Tausende verfolgte Österreicher haben 1938 ihre Heimat verlassen und in der US-Armee gedient
Einige hundert von ihnen arbeiteten für amerikanische Geheimdienste als Produzenten "schwarzer" oder "weißer" Propaganda - Ein Grazer Historiker sucht ihre Spuren.
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Erotische "Fun"-Bilder erfreuten sich besonderer Beliebtheit unter den
deutschen und österreichischen Frontsoldaten: etwa jene Zeichnung von zwei
deutschen (Ehe-)Frauen in eindeutig homoerotischer Pose mit dem Bildtext "Neue
Gewohnheiten in der Heimat (Der Mann ist ja im Felde)"- ein Produkt aus
amerikanischen Propagandawerkstätten.
Noch provokanter war etwa die Darstellung eines NS-Parteibonzen mit
erigiertem Geschlechtsteil, der kurz vor der Vergewaltigung der Frau eines
Soldaten noch den Hitlergruß ausführt - Titel: "Die Partei greift durch". Ziel
dieser ebenso drastischen wie psychologisch wohldurchdachten
Propagandazeichnungen war es, über die sexuellen Nöte und Fantasien der Soldaten
ihre Ängste und Unsicherheiten bezüglich der Vorgänge in der Heimat zu schüren
und damit den Kampfgeist zu unterminieren.
Zeichner und Verfasser dieser Bilder, die in Form von zigtausenden
Flugblättern hinter den feindlichen Linien verbreitet wurden, war der ehemalige
österreichische Medizinstudent und Journalist Eddie Linder. Er flüchtete 1938
infolge des "Anschlusses" an Deutschland aus Wien und gelangte über die
französische Fremdenlegion und ein Arbeitslager in der Nordsahara schließlich
zum amerikanischen Kriegsgeheimdienst OSS (Office of Strategic Services), einer
Vorläuferorganisation der CIA.
Ziel der OSS-Propagandaabteilung war die Demoralisierung des Feindes mit
allen verfügbaren Mitteln. "Wie Linder waren hunderte Exil-Österreicher und
-Österreicherinnen mit der Produktion von Propaganda in amerikanischen
Kriegsinstitutionen betraut", erklärt Florian Traussnig, Mitarbeiter am Austrian
Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) an der Uni
Graz. Im Rahmen seiner Dissertation am Institut für Geschichte hat Traussnig
bereits an die 150 österreichische Flüchtlinge im Sold von verschiedenen
US-Propagandaeinrichtungen ausfindig gemacht.
Sex-Cartoons und Popsongs
Einige Dutzend von ihnen standen im Dienst des OSS, das alle Formen
"schwarzer" Propaganda produzierte, deren Urheber nicht deklariert oder fingiert
wurden. Die Palette reichte von gefälschten Dokumenten und Nachrichten über
subversive Sex-Cartoons und Propaganda-Songs bis hin zu Flugblättern. Diese
wurden teils in Millionenauflage produziert und von Flugzeugen abgeworfen. In
Spezialoperationen wurden auch Wehrmachtsdeserteure unter falschem Namen mit
Propagandamaterial zu ihren Truppen zurückgeschickt.
Populäre Melodien wurden mit demoralisierenden Texten unterlegt, die oft sehr
subtil pessimistische Inhalte in die Gedankenwelt deutscher Soldaten
einzuschmuggeln versuchten. Ein vom geflüchteten österreichischen Kabarettisten
Lothar Metzl umgearbeiteter Text des amerikanischen Popsongs No love, no
nothin' ging so: "Es hält ihr Wort ein jedes Mädchen aus Liebe für den Mann.
Doch fragt sich heute ein jedes Mädchen, wie lang sie treu sein kann."
