Klagenfurt kämpft mit Kleber gegen Feinstaub

Hintergrund
  • Mithilfe eines Schlauchs und einer Düse wird das Calcium-Magnesium-Acetat, ein flüssiges Gemsich aus Kalkstein und Essigsäure, auf die Straße aufgesprüht.
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    foto: magistrat klagenfurt

    Mithilfe eines Schlauchs und einer Düse wird das Calcium-Magnesium-Acetat, ein flüssiges Gemsich aus Kalkstein und Essigsäure, auf die Straße aufgesprüht.

  • Die Vorrichtung ist auf den Drehtellern der Winterdienstfahrzeuge angebracht.
    foto: magistrat klagenfurt

    Die Vorrichtung ist auf den Drehtellern der Winterdienstfahrzeuge angebracht.

  • Detailaufnahme des Drehtellers: Durch die feuchtere Straße soll sich der Bremsweg der Fahrzeuge nicht verlängern - vorausgesetzt, man hält die Dosierung von 10g/m2 ein.
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    Detailaufnahme des Drehtellers: Durch die feuchtere Straße soll sich der Bremsweg der Fahrzeuge nicht verlängern - vorausgesetzt, man hält die Dosierung von 10g/m2 ein.

Mit Mischung aus Kalkstein und Essigsäure sollen Straßen feucht bleiben und Staubpartikel binden - Kritiker sprechen von Betrug

Klagenfurt - Die Kärntner Landeshauptstadt zählt aufgrund ihrer Beckenlage zu den besonders von Feinstaub betroffenen Gebieten Österreichs: 2011 wurde an 45 Tagen der EU-Grenzwert von 50 µg/m³ überschritten - laut Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) wären nur 25 Tage erlaubt. 

Seit drei Jahren wird in Klagenfurt im Rahmen des EU-LIFE-Projekts CMA+ eine Art Feinstaubkleber getestet, der die Umweltbelastung verringern soll: "Damit erreichen wir eine Feinstaubreduktion des Tagesmittelwerts um bis zu 30 Prozent", erklärt Wolfgang Hafner, CMA+-Projektleiter und Leiter der Umweltschutzabteilung der Stadt Klagenfurt. 

Kalkstein und Essigsäure

CMA steht für Calcium-Magnesium-Acetat, eine Mischung aus Kalkstein und Essigsäure: Die Flüssigkeit wird auf die Straße aufgesprüht und hält den Asphalt feucht. Feinstaubpartikel, die sonst von den fahrenden Autos in die Luft aufgewirbelt würden, bleiben dadurch am Boden haften. Die Chemikalie ist laut Hafner nicht umweltgefährdend und verlängert auch nicht den Bremsweg der Fahrzeuge - vorausgesetzt, man hält die Dosierung von 10g/m2 ein.

CMA ist seit Jahrzehnten in Skandinavien und in den USA als Auftaumittel und Streusalzalternative in Verwendung. In seiner neuen Funktion zur Feinstaubreduzierung wird es neben Klagenfurt auch in Bruneck (Südtirol) und Lienz getestet. Ähnliche Projekte gab es in den deutschen Städten Halle an der Saale und Stuttgart. Mit unterschiedlichem Erfolg: In Halle wurde durch CMA eine Luftverbesserung festgestellt, in Stuttgart nicht. 

Projektpartner investieren 2,7 Millionen Euro

Auch in Wolfsberg, das noch mehr Grenzwert-Überschreitungen als Klagenfurt zu verzeichnen hat, will man diesen Winter erstmals das Kalkstein-Essigsäure-Gemisch einsetzen.

Das EU-LIFE-Projekt hat ein Budget von 2,7 Millionen Euro, wobei die Hälfte die EU trägt, für den Rest kommen die Projektpartner auf: Stadt, Technische Universität Graz, Nordisk Aluminat und VTI, ein schwedisches Forschungsinstitut. Die dänische Firma Nordisk ist der Produzent der CMA-Mischung. Nach Ende des EU-Projekts, im September 2012, wird man pro Tonne CMA etwa 500 Euro zahlen müssen.

