaren Mitteln. "Wie Linder waren hunderte Exil-Österreicher und -Österreicherinnen mit der Produktion von Propaganda in amerikanischen Kriegsinstitutionen betraut", erklärt Florian Traussnig, Mitarbeiter am Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) an der Uni Graz. Im Rahmen seiner Dissertation am Institut für Geschichte hat Traussnig bereits an die 150 österreichische Flüchtlinge im Sold von verschiedenen US-Propagandaeinrichtungen ausfindig gemacht.

Sex-Cartoons und Popsongs

Einige Dutzend von ihnen standen im Dienst des OSS, das alle Formen "schwarzer" Propaganda produzierte, deren Urheber nicht deklariert oder fingiert wurden. Die Palette reichte von gefälschten Dokumenten und Nachrichten über subversive Sex-Cartoons und Propaganda-Songs bis hin zu Flugblättern. Diese wurden teils in Millionenauflage produziert und von Flugzeugen abgeworfen. In Spezialoperationen wurden auch Wehrmachtsdeserteure unter falschem Namen mit Propagandamaterial zu ihren Truppen zurückgeschickt.

Populäre Melodien wurden mit demoralisierenden Texten unterlegt, die oft sehr subtil pessimistische Inhalte in die Gedankenwelt deutscher Soldaten einzuschmuggeln versuchten. Ein vom geflüchteten österreichischen Kabarettisten Lothar Metzl umgearbeiteter Text des amerikanischen Popsongs No love, no nothin' ging so: "Es hält ihr Wort ein jedes Mädchen aus Liebe für den Mann. Doch fragt sich heute ein jedes Mädchen, wie lang sie treu sein kann."

Unter den österreichischen OSS-Mitarbeitern befand sich auch der Kärntner Aristokratensohn Oliver von Schneditz-Rockhill, dessen Kriegsgeschichte wie ein Hollywooddrehbuch anmutet: Wie Eddie Linder war der Grafiker bei der französischen Fremdenlegion, dann im algerischen Zwangsarbeitslager - pikanterweise zur selben Zeit, als sich auch sein Vater als deutscher Offizier in Nordafrika aufhielt. Vergeblich versuchte dieser den Sohn zur Aufgabe seines antifaschistischen Widerstands zu überreden. Nach Kriegsende wurde Gilbert von Schneditz als "führender Nazi" verhaftet und erst durch die Intervention seines "abtrünnigen" Sohnes wieder entlassen.

Anders als das oft sehr aggressiv agierende OSS produzierte das Office of War Information (OWI) sogenannte "weiße", also offen verbreitete Propaganda. In der Rundfunkabteilung dieser vor allem mit der positiven Selbstdarstellung der USA nach außen befassten Einrichtung gab es ab 1943 einen eigenen "Austrian Desk". "In der Moskauer Deklaration wurde Österreich 1943 als erstes Opfer Hitlerdeutschlands bezeichnet", sagt Florian Traussnig. "Das nutzten die Amerikaner, um die von ihnen immer wieder beobachteten latenten Ressentiments der Österreicher gegen die Deutschen gezielt zu schüren und damit zur Destabilisierung des NS-Regimes beizutragen."

So wurden von der Österreicher-Truppe am OWI zum Beispiel kabarettistische Radiosendungen produziert, die über alliierte "Feindsender" von den österreichischen Frontsoldaten und Zivilisten gehört werden konnten. Die Radiomacher waren eine schillernde Gruppe von Exil-Österreichern, die nicht nur für zum Teil sehr hochwertige Kabarettprogramme sorgten, sondern auch für zahlreiche Anekdoten. Es waren Sozialisten, Kommunisten, Monarchisten und sogar Austrofaschisten darunter, Journalisten, Schriftsteller, Grafiker, Kabarettisten und Intellektuelle - eine heterogene und zerstrittene Arbeitsgemeinschaft, deren Gemeinsamkeiten sich auf die Ablehnung des Nationalsozialismus und eine gewisse kreative Eignung für Propagandatätigkeiten beschränkte.

