Der Mythos ist dahin: Ein Blindtest mit Profimusikern brachte ein überraschendes Resultat
Washington/Wien - Gleich zu Jahresbeginn keine guten Nachrichten für die
Österreichische Nationalbank - zumindest indirekt. Zur künstlerisch wertvollen
Geldanlage hat sich die ÖNB mit edlen Streichinstrumenten aus bestem Hause
eingedeckt. Eine neue Studie könnte nun allerdings einen Wertverfall bei
Stradivaris und Guarneris bewirken: Profimusiker scheinen nämlich im
Blindversuch alte Violinen von neuen Top-Instrumenten kaum unterscheiden zu
können und eher neuere Geigen zu bevorzugen.
Zwar spielen alle berühmten Geiger seit dem frühen 19. Jahrhundert eine
Stradivari oder Guarneri, und viele Profis behaupten, am Klang des Instruments
sofort erkennen zu können, ob es sich um ein neues oder ein altes Top-Instrument
handelt. Deshalb versuchen Forscher seit Jahrzehnten die Geheimnisse der großen
Geigenbauer des 18. Jahrhunderts zu lüften. War es der Lack? Oder doch das Holz?
Claudia Fritz vom Institut Jean Le Rond d'Alembert in Paris wollte mit
Kollegen zunächst aber noch einmal testen, wie es um das Unterscheidungsvermögen
von erfahrenen Violinisten wirklich bestellt ist, und lud 21 von ihnen ein, auf
insgesamt sechs Geigen zu spielen: auf zwei Stradivaris, einer Guarneri und drei
"jungen" Geigen. Das Besondere daran: Der Test fand in einem abgedunkelten
Hotelzimmer statt, und die Musiker hatten Schweißerbrillen auf.
Die Musiker sollten im Blindtest die Qualität der Geigen nach Kategorien wie
Tonfarbe und Spielbarkeit beurteilen. Sie sollten auch entscheiden, welche der
Geigen sie am ehesten mit nach Hause nehmen würden. Zudem sollten sie
beurteilen, welche von jeweils zwei nacheinander gespielten Geigen die bessere
ist.
In den Tests zeigte sich, dass die Musiker die Geigen im Grunde nicht
auseinanderhalten, also die alten nicht von den neuen unterscheiden konnten. Die
neuen Instrumente schnitten sogar besser ab, schrieben die Forscher im Fachblatt
PNAS. So entschieden sich zum Beispiel nur acht der 21 Musiker, eine alte
Geige mit nach Hause zu nehmen, 13 wählten eine neue. Eine der beiden
Stradivaris wurde in beiden Tests gar als das schlechteste Instrument bewertet.
(APA, tasch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. Jänner 2012)