Die Zeit, ein Konstrukt

3. Jänner 2012, 18:06
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In der Secession kreisen Attila Csörgõs kinetische Skulpturen um das Wesen der Zeit

Wien - Mit dem zarten Ticktack einer Taschenuhr, der scheinbar harmlos vorbeitänzelnden Zeit hat das Scheppern des Sekundenzeigers wenig gemein. Dem lauten Klacken folgt ein ruckelndes Schleifen - so als müsste die Zeit angeschoben werden, statt einfach zu vergehen. Ein schwerfälliger Rhythmus, den man eher dem riesigen Uhrwerk einer Kirchtumuhr zuordnen würde, als dem Schattenspiel links und rechts an der Wand: Der Zeitfühler hüpft unbeschwert über zwei Symbole der Unendlichkeit: über einen Kreis, Sinnbild idealer Ordnung und über eine ebenso kein Anfang und Ende kennende, auf der Seite liegende Acht - die Lemniskate.

Erst auf der Suche nach Schattenwerfer und Verursacher des irritierenden Geräuschs fällt der Blick im Halbdunkel auf die kleine Apparatur. Der ungarische Künstler Attila Csörgõ hat sie im Souterrain der Secession auf einem Sockel platziert. Plötzlich entpuppt sich die makellose Unendlichkeit als Schwindel der Projektion: Quelle des Zaubers ist eine illuminierte Metallschleife. Deren verwundene Silhouette tastet der Sekundenmesser geräuschvoll ab: Clock-work (2011) ist eine Art Platon'sches Höhlengleichnis, das die erkenntnisreiche Auflösung gleich mitliefert.

Das transparente, offene seiner Systeme, sei auch das, was seine Kunst vom Ingenieurswesen unterscheide, gesteht Csörgõ. Der 46-Jährige nutzt die Naturwissenschaften als Denkmodelle und Metapher für die Konstruktion von Ideen und Konzepten. Trotz den vorausgehenden Tüftlereien bleibt den Arbeiten ein starker spielerischer, kindlicher Zug.

Unterhaltsam sind oftmals auch die verblüffenden Ergebnisse: etwa bei den Occurence Graphes, Scheiben mit eingefrästen Kurven. Versetzt man die beiden, Vinylschallplatten nicht unähnlichen Objekte in gegenläufige Bewegung, entsteht dort, wo sie überlappen, die Illusion einer geometrischen Form: Dreieck, Kreis und Unendlichkeitszeichen. Poesie besitzt die Skulptur, die die flüchtige Flugbahn eines Würfels in Kunstharz verewigt. Kinetische Kunst? Nein, mit deren Hightech-Zugang habe er Probleme. Mehr beeinflusst haben Csörgõ die Bewegungsfotografie Muybridges und die Futuristen.

Zeit ist etwas, das man nicht greifen kann", sagt Csörgõ, der in der Secession die Beschaffenheit der Zeit zu untersuchen scheint. "Ich weiß, was Zeit ist, wenn du mich nicht danach fragst, und wenn du es tust, weiß ich es nicht mehr", zitiert der Künstler Augustinus' Einsicht des sechsten Jahrhunderts. Das ist nicht sehr weit entfernt von der Erkenntnis, dass Zeit ein Konstrukt ist (Einstein). Ihr folgen auch die Apparaturen Csörgõs, reizvolle Arbeiten zwischen Skulptur und Experiment.

Auch eine zweite, weniger komplexe Arbeit trägt den Titel Clock-work (1993): Auf einem einfachen Holzgehäuse laufen zwei Sekundenzeiger im Einklang, jedoch in unterschiedliche Richtungen. Der Zeitverlauf scheint sich auf diese Weise aufzuheben. "Was ist die Richtung der Zeit?", lautet die daraus resultierende simple, aber zum ökonomischen Zeitenwandel auch philosophisch auslegbare Frage. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe 4. Jänner 2012)

Bis 5. 2.

  • Detail aus Attila Csörgõs kinetischer Konstruktion zum Wesen der Zeit in
 der Secession: "Clock-work" (2011).
    foto: secession/ martin u. kehrer

    Detail aus Attila Csörgõs kinetischer Konstruktion zum Wesen der Zeit in der Secession: "Clock-work" (2011).

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