Das wachsende politische Gewicht der drei religiösen Parteien, die bereits 20 Prozent aller Abgeordneten stellen, wird von vielen säkularen Israelis als Bedrohung angesehen
Niemand kann heute voraussagen, in welche Richtung sich die arabische Revolution im neuen Jahr entwickeln wird und wie sich die gegen Iran vorbereiteten neuen Sanktionen auswirken werden. Beide Tendenzen ebenso wie die Bemühungen um eine breite internationale Anerkennung eines palästinensischen Staates betreffen direkt die Sicherheit des auf allen Seiten von Feinden umzingelten israelischen Staates.
Trotzdem wäre es töricht zu bestreiten, dass die auf lange Sicht gefährlichste Bedrohung Israels nicht nur die radikalen Islamisten von außen, sondern auch - vielleicht vor allem - die jüdischen religiösen Fanatiker und ihre oft korrupten, nationalistischen politischen Vertreter verkörpern. Bei den jüngsten Protesten mehrerer tausend Israelis gegen Übergriffe ultraorthodoxer Juden auf säkulare Bürger hieß es auf Plakaten der Demonstranten: "Wir wollen kein Teheran werden!"
Auslöser für die Proteste war der Fall des acht Jahre alten Schulmädchens Naomi Margolis, das auf dem Schulweg von ultraorthodoxen Extremisten wiederholt als "Hure" beschimpft, einmal sogar angespuckt worden war, weil es ihrer Meinung nach nicht korrekt gekleidet war. Nach einer Fernsehreportage war das kleine Mädchen zum Symbol des Kampfes gegen die frauenfeindlichen Übergriffe religiöser Fanatiker geworden. Es ging bei der anschwellenden Protestbewegung freilich nicht nur um diesen Fall und nicht einmal nur um die Ausgrenzung oder Marginalisierung der Frauen. Die Oppositionsführerin Zipi Livni deutete all das als Facetten einer Radikalisierung durch die militanten Fanatiker und Siedler.
Der 88-jährige Staatspräsident Shimon Peres rief öffentlich zur Teilnahme an den Protesten auf: "Wir kämpfen für das Herz der Nation und um den Kern des Staates" , und er fügte hinzu, die Strenggläubigen seien "nicht die Herren des Landes" . Der Ruf der Ultraorthodoxen nach Geschlechtertrennung in Bussen und Bädern oder nach einem Verbot, Frauen zu fotografieren, und die häufigen Übergriffe auf angeblich spärlich bekleidete Frauen lösen zunehmende Spannungen innerhalb der israelischen Gesellschaft aus. Die Ultraorthodoxen machen rund zehn Prozent der knapp acht Millionen Israelis aus; allerdings könnte dieser Anteil wegen der höheren Geburtenrate bei den Orthodoxen bis 2028 fast ein Fünftel erreichen.
Das wachsende politische Gewicht der drei religiösen Parteien, die bereits 20 Prozent aller Abgeordneten stellen, vor dem Hintergrund des Einflusses der rund eine halbe Million Siedler in den besetzten Gebieten und der nach wie vor entscheidenden Rolle der Rabbiner bei der Eheschließung, Scheidung und bei dem Übertritt zum Judentum werden von vielen säkularen Israelis als Bedrohung der pluralistischen Demokratie und des liberalen Rechtsstaats angesehen. In diesen Rahmen fügen sich auch die Bemühungen der rechtsgerichteten Netanjahu-Regierung, die Finanzierung der lokalen Menschenrechtsgruppen durch Geld aus dem Ausland zu beschneiden, regierungskritische unabhängige TV-Sender wie Kanal 10 durch finanziellen Druck zum Verstummen zu zwingen und den politisch so kontraproduktiven Bau von tausend neuen Wohnungen in dem mehrheitlich arabischen Ostteil Jerusalems zu beschließen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3.1.2011)