Polgar, Torberg, Farkas

Zu dieser illustren Gruppe gehörten zur selben Zeit etwa Julius Deutsch, einer der einflussreichsten Sozialdemokraten Österreichs in der Zwischenkriegszeit, und der als Pianist und Sprecher eingesetzte Friedrich Bock, ein der austrofaschistischen Vaterländischen Front nahestehender Exilant. Zwar keine offiziellen Mitarbeiter, aber wichtige Impulsgeber des "Austrian Desk" im OWI waren auch der bekannte Feuilletonist Alfred Polgar und der Komponist und Kabarettist Hermann Leopoldi, der immer wieder Manuskripte und Arrangements beisteuerte. Der 1940 in die USA emigrierte Schriftsteller Friedrich Torberg wiederum war als Redakteur im OWI sowie für die US-Armee und das OSS tätig.

Auch der im Nachkriegs-Österreich als Kabarettist sehr bekannt gewordene Karl Farkas hat in OWI-finanzierten Propagandasendungen mitgewirkt. "Er war übrigens einer der ganz wenigen Personen aus diesem hochkarätigen Kreis, die nach dem Krieg in Österreich wieder Fuß fassen konnten und wollten", sagt Traussnig. Auch wenn sich die Wirksamkeit dieser Propaganda vermutlich in Grenzen gehalten hat - "ihre Produzenten haben wie die tausenden österreichischen Soldaten in der US-Armee einen zumindest symbolischen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus geleistet", sagt Florian Traussnig. "Das wurde bislang viel zu wenig beachtet." (DER STANDARD, Printausgabe, 04.01.2012)

Kommentar posten
25 Postings
wolfgang10005
10
Frage an die Juristen

Ich glaube mich zu erinnern, dass man (zumindest derzeit) die Staatsbürgerschaft verliert, wenn man als österreichische Staatsbürger in einer fremden Armee dient.

Weiss jemand, ob es derartige rechtliche Rahmenbedingungen für die im Artikel genannten in fremden Armeen dienenden österreichischen Staatsbürger auch schon gab?

readymate
04
Was es zu der großen Zeit nicht gab, war:

Österreich...!

.

wolfgang10005
22
daher noch einmal meine Frage

spitzfindig oder was?

Dann war es halt die deutsche Staatsbürgerschaft, die nach dem Anschluss ehemals österreichischen Staatsbürgern bei Dienst in einer ausserhalb des deutschen Reiches befindlichen Armee allenfalls entzogen hätte werden können!

Das ändert nichts an meiner Eingangs gestellten Frage nach den damals geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen eines Verlustes der Staatsbürgerschaft (der österreichischen [vor dem Anschluss] oder der deutschen [nach dem Anschluss]) bei Dienst des Betreffenden in einer fremden Armee.

readymate
00
Haben S' es

noch nicht begriffen?

Nazideutschland war ein Unrechtsstaat, der seine Staatsbürger aus Rassenwahn etc. verfolgt und wenn es diesen noch gelang, zur Flucht gezwungen hat, und Sie stellen hier noch dümmliche Fragen nach der "Rechtmäßigkeit", in einer gegen diesen Verbrecherstaat kämpfenden Armee gedient zu haben...!

.

Dodelbert Engfuss
01
Hohe künstlerische Qualität der Karikatur!

Hitler mit dem Hodenbandorden...

Die Ressentiments hat es gegeben: Während des Krieges wurden die Deutschen von den Wienern MEXIKANER bzw. MOXIKANER genannt: es mog sie kana

Patrick Rusch
23
???

Kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein paar Leute mit - leider nicht nur leicht - nach rechts verrücktem Weltbild die Gunst des Artikels nutzen, um gegen "Linkslinke" (Bobos) und die "böse Ami-Propaganda" zu treten. Leute, ich bin ehrlich froh, dass es damals couragierte Zeitgenossen gab, die sich in den Dienst der richtigen Sache (Freiheit - nicht allein als Parteiname) stellten.

