Rathkolb: "Scrinzi war am rechtsextremen Rand der FPÖ"

3. Jänner 2012, 12:18
  • Wahlplakat bei der Bundespräsidentschaftswahl 1986.
    foto: standard/newald

    Wahlplakat bei der Bundespräsidentschaftswahl 1986.

Strache würdigt FPÖ-"Urgestein" - Scrinzi verstarb im Alter von 93 Jahren

Der ehemalige FPÖ-Politiker Otto Scrinzi ist tot. Er starb in der Nacht von 1. auf 2. Jänner im Alter von 93 Jahren. Das gab die FPÖ in einer Aussendung bekannt. Scrinzi war Gründungsmitglied der VdU (Verband der Unabhängigen), der Vorgänger-Partei der FPÖ. Davor war er SA-Sturmführer und Mitglieder der NSDAP. Der Vertreter des nationalen Lagers innerhalb der Freiheitlichen wurde von vielen als rechtsextrem eingestuft, wehrte sich aber gegen diese Bezeichnung.

Otto Scrinzi wurde am 5. Februar 1918 in Lienz in Osttirol geboren. 1941 promovierte er zum Doktor der Medizin und wurde später als Nervenfacharzt Primararzt an der Männerabteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt und erstellte auch Gerichtsgutachten als Psychiater.

Der Historiker Oliver Rathkolb von der Universität Wien bezeichnet Scrinzi im derStandard.at-Gespräch als "typisches Produkt einer nicht gelungenen Integration von manch engagierten NSDAP-Mitgliedern in der Zweiten Republik". Scrinzi habe wie viele andere der VdU-Gründungsmannschaft und der späteren FPÖ nichts bis wenig aus der Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges gelernt. "Scrinzi hat eine höchst problematische Biografie: Er war nicht nur SA-Sturmführer, HJ- und NSDAP-Mitglied, sondern Assistent am Rassenbiologischen Institut in Innsbruck und hat sich auch nach 1945 nicht vom Nationalsozialismus distanziert. Er hat versucht, sich unter dem zweifelhaften Deckmäntelchen eines gemeinsamen Deutschtums zu verstecken."

Rathkolb: "Scrinzi selbst unkritischen Österreichern zu rechts"

1968 wurde er zum stellvertretenden FPÖ-Klubobmann gewählt, von 1966 bis 1979 war er Nationalratsabgeordneter für die FPÖ. 1984 gründete er die Partei "Nationalfreiheitliche Aktion" als Opposition zur FPÖ, die ihm unter dem damaligen Parteichef Norbert Steger nach eigenen Angaben "zu liberal" war. 1986 kandidierte er bei der Bundespräsidentschaftswahl und erreichte nur 1,2 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen. Das "mickrige Wahlergebnis" habe gezeigt, dass "er selbst den zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt kritischen Österreichern und Österreicherinnen zu rechts war", sagt Rathkolb.

"Er hat sich selbst zwar nur als rechts oder rechtskonservativ bezeichnet, für mich war er aber immer am rechtsextremen Rand der FPÖ", sagt Rathkolb. Er sei auch in rechtsextremen politischen und publizistischen Zirkeln der Bundesrepublik Deutschland ein gern gesehener Gast gewesen.

Generalamnestie für NS-Verbrecher

Während der NS-Zeit war Scrinzi SA-Sturmführer und Mitglied der NSDAP. Seiner nationalen Gesinnung blieb er auch nach dem Krieg treu. Nach Angaben des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) stattete er dem NS-Kriegsverbrechter Walter Reder in Gaeta regelmäßige Besuche ab und nahm auch mehrmals an Veranstaltungen der Deutschen Volksunion (DVU) teil. 1976 führte ein Referat Scrinzis über die "Minderheitenfrage" an der Universität Wien zu Tumulten. Das DÖW führt Scrinzi auch als Unterzeichner des Aufrufs der "Deutschen National-Zeitung" für eine Generalamnestie für NS-Verbrecher.

Dass er eine Generalamnestie für NS-Verbrechen gefordert habe, wies Scrinzi jedoch zurück: "Ich war immer der Meinung, dass dort, wo persönliche Schuld vorliegt, wo kriminelle, verbrecherische Dinge geschehen sind, die Betreffenden zur Verantwortung zu ziehen wären. Ich habe mich immer nur gegen die Kollektivschuldthese gewandt." Auch gegen den Vorwurf, rechtsextrem zu sein, wehrte sich Scrinzi und bezeichnete sich selbst als rechten Politiker. Das DÖW ordnet Scrinzi auf der Liste "Rechtsextremer Funktionäre, Aktivisten und Ideologen" ein.

Scrinzi war unter anderem bei der rechtsextremen Zeitschrift "Die Aula" tätig. Er ist Herausgeber des Buches "Ich bin stolz, Deutscher zu sein. Die Antwort an die Nestbeschmutzer".

"Tragende Säule der Freiheitlichen"

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zeigte sich "tief betroffen" über das Ableben Scrinzis und würdigte ihn als "freiheitliches Urgestein", das "die Werte unserer Gesinnungsgemeinschaft immer gelebt hat". Seine Leistungen für die FPÖ würden unvergessen bleiben. "Otto Scrinzi war zweifellos stets eine tragende Säule der Freiheitlichen. Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren", sagte der FPÖ-Obmann. Zu Straches Aussendung meint der Historiker:"Das bestätigt die Einschätzung, dass Strache in dem Moment, wo die FPÖ einen klaren historischen Zugang zum Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg signalisieren könnte, immer einen Rückzieher macht." Er zeige nur politische Lippenbekenntnisse, aber keine ehrliche politische Gesinnung.

Scrinzi werde sehr schnell im Dunkeln der Geschichte verschwinden, "und das ist gut so", bilanziert Rathkolb. (red, derStandard.at, 3.1.2012)

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