Rezeptfreie Medikamente könnten laut dm um 20 Prozent günstiger sein - Apotheker wehren sich gegen Aufbrechen ihres geschützten Marktes
Wien - Medikamente sind in Österreich aus Sicht der Wirtschaftsforscher zu teuer: Schuld sei zum einen die staatliche Regulierung der Spannen, die keinen Wettbewerb zwischen den Apotheken zulasse. Zum anderen halte der restriktive Vertrieb von rezeptfreien Arzneimitteln die Preise künstlich hoch.
Die Apotheker lieferten ihm bisher keinen nachvollziehbaren Beweis, warum bei mehr Liberalisierung die Versorgung mit Medikamenten zusammenbrechen sollte, sagt Michael Böheim, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts. Die Branche habe eine starke Lobby, dürfe sich deswegen aber einer Deregulierung nicht entziehen. Geschützte Märkte gehörten gerade in Zeiten wie diesen im Interesse der Konsumenten kritisch hinterfragt. "Apotheker brauchen keine Lizenz zum Gelddrucken."
Der Markt für rezeptfreie Medikamente wiegt in Österreich rund 350 Millionen Euro. Böheim sieht keinen Grund dafür, warum es sie nicht etwa auch in Supermärkten geben könnte. Wer mündig genug sei, sich selbst Präparate wie Aspirin zu verschreiben, der sei auch mündig genug, selbst zu entscheiden, wo er diese kaufe. Mehr Konkurrenz senke hier die Preise ohne Qualitätsverlust substanziell.
Für dm ist das Wasser auf ihren Mühlen. Die Drogeriekette kämpft langem für mehr Liberalisierung. Seit 2011 kooperiert sie in Österreich mit einer Schweizer Internetapotheke. Dort gebe es rezeptfreie Marken um bis zu 40 Prozent günstiger, das bisherige Geschäft habe die Erwartungen übertroffen - unterm Strich seien bei der Freigabe nicht rezeptpflichtiger Präparate 20 Prozent niedrigere Preise drinnen, sagt Konzernsprecher Stefan Ornig. Industrie, Großhandel und Apotheker hätten jedoch aufgrund fixer Aufschläge ein gemeinsames Interesse an möglichst teuren Medikamenten, ist Harald Bauer, Chef von dm, überzeugt.
Die Pharmabranche reagiert gereizt. Arzneimittel machten in Österreich laut OECD 13 Prozent der Gesundheitskosten aus. Damit liege man in der EU im unteren Drittel, rechnet Jan Oliver Huber vor. Der Generalsekretär des Verbands der pharmazeutischen Industrie sieht keinen Bedarf, das System zu ändern, allein um Fälschungen in Zaum zu halten. Leopold Schmudermaier, Vizepräsident der Apothekerkammer, bezeichnet Österreich bei Medikamenten als Niedrigpreisland. Dass Deregulierung Vergünstigungen bringe und dabei keinerlei Qualitätsverlust, sei falsch. 416 Euro wenden die Österreicher jährlich im Schnitt für Arzneien auf. Rund 70 Prozent davon bezahlen die Krankenkassen.
Kein Paar Socken
Auch Rezeptfreies habe Neben- und Wechselwirkungen, sei kein Konsumgut wie ein Paar Socken, sagt der Sprecher der Salzburger Kammer, Hans Jakesz. Etwas billiger zu geben sei leicht. "Dann soll man Aspirin in Schütten schmeißen und den Leuten so viele Mittel reindrücken wie möglich. Die Frage ist, ob wir das wollen." Die Margen für Rezeptfreies beziffert Jakesz mit "nur 34 Prozent". Apotheken verdienten damit weniger als andere Handelsbranchen.
Böheim widerspricht: Die Spannen seien hoch, Kosten fürs Lager und Geschäftsrisiko gering. "Kombiniert mit dem Gebietsschutz haben es Apotheker komfortabel. Ich habe noch keinen zum Konkursrichter gehen sehen." Böheim fordert weiters dazu auf, ihre Konzessionen "nicht mehr zu verschenken, sondern auszuschreiben". (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.1.2011)