Oberster Amtsarzt fordert von Russen "richtige Wahl"
Ein gesundes Jahr 2012 und (mindestens) sechs weitere Jahre Wladimir Putin hat Russlands Oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko seinen Landsleuten zum Jahreswechsel gewünscht. Putin zu wählen gehört für den Mediziner wohl ebenso zur gesunden Lebensweise wie der Verzicht auf Alkohol und Tabak.
Am 4. März sind Präsidentenwahlen in Russland. Der derzeitige Premier Putin will sich nach verfassungsbedingter vierjähriger Pause erneut zum Kremlchef küren lassen. Nach Manipulationen bei der Dumawahl und den darauffolgenden Protesten ist sein Image freilich arg ramponiert. Jüngsten Umfragen zufolge ist der Sieg in der ersten Wahlrunde ernsthaft in Gefahr. Putins Popularitätswert liegt unter 50 Prozent.
Also werden sämtliche Ressourcen mobilisiert. Schon bei Putins TV-Fragestunde, einem viereinhalbstündigen Fernseh-PR-Marathon des amtierenden Premiers kurz vor dem Jahreswechsel, trommelte der Kreml alles zusammen, was Rang und Namen in Russland hat, um die Imagewirkung zu erhöhen. Bekannte Künstler, Schauspieler und Regisseure, Militärs und Politiker betätigten sich als artige Stichwortgeber in Putins Show.
Nun wird der neue alte Staatschef den Russen auch noch von höchster Stelle amtlich verordnet. Er wünsche allen Russen ein gesundes Jahr 2012, erklärte Gennadi Onischtschenko. Er riet ihnen, Rauchen und Trinken aufzugeben und hatte dann sogar ein politisches Rezept parat: Wählt Putin! Bei der Wahl am 4. März gehe es "um die Fortsetzung der Politik der vergangenen Jahre zur Wiederherstellung der Einheit des Landes und zur Gesundung der Wirtschaft. Ich erwarte von jedem Einzelnen eine ausgewogene und einzig mögliche Entscheidung", sagte er.
Zwar gehört Politik nicht zum Fachgebiet des Mediziners, doch hat er in der Vergangenheit schon mehrfach Ausflüge auf dieses Terrain unternommen. So machte er sich einmal für die Ausweisung tadschikischer Gastarbeiter (wegen angeblicher Seuchengefahr), einmal für ein Einfuhrverbot georgischen und moldauischen Weins, abchasischer Mandarinen oder transnistrischen Cognacs (wegen angeblicher Qualitätsmängel) stark - just stets im Moment, wo es auf diplomatischer Ebene zwischen Moskau und der jeweiligen Regierung kriselte.
Zuletzt meinte er im Dezember, Bazillen bei der Opposition ausgemacht zu haben. Daher riet er den Moskauern, Protestdemonstrationen wegen erhöhter Grippeansteckungsgefahr fernzubleiben. Die Russen allerdings ignorierten den ärztlichen Rat und gingen stattdessen für eine gesunde Zivilgesellschaft auf die Straße. (André Ballin aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2012)