Jahresrückblick 2011

KopfHörer, 2. Jänner 2012, 12:04
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    foto: daptone records

    Charles Bradley

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    foto: drag city

    Bill Callahan

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    foto: epa/torben christensen

    PJ Harvey

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    foto: gaspard pralong

    Mopedrock!!

Eine Nachbetrachtung jener Musik, die 2011 den Kopfhörer erfreute - oder auch nicht.

Wenn Pop tatsächlich ein Abbild der Gesellschaft sein sollte, dann gute Nacht. Sein politisches Mandat hat es 2011 nicht einmal abgeholt, geschweige denn eingelöst - bis auf ein paar selbst gestrickte Barden bei diversen Occupy-Zusammenkünften. Aber bekanntere oder gar große Namen suchte man vergeblich.

Breitenwirksame Trends gibt es nicht mehr, in diversen Sub-Sub-Genres werden zwar brav Haare gespalten, außer einige Friseure kümmert das aber niemanden. Die Vielfalt leidet darunter dennoch nicht, an der Bar der Gleichzeitigkeit konnte man 2011 Deep Soul, elektronischen Soul oder Mopedrock zugleich verinnerlichen. Machte in Summe auch lustig. Ohne besonderes Augenmerk auf Reihung ein paar Alben, die 2011 prägten.

 

Charles Bradley – No Time For Dreaming: Mein heuriges Lieblingsalbum stammt von einem 62-Jährigen und hätte schon 1967 erscheinen können. Deep Soul aus dem Hause Daptone, der neben den Größten des Fachs besteht, neben O.V. Wright und James Carr. Hätte man mir das vor einem Jahr gesagt, ich hätte nur milde gelächelt.

PlanningToRock – W: Das vielleicht schönste Album des Jahres. Michael-Nyman-Gezirpe trifft auf die abgebremsten Reste eines elektronischen Rock’n’Roll-Versuchs, der sich eben in seiner eigenen Ästhetik auflöst. Diese Kopfgeburt der Britin Janine Rostron ist auf DFA erschienen.

The Black Keys – El Camino: Danger Mouse dreht den Southern-Rock-Knopf in Richtung Glam und Pop. 1a!

Future Islands – On The Water: Seltsame Stimme, seltsame Musik zwischen New und No-Wave, angereichert um menschliches Verlangen und Abneigung gegenüber zu großem Publikum.

Hundreds – Debut Album: Ein Hamburger (Geschwister-)Duo schafft eines der schönsten elektronischen Popalben des Jahres. 80er-Jahre-Klassik trifft auf die Gegenwart, Eva Milner singt dazu in einer Mischung aus Distanzhiertheit und Emphase, als gelte es, einen Prototyp zu schaffen: Meisterwerk – und nebenbei ein überzeugendes Plädoyer für das Albumformat.

Jamie Woon – Mirrorwriting: Elektronischer Soul, der heuer von keinem sonst in dieser Dichte produziert wurde. Lief im Sommer wochenlang durch.

Moon Duo – Mazes: Während zur selben Zeit alle alten Alben von Spacemen 3 neu aufgelegt werden, spielt das Moon Duo eine Art Kinder-Pop-Version der schwer verdrogten Feedback-Gitarren-Lärmer. Aufgeregter und wahrscheinlich vegan, trotzdem sehr okay.

Wooden Shjips – West: Selbiges gilt für die Barträger aus San Francisco, deren Album West den Raumfahrern noch näher kommt also besser ist. Immerhin haben wir es dabei mit dem Mutterschiff des Moon Duo zu tun.

Rebolledo – Super Vato: Eine dieser Techno-Erscheinungen, die einen dann doch kriegt. Der Mexikaner sieht aus wie ein Pornostar aus Juarez zirka 1973 und variiert hier kindische Ideen mit locker swingendem Minimal Techno zu charmanten Kleinoden samt Stimmen und Stimmchen. Eine Zufallsbekanntschaft, die erfreut. Spitzen Cover Art!

The Rapture – In The Grace Of Your Love: Schon wegen des Stücks "How Deep Is Your Love?", der Rest fällt nur wenig ab.