Unter den österreichischen OSS-Mitarbeitern befand sich auch der Kärntner
Aristokratensohn Oliver von Schneditz-Rockhill, dessen Kriegsgeschichte wie ein
Hollywooddrehbuch anmutet: Wie Eddie Linder war der Grafiker bei der
französischen Fremdenlegion, dann im algerischen Zwangsarbeitslager -
pikanterweise zur selben Zeit, als sich auch sein Vater als deutscher Offizier
in Nordafrika aufhielt. Vergeblich versuchte dieser den Sohn zur Aufgabe seines
antifaschistischen Widerstands zu überreden. Nach Kriegsende wurde Gilbert von
Schneditz als "führender Nazi" verhaftet und erst durch die Intervention seines
"abtrünnigen" Sohnes wieder entlassen.
Anders als das oft sehr aggressiv agierende OSS produzierte das Office of War
Information (OWI) sogenannte "weiße", also offen verbreitete Propaganda. In der
Rundfunkabteilung dieser vor allem mit der positiven Selbstdarstellung der USA
nach außen befassten Einrichtung gab es ab 1943 einen eigenen "Austrian Desk".
"In der Moskauer Deklaration wurde Österreich 1943 als erstes Opfer
Hitlerdeutschlands bezeichnet", sagt Florian Traussnig. "Das nutzten die
Amerikaner, um die von ihnen immer wieder beobachteten latenten Ressentiments
der Österreicher gegen die Deutschen gezielt zu schüren und damit zur
Destabilisierung des NS-Regimes beizutragen."
So wurden von der Österreicher-Truppe am OWI zum Beispiel kabarettistische
Radiosendungen produziert, die über alliierte "Feindsender" von den
österreichischen Frontsoldaten und Zivilisten gehört werden konnten. Die
Radiomacher waren eine schillernde Gruppe von Exil-Österreichern, die nicht nur
für zum Teil sehr hochwertige Kabarettprogramme sorgten, sondern auch für
zahlreiche Anekdoten. Es waren Sozialisten, Kommunisten, Monarchisten und sogar
Austrofaschisten darunter, Journalisten, Schriftsteller, Grafiker, Kabarettisten
und Intellektuelle - eine heterogene und zerstrittene Arbeitsgemeinschaft, deren
Gemeinsamkeiten sich auf die Ablehnung des Nationalsozialismus und eine gewisse
kreative Eignung für Propagandatätigkeiten beschränkte.
Polgar, Torberg, Farkas
Zu dieser illustren Gruppe gehörten zur selben Zeit etwa Julius Deutsch,
einer der einflussreichsten Sozialdemokraten Österreichs in der
Zwischenkriegszeit, und der als Pianist und Sprecher eingesetzte Friedrich Bock,
ein der austrofaschistischen Vaterländischen Front nahestehender Exilant. Zwar
keine offiziellen Mitarbeiter, aber wichtige Impulsgeber des "Austrian Desk" im
OWI waren auch der bekannte Feuilletonist Alfred Polgar und der Komponist und
Kabarettist Hermann Leopoldi, der immer wieder Manuskripte und Arrangements
beisteuerte. Der 1940 in die USA emigrierte Schriftsteller Friedrich Torberg
wiederum war als Redakteur im OWI sowie für die US-Armee und das OSS tätig.
Auch der im Nachkriegs-Österreich als Kabarettist sehr bekannt gewordene Karl
Farkas hat in OWI-finanzierten Propagandasendungen mitgewirkt. "Er war übrigens
einer der ganz wenigen Personen aus diesem hochkarätigen Kreis, die nach dem
Krieg in Österreich wieder Fuß fassen konnten und wollten", sagt Traussnig. Auch
wenn sich die Wirksamkeit dieser Propaganda vermutlich in Grenzen gehalten hat -
"ihre Produzenten haben wie die tausenden österreichischen Soldaten in der
US-Armee einen zumindest symbolischen Beitrag im Kampf gegen den
Nationalsozialismus geleistet", sagt Florian Traussnig. "Das wurde bislang viel
zu wenig beachtet." (DER STANDARD, Printausgabe, 04.01.2012)