Bürgerinitiative: "Lediglich Messwerte geschönt"

Als "Betrug an der Bevölkerung" bezeichnet das Ferdinand Stefan von der Bürgerinitiative "Klagenfurt gegen Feinstaub". Denn CMA werde nur rund um die Messstationen aufgetragen, was lediglich die Messwerte schönen würde, ohne für eine tatsächliche Luftverbesserung in der ganzen Stadt zu sorgen.

Das soll sich diesen Winter ändern: CMA wird nun flächendeckend auf den Hauptverkehrsrouten der Landeshauptstadt aufgetragen - bei trockener Witterung und großem Verkehrsaufkommen täglich (in den Morgenstunden vor der Verkehrsspitze). "Es bindet den Feinstaub, der durch Abrieb und Wie-deraufwirbelung entsteht. Gegen den aus anderen Quellen hilft es nicht", so Projektleiter Hafner.

Keine Auswirkung auf PM2,5-Partikel

Das hält man bei der Bürgerinitiative für unzureichend: Denn CMA reduziere nur die PM10-Partikel des Feinstaubs, die kleineren - und schädlicheren - PM2,5-Partikel würden nicht am Boden haften bleiben. 

"Die Politik will nur Maßnahmen umsetzen, die keinem wehtun. Wichtig wären Akutpläne, die kurzfristig an Tagen mit hoher Feinstaubbelastung umgesetzt werden", fordert Ferdinand Stefan von der Bürgerinitiative. Das könnten Maßnahmen wie temporäre Einschränkungen für Industrieanlagen und Verkehr sein. Vorschläge, die Stefan in einem Schreiben an Landeshauptmann Gerhard Dörfler (FPK) gerichtet hat - ohne die erhoffte Reaktion: Dörfler verwies Stefan an Umwelt-Landesrätin Beate Prettner (SPÖ), die wiederum mit "schönfärbenden Floskeln" geantwortet habe. "Der Landeshauptmann nimmt das nicht ernst genug", ärgert sich Stefan.

Fernheizwerk soll Erdgas verwenden

Als weiterer, unterschätzter Faktor führt Stefan auch das alte Fernheizwerk an: "Das ist in Klagenfurt der größte Schadstoff-Einzelemittent". Statt mit Heizöl könne man es mit Erdgas betreiben, damit würden Emissionen rasch reduziert.

Stimmt nicht, entgegnet Harald Tschabuschnig, Leiter der Umweltschutzabteilung des Landes: "Die Hauptursachen für Feinstaub sind Hausbrand und Verkehr, das Fernheizwerk trägt nur einen geringen Teil zu den Immissionen bei". Es würden, neben dem Einsatz von CMA, landesweit bereits zahlreiche Maßnahmen gegen Feinstaub umgesetzt. Außerdem habe die EU die Frist zur Einhaltung der erlaubten Grenzwert-Überschreitungen bis 2012 verlängert. 

Beschwerde an die EU-Kommission

Tschabuschnig ist zuversichtlich, dass die Grenzwerte in den nächsten Jahren eingehalten werden. Auch CMA+-Projektleiter Hafner sieht die Stadt auf einem guten Weg: Die Fernwärmeanschlüsse seien stark erhöht (von 16.500 im Jahr 2006 auf heute 23.000) und die komplette städtische Busflotte mit Partikelfiltern ausgestattet worden. 2015 soll es spätestens so weit sein, dass man unter die erlaubten 25 Tage komme, meint Hafner, "vielleicht auch schon im nächsten Jahr".

Eine Einschätzung, die Ferdinand Stefan ganz und gar nicht teilt: "Trotz steigender Grenzwertüberschreitungen gibt es keine umfassenden Maßnahmen." Eine Beschwerde an die EU-Kommission soll das ändern. (Jutta Kalian, derStandard.at, 3.12.2011)

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