Mitte Dezember wurde die Umstellung in Gang gesetzt, bei den meisten Usern ist sie noch nicht angekommen
Das neue Jahr beschert österreichischen Facebook-Usern auch ein Facelift: ihre persönliche Chronik. Diese neue Ansicht für die bisherige "Pinnwand" soll nach CEO Mark Zuckerbergs Willen nicht nur das fortlaufende Protokoll geposteter Trivialität des Alltags, sondern eine "Chronik Ihres Lebens" werden.
"Europe versus Facebook"
"Timeline", wie die Chronik auf Englisch heißt, erfuhr in den letzten Wochen eine Art Softlaunch: Statt mit einem Knall den Hebel für die neue Gestaltung umzulegen und so Protestwellen auszulösen, setzt das Netzwerk diesmal auf langsame Gewöhnung. Datenschutzverfahren in den USA und in Europa, wie "Europe versus Facebook" des Wiener Jusstudenten Max Schrems, beförderten wohl die Vorsicht - so wie der geplante Börsengang, für den sich Facebook als verantwortungsbewusster Konzern herausputzen will.
In Gang gesetzt
Mitte Dezember wurde die Umstellung in Deutschland und in Österreich in Gang gesetzt, bei den meisten Usern ist sie aber noch nicht angekommen. Dafür gibt es erstmals bei einer weitreichenden Änderung für Mitglieder die Möglichkeit, das neue Erscheinungsbild selbst zu aktivieren - mit siebentägiger Probefrist, in der man quasi hinter den Kulissen seine Chronik schönen kann. Dann allerdings führt kein Weg zurück. Und wer vom vorzeitigen Umstieg mit Begutachtungsfrist nicht Gebrauch macht, wird dennoch in absehbarer Zukunft umgestellt.
Im Kern ist die Chronik alter Wein in neuen Schläuchen: Alles, was man schon bisher auf Facebook gepostet hat, wird in einem neuen, zweispaltigen Layout behübscht. Mithilfe eines Zeitschalters kann man eine Zeitreise machen: Muss man auf der bisherigen Pinnwand so lange auf "ältere Beiträge anzeigen" klicken, bis man - sagen wir - bei der Geburt des ersten Kindes im Jahr 2008 angekommen war, wird der Regler jetzt einfach auf den gewünschten Zeitabschnitt zurückgeschoben.
Autobiografie des eigenen Lebens
Und das sogar bis vor dem Beginn der Mitgliedschaft - oder der Existenz von Facebook: Denn die Chronik lässt sich zu einer bunten Autobiografie des eigenen Lebens ausschmücken - und wird so zum Test der These, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie in Porträts und Autobiografien. Das legen jedenfalls Untersuchungen der German Consulting Group nahe, die bei Online-Kommunikation wie Mail, SMS oder Blackberry Messenger geringere Hemmschwellen zum Schwindeln ausnimmt als anderen Kommunikationsformen.
Kurator der Ich-AG
Galt bisher das zufällig entdeckte verfängliche Partyfoto stereotyp als Beispiel für die Gefahren unbedachten Postens, müssen wohl künftig eher Arbeitgeber auf der Hut vor positiv gefärbten Chroniken sein. Das heißt, wenn sie diese überhaupt sehen können: Denn an den Privatsphären-Einstellungen für Meldungen oder Fotos ändert sich durch die neue Ansicht nichts. In gewisser Weise fordert die Chronik dazu heraus, seine Selbstdarstellung stärker als bisher zu "kuratieren": indem man seine Postings durchgeht und sicherstellt, dass sie nur für den jeweils gedachten Benutzerkreis sichtbar sind. Oder man entfernt sie überhaupt aus der Chronikansicht, eine Option, die für jeden Eintrag besteht. Sehr nützlich dabei die Funktion, sich die eigene Chronik aus Sicht anderer Mitglieder anzeigen zu lassen - dabei entdeckt man sehr rasch, wenn persönliche Details ungewollt öffentlich sind.
Absurd
Wie stets bei Facebook-Neuerungen sind auch die Reaktionen auf die neue Ansicht gemischt. Die deutsche Verbraucherministerin Ilse Aigner nennt es "absurd", sein Leben in Form einer Timeline zu veröffentlichen. Dies widerspreche dem Prinzip, "sparsam mit seinen persönlichen Daten umzugehen". Wer solche Sparsamkeit pflegt, für den ist die Einführung der Chronik ein guter Anlass, alte Postings zu löschen. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 3. Jänner 2012)