Den Dreck lieber unter den Teppich kehren

2. Jänner 2012, 17:03
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Anna Jermolaewas Videoarbeit in der Arbeiterkammer Wien dokumentiert den Alltag von Reinigungskräften

Wien - Die 1970 in St. Petersburg (damals Leningrad) geborene Künstlerin Anna Jermolaewa, die nach ihrer Flucht nach Österreich 1989 selbst bei einer Wiener Reinigungsfirma anheuerte, traf für ihr aktuelles Projekt Handschuhe aus Gummi, Putzkittel und Wischmopp Angestellte ihres ehemaligen Arbeitgebers und hat aus den Begegnungen eine Fotoserie und eine Videoinstallation gemacht, die jetzt im Beratungszentrum der Arbeiterkammer Wien zu sehen sind.

Jermolaewa begleitete die Reinigungskräfte bei ihrer täglichen Arbeit und dokumentiert, wie sie etwa die Hallen des Quartier 21 im Museumsquartier oder die Secession säubern. Fast sieht es aus wie ein Urlaubsschnappschuss, wenn da Toiletten geputzt oder Stufen gewischt werden. In den vier Videoaufnahmen sieht man die Männer und Frauen in ihren Wohnungen. Jermolaewa sitzt ihnen gegenüber, man hört nur ihre Stimme, wenn sie die Fragen stellt. Es klingt zuerst wie Smalltalk: Wie die Migranten zu diesem Job gekommen sind, fragt sie. Ob es ihnen Spaß macht. Ob sie ihren Beruf für wichtig halten.

Was wie ein gemütlicher Kaffeetratsch wirkt, ist tatsächlich eine Bestandsaufnahme unserer gespaltenen Gesellschaft. Klarsichtig und wie nebenbei analysieren die migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter die Lage der westlichen Wohlstandgesellschaft. Einer Gesellschaft, die im Dreck versinken würde, gäbe es nicht Menschen, die unauffällig all diesen Müll wegputzten.

Ohne Ressentiments erzählen die Frauen und Männer von Flucht und Armut oder davon, dass die meisten Österreicher sich zwar niemals selbst die Finger schmutzig machen würden, dafür aber gerne an den Reinigungskräften sparen. Slobodanka Jovanović , neben der Schwiegermutter auf der Couch sitzend, erzählt davon, wie gerne sie ihren Job mag. Dass die Kolleginnen wie eine Familie sind. Daniel Jasiński, der in seinem aufgeräumten Eigenheim zu sehen ist, hat in Polen ein Studium abgeschlossen, jetzt putzt er in Wien. Gejammert oder gehadert wird in keinem der Gespräche. Stattdessen begegnet man Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind.

Schlicht und bestechend funktioniert das dokumentarische Konzept Anna Jermolaewas: Ohne um Mitleid oder Betroffenheit zu heischen, bringt sie ganz nüchtern die Wahrheit zutage. Sie zeigt uns den Dreck und Unrat, den unsere Gesellschaft schon gewohnheitsmäßig unter den Teppich kehrt, statt seiner selbst Herr zu werden.

Gab es in früheren Werken Jermolaewas kaum Menschen, sondern Systeme oder Muster, deren Absurditäten sie aufdeckte, so arbeitet die Künstlerin nun verstärkt mit Menschen, die Aufschluss über die Welt geben, in der sie leben. Nachzuvollziehen ist diese Entwicklung Ende des Jahres in der Kunsthalle Krems, die erstmals einen Überblick über das Schaffen Anna Jermolaewas in den letzten 15 Jahren gibt. Im Salzburger Kunstverein konzentriert sich die Einzelausstellung Das vierzigste Jahr ab Februar dagegen ganz auf den Menschen und seine Bedingungen in der Gesellschaft. (Andrea Heinz, DER STANDARD - Printausgabe, 3. Jänner 2012)

Arbeiterkammer Wien, bis 30. 4.

  • Kaffeetratsch mit analytischem Potenzial: Anna Jermolaewa hat 
Reinigungskräfte interviewt, die den Dreck der Wohlstandsgesellschaft 
wegputzen.
    foto: hertha hurnaus

    Kaffeetratsch mit analytischem Potenzial: Anna Jermolaewa hat Reinigungskräfte interviewt, die den Dreck der Wohlstandsgesellschaft wegputzen.

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