Patrick Rusch
01
Bitte um Entschuldigung

dass Du es nicht verstehst.

higgs - wozu?
67

freieheit? wo? in amerika? dort wo man die studenten prügelt wie in china und man mal kurz 700 demonstranten wegsperrt? dort wo es gefängnisse ohne menschenrechte gibt, wo die todesstrafe praktiziert wird, wo man einen patriot act hat, wo man in 3 jobs arbeitet und sich trotzdem keinen arzt leisten kann, dort wo 40mio von essensmarken leben, dort wo man in der öffentlichkeit keinen alk trinken, keinen tschick rauchen und für einen joint ins gefängnis wandert, dort wo ich nur genveränderte nahurng kaufen kann, dort wo die polizei ohne richterlichen beschluß mein haus stürmen darf, dort wo man angriffs - dauerkrieg für währung und öl führt, dort wo das einkommen der eltern über meinen erfolg entscheidet - meinst du das jetzt ernst?

schwejk
00
und was?

stark am thema vorbei.

Zenith1
02
Tja...,

das mag ja alles zutreffen. Dennoch stimmen die Menschen über die Freiheit mit den Füssen ab. In Amerika werden die Menschen am Einwandern und nicht an der Flucht gehindert! Ich hoffe, Sie erkennen den Unterschied.

leowagner
01
hätten sie dann lieber

die Braunen?

higgs - wozu?
00

ob blond ob braun......lalala - weißt, ist mir vollkommen tuteln welche farbe der hut hat, dan sich eine führungsform grad aufsetzt, weil es am fundament ihrer tätigkeit nicht das geringste ändert - einige führen, der rest schufftet - war immer so, wird immer so sein - wie es dem "rest" dabei geht hängt wiederum ausschließlich von der qualität, integrität und idealismus der "führenden" ab - wie du das ganze baby taufst ist dabei vollkommen wurscht, das prinzip war immer das gleiche - die unterschiedlichen namen und bezeichungen dienten nur der teilung, die das konzept "teile und herrsche" nunmal benötigt - ein feindbild, oder mehrere und egal wie sie heissen, sind die grundvorraussetzungen um uns zu beherrschen......

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
Farkas war auch VOR dem Krieg schon sehr bekannt in Österreich

(und Ungarn)

Frodo Der Hobbit
00
fools rush in...

soweit zur schnelligkeit der off topic posting..

Heinz Anderle
 
00
"Austrian Center for Intelligence, Propaganda & Security Studies" - ...

... die wohl berufenste Institution für die Herausgabe der kommentierten Werkverzeichnisse von Deix und Haderer...

Nur der Titel steht noch nicht fest: "Austria as it is" oder "Das muß Österreich sein"

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

Slaveverwandler
00

ist die schlichte Wahrheit denn zu gar nichts nütze?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
ich sehe in den zitierten "Propagandaschmähs"

keine Unwahrheiten.

no_milk_today
00

wahrheit ist überbewertet
...
und schon lange gestorben
...
oder sehen sie wen, der daran interessiert ist?

und wer braucht sie, wenn propaganda doch um so vieles wirksamer ist

Postingname geändert
66
bin schon gespannt,

wie sich hier im standard forum die diskussion zu diesem artikel entwickeln wird. amerikanische propaganda? buh! nazis? buh! was mach ma jetzt? was darf der linke bobo jetzt glauben?

Simplicius Simplicissimus
43
Er/Sie darf an die ...

... Weiterentwicklung von Biokampfstoffen glauben. In Zusammenarbeit von USA, Japan, UK, und Israel.

der schwitzbär der schwitzt sehr
12
na, hast doch gelesen

das mit dem Österreich als Opfer war nur ein Kabarretscherzi

je mehr die Zeitzeugen wegstarben (auch die ÖVPler und SPÖler), desto schuldiger wurden wir

Mob Barley
21

...die linken Bobos haben, wie die meisten anderen großen Kinder, längst alle ein iPhone u tun nur mehr gucki-drucki-gucki-drucki-gucki-drucki.....

Politisches Interesse momentan Fehlanzeige

gidolf
02

[gesendet von meinem iPhone]

Mob Barley
00

LOL!
like it!
best posting ever!!
LOOOOOOL!!!

Heinz Anderle
 
12
Für den gibt's ja dann immer noch die Commandantina...

... aus Boboville mit ihrem Reichtum an Begabung und Einfällen...

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

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