PJ Harvey – Let England Shake: Frau Harvey war mir immer egal, obwohl sie eine Neigungsgruppe bedient, die durchaus meine Schwächen abdeckt. Aber dieses Album ist einfach großartig, zusammen mit dem entrückend schönen Konzert bei Primavera Sounds in Barcelona ein Highlight des Jahres.

Bill Callahan – Apocalypse: Während Bonnie Prince Billy langweilt, verdichtet Callahan seine staubtrockenen Songs endgültig zur Meisterschaft. Das beste Songwriteralbum.

Forest Fire – Staring at The X: Im noch zu entdeckenden Randgruppenfach des Disco-Folk die Platzhirschen, ausgezeichnet mit der Brian-Eno-Streber-Medaille.

The Feelies – Here Before: Nach 20 Jahren in alter Form zurück. Nervöses Gitarrenspiel, ewiggültige Melodien, Nägel beißender Nerdrock.

Lykke Li – Wounded Rhymes: Eine Sixties-Girl-Group-Frischzellenkur mit Seele und elektronischen Schokostäbchen bebröselt, das Haupthaar verwinehoused wie von selbst zum Turm.

Steve Earle – I’ll Never Get Out Of This World Alive: Nicht nur sein (mittelprächtiger) Debütroman heißt so, auch sein 11er-Album, auf dem sich der liberale Redneck mit Stücken wie "Gulf Of Mexico" in Höchstform zeigt.

David Lynch – Crazy Clown Time: Lynch übersetzt seine Filme in Musik. Das ergibt die beste Portishead-Platte 2011, die besseren Geschichten sowieso.

 

Österreichs Superstars:

Mopedrock!! – Vasistas:  In einem Jahr mit vielen sehr guten heimischen Alben, überholt das Wiener Quartett Mopedrock am Ende doch alle. Zwischen frankophiler Atemlosigkeit und Punkrock-Wurschtigkeit entstand dieses Debüt, dessen Dringlichkeit ebenso überzeugt wie der Charme des Unperfekten. Très süpär.

Ja, Panik – DMD KIU LIDT: Liebe wird aus Mut gemacht: Nicht nur der Bandname erscheint immer zwingender, auch die in Songs gebrachte Verweigerungshaltung von Ja, Panik überzeugt. Schpex lobt DMD KIU LIDT gar zum Album des Jahres aus – ob das gut oder schlecht ist, möge jede/r selbst einordnen.

Clara Luzia – Falling Into Place: Charmante Seufzerbrücken zwischen Überzeugung und Selbstzweifel.

The Happy Kids – Play Their Own Songs: Die Diaspora von Hasil Adkins erreicht Österreich. Rock’n’Roll auf zwei Instrumenten, gespielt mit vier gestreckten Mittelfingern.

Bo Candy & His Broken Hearts – Same: Ein ernsthafter Versuch sich mit Rock’n’Roll und Blues zu beflecken mündet in eines der besten heimischen Alben: Gebrochene Herzen pflastern seinen Weg.

Elektro Guzzi – Parquet: The Schmäh is already old, aber er überzeugt immer noch, auch wenn die wahre Größe von EG nur im Konzert zutage tritt.

Kreisky – Trouble: Wickel versprochen und genussvoll eingelöst. Ein paar Watschen für Schauspieler haben noch nie geschadet.

Makossa & Megablast – Soy Como Soy: Lässiger Spätsommer-Soundtrack für Terrassengrillage und Bierverzehr.

M185 – Let The Light In: Krautrock auf österreichisch, gewürzt mit Chicago-Hausmarke und verhaltenem Swing.

 

Reissues:

Ebo Taylor – Life Stories: Diese Kompilation präsentiert das Frühwerk des aus Ghana stammenden Gitarristen Ebo Taylor. Unter dem Einfluss US-amerikanischer Soul-Musik überführte er Afrobeat und Highlife in mitreißende Songs, blieb dabei fantasievoll und stringent: ohne Weltmusik-Mief, ohne nervige Eskapaden.

This Mortal Coil – TMC: Diese Box versammelt die drei Alben der britischen Band, die mit ihren überästhetisierten Coverversionen in den 1980ern Depro-Grufties ebenso überzeugen konnten wie unsereiner. Musik wie der Nebel überm Friedhof der Namenlosen.

