Der Erzkonservative Rick Santorum setzt den ungeliebten Parteiprimus Romney bei der Vorwahl in Iowa unter Druck
Geht es um sein Leib- und Magenthema, nimmt sich Rick Santorum, neueste Hoffnung konservativer US-Republikaner bei der Vorwahl in Iowa, kein Blatt vor den Mund. Barack Obama, der demokratische US-Präsident, müsse doch eigentlich gegen Abtreibung sein, schließlich sei er ein Schwarzer und solle als solcher besser nicht über den Wert des Lebens urteilen. Es war nicht das erste Mal, dass sich der 53-jährige Wertkonservative Ärger mit Amerikas Liberalen einhandelte. Als er 2003 Homosexualität mit Polygamie und Inzest
verglich, zündeten Aktivisten eine so genannte Google-Bombe, die Internetuser, die nach dem Namen des Politikers suchten, zu Seiten über Analsex führte.
Den sechsfachen Familienvater, der einer Umfrage des Lokalblatts The Des Moines Register zufolge überraschend den dritten Platz hinter Parteiprimus Mitt Romney und dem Libertären Ron Paul einnimmt, ficht derlei Gegenwind nicht an. Er gilt als härtester Verfechter der Pro-Life-Ideologie in den Reihen der republikanischen Kandidaten. Freunde wie Gegner attestieren dem ehemaligen Abgeordneten im Repräsentantenhaus und Senat einen langen Atem. Und auch sein Auf und Ab in den Umfragen bestätigt diese Einschätzung. Im Juni, als Santorum seine Kandidatur öffentlich machte, gaben nur vier Prozent der Befragten an, ihn beim Caucus zu unterstützen, Ende Dezember waren es schon 15.
Santorum, der seit seinem Ausscheiden aus dem Senat 2007 als Kommentator für den reaktionären Sender Fox News und als Rechtsanwalt arbeitet, hat sein politisches Wirken ganz der traditionellen Familie verschrieben. Schwulen- und Lesbenehe sind dem Katholiken ein Gräuel, die Verbindung von Mann und Frau hingegen "ein entscheidender Bestandteil der Zivilisation." Jahrelang kämpfte er als Senator unter US-Präsident Bill Clinton dafür, dass Abtreibungen im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft unter Strafe gestellt werden, sofern das Leben der Mutter nicht in Gefahr ist. Lange sah es nach einem Kampf gegen Windmühlen aus. Bis Präsident George W. Bush das Gesetz 2003 in Kraft setzte.
Auf den Schultern der Ahnen
Häufig beruft sich Santorum auf seine Ahnen, allesamt tief gläubige Katholiken, "auf deren Schultern ich heute stehe". 1958 in Winchester im Norden Virginias geboren, wuchs er in Wohnheimen für Kriegsveteranen auf. Immer wieder zog die Familie um, von einem Veteranenheim zum nächsten, erst in Pennsylvania, dann in West Virginia, dann in Illinois. Santorums Großvater Pietro, der aus Riva del Garda im oberitalienischen Trient stammt, war dem Mussolini-Regime 1925 durch die Emigration in die USA entflohen, wo er in Johnstown, einem Städtchen nahe Pittsburgh, eine neue Heimat fand. Anfangs in der Autoindustrie beschäftigt, verdingte er sich nach der Großen Depression von 1929 in den Kohlegruben des westlichen Pennsylvania. "Mein Großvater hat seiner Familie durch starken Willen und harte Arbeit die Freiheit gebracht", sagte Rick Santorum bei einem Wahlkampfauftritt im vergangenen Juli. Und diese Freiheit, so hat es sich der Enkel auf die Fahnen geschrieben, gelte es heute zu verteidigen. Zu diesem Behuf machte er sich für den Irakkrieg stark, gibt sich als Verteidiger Israels und bezeichnet das iranische Regime als "islamofaschistisch", lehnt einen Krieg gegen Teheran aber ab.
"Gang of Seven"
Von Anfang arbeitete Santorum im politischen Washington an seinem Ruf als konservativer Outlaw. In den 80er-Jahren blieb er nach dem Studium der Juristerei verhaftet, vertrat unter anderem die Mitglieder der Catchervereinigung World Wrestling Federation, für deren Recht auf Doping er vor Gericht Sträuße ausfocht. Anfang der 90er-Jahre gewann er entgegen aller Erwartungen ein Ticket ins Repräsentantenhaus gegen den siebenfachen Amtsinhaber, einen Demokraten. In Washington angekommen legte er sich forsch mit den Altvorderen an, stieg bei der "Gang of Seven" ein, eine Gruppe junger Republikaner, die gegen Finanzskandale der Parlamentarier ankämpfte. Mit dabei damals: John Boehner, heute Mehrheitssprecher im Repräsentantenhaus.
1994 schaffte Santorum den Sprung vom Süd- in den Nordflügel des Washingtoner Capitol und wurde Senator, wieder auf Kosten seines demokratischen Vorgängers. Der neue Job verschaffte ihm Gelegenheit, sein Profil als Konservativer zu schärfen, nicht nur in sozialen Agenden, sondern auch, was das Finanzgebaren des Staates betrifft. Tagelang stand auf seinem Platz im Plenum ein Schild mit der Aufschrift "Where's Bill?", das auf die angebliche mangelnde Führungskraft Clintons in Sachen Budgetdefizit hinweisen sollte. Der Demokrat Robert Byrd, ein inzwischen verstorbener Langzeitsenator aus West Virginia, meinte damals, das Verhalten des passionierten Tennisspielers passe eher in eine Kneipe denn in ein Parlament.
Ein Katholik als Star der Evangelikalen
Allen Unkenrufen zum Trotz avancierte der ehrgeizige Senator schnell zu einer der parlamentarischen Schlüsselfiguren in den Rängen der Republikaner. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde er im Schlepptau des neuen Präsidenten George W. Bush Vorsitzender der Senate Republican Conference, formal das dritthöchste Amt, das die amerikanischen Konservativen zu vergeben haben. Fünf Jahre nahm das Time Magazine den Katholiken in die Liste der 25 einflussreichsten Evangelikalen auf. Erst 2006 erfuhr seine steile Karriere einen drastischen Knick, als ruchbar wurde, dass er unrechtmäßig Schulgeld aus Pennsylvania für seine Kinder einstreifte, obwohl die Familie nach Virginia übersiedelt war.
Als entscheidende Achillesferse in Santorums Kampagne könnte sich seine bislang vergleichsweise bescheiden gefüllte Wahlkampfkassa erweisen. Mit Stand Ende September 2011 konnte Santorum 1,4 Millionen Dollar an Spenden sammeln, was gerade einmal fünf Prozent des Budgets entspricht, das Mitt Romney zur Verfügung steht. Ob das "Santorumentum", eine Verballhornung von Santorums Namen und dem Terminus Momentum, anhält, werden die Wähler in Iowa bestimmen. (flon/derStandard.at, 2.1.2012)