Freche Leidenschaft

3. Jänner 2012, 18:00
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Das Theater Basel präsentiert Bizets "Carmen" in einer Inszenierung von Calixto Bieito: Der gerne polarisierende Regisseur legt eine fulminante Version des französischen Opernklassikers vor

Wie für die Stiere in der Kampfarena, so ist Calixto Bieito für manchen Opernfreund ein rotes Tuch. Berserker, Blut- und Sperma-Regisseur - diesen Ruf hatte der Katalane, spätestens nach einer Amoklauf-Entführung aus dem Serail in Berlin und dem Hannoveraner Trovatore sicher. Klar schießt er mit seinen Mitteln bisweilen übers Ziel. Dass sich Bieito jedoch längst einer Fangemeinde sicher sein kann, liegt nicht an der Lust an sich immer weiter überbietenden Skandalen.

Mag sein, dass er durch seine Schocker-Optik berühmt wurde, dauerhaft erfolgreich ist wegen etwas ganz anderem. Und das kann man jetzt am Beispiel seiner Carmen am Theater in Basel exemplarisch studieren. Seine Interpretation zeigt ihn nämlich als einen Meister des packenden Bühnenrealismus. Dabei versteckt er sich weder hinter folkloristischen Bühnenklischees, noch hinter Dramaturgen-Konzepten.

Bieitos Carmen ist zwar eindeutig im spanischen Vorstadtmilieu von heute angesiedelt. Doch um das zu verdeutlichen, reichen sparsame Versatzstücke. Auf der kargen Bühne (Alfons Flores) genügen ein Fahnenmast und eine Telefonzelle, etwas spanisches Fahnentuch, der Hut für den Torero und ein halbes Dutzend Rostlauben der Marke Benz für die Schmuggler. Der Clou ist ein riesiger Stier aus der Brandy-Werbung, die heuer von den Hügeln in der spanischen Landschaft grüßen und der mit großem Effekt demontiert wird.

Der Rest ist eine packende Imagination, die allein aus dem Spiel und der Musik erwächst. Dabei gibt es sogar Soldaten, Arbeiterinnen und Volk in geschlossener Formation mit Blick ins Publikum. Aber Rampe ist eben nicht gleich Rampe.

So wie hier hinterm Absperrseil die Lebensfreude vor dem Stierkampf ausbricht und die Vitalität explodiert, hat man das selten erlebt. Das geht unmittelbar unter die Haut. Und weil sich Bieito ohne direkt von der (von Gabriel Feltz mit dramatisch aufgerautem Furor mit dem Sinfonieorchester Basel beigesteuerten) Musik tragen lässt, gelingen den überzeugenden Protagonisten Rollenporträts, die selbstbewusst Authentizität behaupten. Dabei ist das vokale Niveau in Basel durchweg höher, als in der ja vergleichbaren Komischen Oper in Berlin, wo Sebastian Baumgarten gerade eine eher reflektierende Carmen-Version inszeniert hat.

In der Telefonzelle

An der mezzosatten vokalen Verführungskraft, mit der Tanja Ariane Baumgartner zu ihrer Habanera in der Telefonzelle anhebt, ist ebenso wenig zu deuteln, wie am ausgelebten Selbstbewusstsein, mit dem sie sich in einer Macho-Welt, als Frau mit quasi männlicher Coolness behauptet. Bieito gesteht aber nicht nur Carmens Freundinnen das Recht auf Zurückgrabschen, sondern auch Micaëla (Svetlana Ignatovich) mehr zu, als nur das brave Mädchen zu sein. Auch Will Hartmanns (konditionsstarker und emotionaler) Don José ist nicht nur der einsame Looser, sondern in seiner Leidenschaft erstaunlich nachvollziehbar.

Überhaupt liegt die Überzeugungskraft dieser Inszenierung in ihrer Konzentration aufs Wesentliche, auf den singenden und spielenden Menschen. Und damit wird die (nicht ganz neue) als Kooperation angelegte Inszenierung unverbraucht und frisch aus. Koproduktionen werden ja langsam zur Unsitte - nicht einmal die Wiener Staatsoper ist vor ihnen sicher ist. Dass es gleichwohl Sinn machen kann, die eine oder andere exemplarische Interpretation andernorts neu zu beleben, dafür ist diese wirkungsmächtige, aufs Wesentliche reduzierte Carmen in Basel dann doch ein sehr gutes Beispiel. (Joachim Lange aus Basel, DER STANDARD/Printausgabe 4. Dezember 2012)

  • Die Regie bringt Unmittelbarkeit: höchst selbstbewusste und lebendige Carmen (Tanja Ariane Baumgartner).
    foto: theater basel/hans joerg michel

    Die Regie bringt Unmittelbarkeit: höchst selbstbewusste und lebendige Carmen (Tanja Ariane Baumgartner).

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