Giant Sand – The Love Songs, Ramp, Center Of The Universe: Drei der besten Alben dieser besten aller Desertrock-Bands. Der Karies am Zahn der Zeit belegt, diese Alben überzeugen bis heute mit Einfallsreichtum, höherem Irrsin, Spiellaune und Nachdrücklichkeit. More to come!

Rowland S. Howard – Teenage Snuff Film: In einer exklusiven 500er-LP-Edition wurde das Solodebüt des vor zwei Jahren verstorbenen Gitarristen (The Birthday Party, Crime and the City Solution, These Immortal Souls ...) neu aufgelegt. Schon der Titel weckt cinemascopische Assoziationen bei diesen mattschwarzen Exkursionen in eine verlorene Seele. Klassikaner.

 

An der Hose vorbei:

James Blake – Same: Wie meinte "Spiegel online" treffend: Viel Ästhetik, kein Gefühl.

Bon Iver: Stehend k.o bin ich selber.

Atlas Sound – Parallax: Leere Hose in Crooner-Pose.

 

Konzerte:

Gonjasufi (Donaufestival)

Lyle Lovett (Wuk)

Joan As Policewoman (Wuk)

Charles Bradley (Rathausplatz)

PJ Harvey (Primavera)

Matthew Dear (Primavera, zeitgleich mit Harvey, deshalb beide nur halbert gesehen)

Rubik (Waves)

(Karl Fluch, 2.1.2012, derStandard.at)

Kommentar posten
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Il_Serpente
00
29.1.2012, 20:21
"Egal"

"Frau Harvey war mir immer egal" ist ja auch eine tolle Aussage! Nicht gefallen wär ja noch OK, aber das klingt einfach nach jahrelangem verkrampften Ignorieren. look n hear here und nota bene 1998: http://youtu.be/D3tD9EPOEik

thaelmann-ernstl
20
12.1.2012, 00:18

da morrissey im Sommer in Wien war, braucht man die frage nach dem Konzert des Jahres gar nicht beantworten. praktisch irgendwie.

exilkaerntner
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12.1.2012, 21:16
weiss nicht..

in berlin war er unterdurchschnittlichst!total unmotiviert die alte diva! deswegen hab ich ihn mir in wien gar nicht mehr angeschaut!

alfred issendorf
00
11.1.2012, 11:04

ja und was ist mit gusgus, wu lyf und other lives, real estate, apparat und little dragon.

fuer mich sehr enttaeuschend feist, florence & the machine und maccabees (ist eigentlich 2012) - fanfarlo haben auch sehr abgebaut mit dem nachfolgealbum.

R.U.Sirius
01
Beste Shows

2011 war für mich kein großes Konzertjahr, aber:
Godspeed You Black Emperor bzw Neurosis (beide Arena) waren ganz großes Kino.

sweetmaker
 
00
danke für

hundreds (obwohl von 2010)
moonduo & wooden shjips

ich gebe dafür zurück:

young man "ideas of distance" (ruhig)
http://tinyurl.com/3o9eo4d
und
awolnation "megalithic symphony" (heftig)
http://tinyurl.com/6oroorw

karl fluch
00

@hundreds
stimmt, aber ich hab mir das doppelalbum samt remixen gekauft und das kam letzten herbst, drum hab ichs dem jahr 2011 eingemeindet.

Hannes Kartnig
00
18.1.2012, 01:13

klingt wie lali puna, nur nicht so gut.

sweetmaker
 
00
zum glück ; )

monkey makes the world go round
00

...ich würde ja nie mit anderer leuts rechtschreibfehlern hausieren gehen, aber dass es nun auch 'barträger' gibt, ist eine mehr als erwähnenswerte sache. kann man die nach hause bestellen?

