Ein Gespräch mit der Sopranistin Chen Reiss
Wien - Eine internationale Karriere "übt" man als nationale. Auch bei Chen Reiss war's nicht anders. Was jedoch daheim Erfolge beschert, ist der harten, weiten Opernwelt zunächst offenbar ziemlich egal: "In Israel sind die Möglichkeiten für eine Opernsängerin eher beschränkt, also wollte ich weg. Ich war 19, als ich in die USA ging, aber sehr naiv und träumerisch. Ich wusste nicht, dass es so schwer würde für Beziehungen, und auch nicht, wie viele gute Sängerinnen es gab!"
In Israel war Reiss "eine der besten", habe alle Rollen bekommen, musste nicht kämpfen. "Dann kam ich nach New York und sah bei einem Termin - und es war nicht einmal eine Opernschule - gleich 200 Soprane neben mir stehen! Das war ein Schock. Ich hatte zwar eine gute Musikausbildung, aber es genügte nicht. Ich musste sehr hart arbeiten und kreativ denken. " Kreativ denken? "Gemeint ist: Man soll nicht versuchen, jemanden zu kopieren. Ich kann Kolleginnen wie Elisabeth Schwarzkopf und Barbara Bonney hören, und ich habe das auch getan. Es geht jedoch darum, eine eigene Stimme zu finden. Man muss auch in sich die richtigen Gefühle und dann einen Weg finden, diese zu kommunizieren. Man muss eine Arie tief in sich haben, sich bewusst machen, was die Wörter für einen bedeuten!"
Ungeschützt aufwachsen
Es geht dabei auch um die Integration von Lebenserfahrung, "und man kann auch die schwierigen Dinge hervorholen. Dass ich aus Israel komme, spielt insofern schon eine Rolle. Ich bin gleichsam ungeschützt aufgewachsen. Mein Vater ging in den Krieg, als ich fünf war. Ich habe ihn sechs Monate lang nicht gesehen, hatte Angst, er würde nie zurückkehren. In Kellern Schutz suchen, Gasmasken tragen, auch das habe ich erlebt." Den meisten Kolleginnen wird Reiss auch die Erfahrung eines Militärdienstes voraushaben, wobei: "Die ersten Wochen verbringt man zwar mit der schweren Grundausbildung. Man hat wenig Schlaf, muss um fünf Uhr aufstehen, Waffenübungen machen und Küchen putzen. Danach hatte ich allerdings die Möglichkeit zu singen. In der Armee wird ja jedes Jahr eine Sängerin fürs Militärorchester gewählt. Es gibt Vorsingen wie in der Oper, und es gibt viele Mädels, die das wollen - ist ja eine gute Stelle. Ich habe sie dann bekommen und eineinhalb Jahre mit dem Orchester Oper, Musical und Jazz gesungen."
Ist nun auch schon eine Weile her. Über ein fixes Engagement an der Bayerischen Staatsoper begann für Reiss jedenfalls eine Karriere, die sie, die immer noch in New York lebt, zu einer gefragten, viel reisenden Sängerin gemacht hat, die u. a. auch mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle den Soundtrack zu Das Parfum eingespielt hat. Man hört sie an den meisten großen Häusern - an der Wiener Staatsoper hört man sie allerdings nun öfters: Am 15. Jänner singt sie bei einer Matinee und im Mai bei der Premiere von Clemenza di Tito als Servilia. Mit Wien hat auch ihre neue CD zu tun. Auf Liaison (bei Onyx erschienen) taucht sie ein in die Donaustadt des 18. Jahrhunderts - mit Stücken von Mozart, Haydn, Cimarosa und Salieri. Und dies vokal sehr koloraturflexibel und auch ausdrucksstark.
"Bei den CD-Aufnahmen habe ich sehr viel über Gesang und Musik gelernt. Man kann ja sofort nachhören und dann kleine raffinierte Details reinbringen. Ist sehr spannend - wir Sänger hören uns ja nicht genau während des Singens." Übrigens erarbeitet Reiss jede Rolle noch immer mit ihrer Lehrerin in New York. Was tut man sonst noch für das Instrument? "Pilates, Feldenkrais, und manchmal eben nichts, nur meditieren, also liegen und atmen." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 4. Jänner 2012)