Titeuf
 
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Wibei einer subjektiven Auswahl nicht anders zu erwarten

- eine Mischung aus Zustimmung, skeptischem "naja, wenns ihm g'fallt...", Ergänzungswünschen und ein paar Sachen für die ich mich echt bedanken möchte:
Fangen wir mit letzterem an.
DANKE vor allem für den Hinweis auf Charles Bradley. Diese Veröffentlichung war mir entgangen und wurde zu einem x-mas Geschenk von mir an mich. Wohltuend war auch die Erkenntnis, dass Bon Iver und James Blake nicht nur an meiner Hose vorbeigehen.
Ergänzen möchte ich in zwei Kathegorien. Singer/Songwriter und Soul/Pop.
In ersterer kommt man imo 2011 (auch wenn mir Calahan gefällt) nicht an den Field Songs von William Elliott Whitmore vorbei, in zweiterer ist es für mich unverständlich, wie man das Debutalbum von Selah Sue übersehen kann.

Melancholie des Abends1
02
Was Spacemen 3 mit der oberösterr.Landpolizei zu tun haben

kann in nachfolgender wahrer Geschichte (nur für Hardcore Fans der Band!) nachgelesen werden. Die Erwähnung in obigem Artikel lässt mich zur Zeitreisenden ins Jahr ´89 werden. Damals samt Begleitung - einem Spacemen 3 Verehrer der 1.Stunde - von dem besagten Polizisten beim Autostoppen aufgelesen, brachte es unser beider Ansichten gegenüber dem Berufsstand Polizist gehörig ins Wanken, als dieser prompt eine Cassette der "schwer verdrogten" Weltraummänner einlegte, ihm auch Undergroundgrößen wie Killdozer und Big Black ein Begriff waren. - Was die Fahrt freilich nicht an der angepeilten Ausfahrt, sondern im Wirtshaus zwecks Verbrüderung enden ließ.
Überdauerte die Zeit (lärmend?): http://www.youtube.com/watch?v=Q... re=related

Melancholie des Abends1
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15.5.2012, 09:52
Spacemen 3: I love you - Recurring 1990

http://www.youtube.com/watch?v=6V_0RfG6h3Q

thomislav
30

vielleicht kann man beim nächsten rückblick die ersten 2 absätze des textes ausbauen und ins zentrum stellen und diese rezensionen radikal zusammenkürzen bzw. 2 oder 3 alben/konzerte ausführlicher rezensieren (und auch erklären, warum die 2011 prägten). diese 3zeiler haben einen enden wollenden reiz.

karl fluch
03

sorry, aber das ist wie übers wetter jammern

thomislav
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???

Napalm Death
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bin ich wirklich der einzige, der james blake auch auf album länge gut findet?
mit hype hat das für mich wenig zu tun, weil ich mich um sowas nicht kümmer.

bestes konzert war deffinitiv und ohne zweifel portishead am southside festival. die zuckersüße beth gibbons, halb erfroren, eingehüllt im wintermantel, wird von ihren eigenen songs zum weinen gebracht. ich sehs noch vor mir, wie sie am ende des auftritts mit müh und not die bühne runtersteigt und handshake mit dem entrückten publikum macht.

wundervoll!!!

c70
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erstaunliche Bandbreite von napalm death zu blake ;-)

Rosa Grün
 
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bin james-blake-fan und habe das an anderer stelle schon verkündet. konzert in krems war trancig und sehr gut (kein vergleich mit barcelona)!

schönstes konzert für mich, auch wegen der stimmung: arcade fire in wiesen, dann PJ in barcelona, dann wye oak, wien. aber auch low in barcelona waren einnehmend.

Rosa Grün
 
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blaue schrift auf schwarzem hintergrund?! da braucht es keine psychedelika mehr ....

pop pop
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nein, nicht wirklich.
darum geht es ja auch gar nich

was mich fasziniert ist die Tatsache, dass in Israel solche Musik Mainstream ist und in den Charts.

Schinkenfleckerl 3000
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Viele Isrealis hauen sich nach Beendigung ihres Militärdienstes nach Indien, um dort mit Goa und Drogen das Leben zu genießen - kommt wahrscheinlich daher ;)

Rosa Grün
 
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a propos goa und drogen: exit goa von michael leon, wen's interessiert. party, party, party! israelin nach dem militärdienst kommt vor, sehr tough!
http://www.amazon.de/Exit-Goa-... 390&sr=1-2

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