Eine Nachbetrachtung jener Musik, die 2011 den Kopfhörer erfreute - oder auch nicht.
Wenn Pop tatsächlich ein Abbild der Gesellschaft sein sollte, dann gute Nacht. Sein politisches Mandat hat es 2011 nicht einmal abgeholt, geschweige denn eingelöst - bis auf ein paar selbst gestrickte Barden bei diversen Occupy-Zusammenkünften. Aber bekanntere oder gar große Namen suchte man vergeblich.
Breitenwirksame Trends gibt es nicht mehr, in diversen Sub-Sub-Genres werden zwar brav Haare gespalten, außer einige Friseure kümmert das aber niemanden. Die Vielfalt leidet darunter dennoch nicht, an der Bar der Gleichzeitigkeit konnte man 2011 Deep Soul, elektronischen Soul oder Mopedrock zugleich verinnerlichen. Machte in Summe auch lustig. Ohne besonderes Augenmerk auf Reihung ein paar Alben, die 2011 prägten.
Charles Bradley – No Time For Dreaming: Mein heuriges Lieblingsalbum stammt von einem 62-Jährigen und hätte schon 1967 erscheinen können.
Deep Soul aus dem Hause Daptone, der neben den Größten des Fachs besteht, neben
O.V. Wright und James Carr. Hätte man mir das vor einem Jahr gesagt, ich hätte
nur milde gelächelt.
PlanningToRock – W: Das vielleicht schönste Album des
Jahres. Michael-Nyman-Gezirpe trifft auf die abgebremsten Reste eines
elektronischen Rock’n’Roll-Versuchs, der sich eben in seiner eigenen Ästhetik
auflöst. Diese Kopfgeburt der Britin Janine Rostron ist auf DFA erschienen.
The Black Keys – El Camino: Danger Mouse dreht den
Southern-Rock-Knopf in Richtung Glam und Pop. 1a!
Future
Islands – On The Water: Seltsame Stimme, seltsame Musik zwischen New und
No-Wave, angereichert um menschliches Verlangen und Abneigung gegenüber zu
großem Publikum.
Hundreds – Debut Album: Ein Hamburger
(Geschwister-)Duo schafft eines der schönsten elektronischen Popalben des
Jahres. 80er-Jahre-Klassik trifft auf die Gegenwart, Eva Milner singt dazu in
einer Mischung aus Distanzhiertheit und Emphase, als gelte es, einen Prototyp
zu schaffen: Meisterwerk – und nebenbei ein überzeugendes Plädoyer für das
Albumformat.
Jamie Woon – Mirrorwriting: Elektronischer Soul, der
heuer von keinem sonst in dieser Dichte produziert wurde. Lief im Sommer
wochenlang durch.
Moon Duo – Mazes: Während zur selben Zeit alle alten
Alben von Spacemen 3 neu aufgelegt werden, spielt das Moon Duo eine Art
Kinder-Pop-Version der schwer verdrogten Feedback-Gitarren-Lärmer. Aufgeregter
und wahrscheinlich vegan, trotzdem sehr okay.
Wooden Shjips – West: Selbiges gilt für die Barträger
aus San Francisco, deren Album West den Raumfahrern noch näher kommt also
besser ist. Immerhin haben wir es dabei mit dem Mutterschiff des Moon Duo zu tun.
Rebolledo – Super Vato: Eine dieser Techno-Erscheinungen,
die einen dann doch kriegt. Der Mexikaner sieht aus wie ein Pornostar aus Juarez zirka 1973 und variiert hier kindische Ideen mit locker swingendem Minimal
Techno zu charmanten Kleinoden samt Stimmen und Stimmchen. Eine
Zufallsbekanntschaft, die erfreut. Spitzen Cover Art!
The Rapture – In The Grace Of Your Love: Schon wegen
des Stücks "How Deep Is Your Love?", der Rest fällt nur wenig ab.
PJ
Harvey – Let England Shake: Frau Harvey war mir immer egal, obwohl sie eine Neigungsgruppe
bedient, die durchaus meine Schwächen abdeckt. Aber dieses Album ist einfach
großartig, zusammen mit dem entrückend schönen Konzert bei Primavera Sounds in
Barcelona ein Highlight des Jahres.
Bill
Callahan – Apocalypse: Während Bonnie Prince Billy langweilt,
verdichtet Callahan seine staubtrockenen Songs endgültig zur Meisterschaft. Das
beste Songwriteralbum.
Forest
Fire – Staring at The X: Im noch zu entdeckenden Randgruppenfach des Disco-Folk
die Platzhirschen, ausgezeichnet mit der Brian-Eno-Streber-Medaille.
The
Feelies – Here Before: Nach 20 Jahren in alter Form zurück. Nervöses Gitarrenspiel,
ewiggültige Melodien, Nägel beißender Nerdrock.
Lykke Li
– Wounded Rhymes: Eine Sixties-Girl-Group-Frischzellenkur mit Seele und
elektronischen Schokostäbchen bebröselt, das Haupthaar verwinehoused wie von
selbst zum Turm.
Steve
Earle – I’ll Never Get Out Of This World Alive: Nicht nur sein (mittelprächtiger)
Debütroman heißt so, auch sein 11er-Album, auf dem sich der liberale Redneck mit
Stücken wie "Gulf Of Mexico" in Höchstform zeigt.
David
Lynch – Crazy Clown Time: Lynch übersetzt seine Filme in Musik. Das ergibt die
beste Portishead-Platte 2011, die besseren Geschichten sowieso.
Österreichs
Superstars:
Mopedrock!!
– Vasistas: In
einem Jahr mit vielen sehr guten heimischen Alben, überholt das Wiener Quartett
Mopedrock am Ende doch alle. Zwischen frankophiler Atemlosigkeit und
Punkrock-Wurschtigkeit entstand dieses Debüt, dessen Dringlichkeit ebenso
überzeugt wie der Charme des Unperfekten. Très süpär.
Ja,
Panik – DMD KIU LIDT: Liebe wird aus Mut gemacht:
Nicht nur der Bandname erscheint immer zwingender, auch die in Songs gebrachte
Verweigerungshaltung von Ja, Panik überzeugt. Schpex lobt DMD KIU LIDT gar
zum Album des Jahres aus – ob das gut oder schlecht ist, möge jede/r selbst
einordnen.
Clara Luzia
– Falling Into Place: Charmante Seufzerbrücken zwischen Überzeugung und
Selbstzweifel.
The Happy Kids – Play Their Own Songs: Die Diaspora
von Hasil Adkins erreicht Österreich. Rock’n’Roll auf zwei Instrumenten,
gespielt mit vier gestreckten Mittelfingern.
Bo Candy
& His Broken Hearts – Same: Ein ernsthafter Versuch sich mit Rock’n’Roll
und Blues zu beflecken mündet in eines der besten heimischen Alben: Gebrochene
Herzen pflastern seinen Weg.
Elektro
Guzzi – Parquet: The Schmäh is already old, aber er überzeugt immer noch, auch
wenn die wahre Größe von EG nur im Konzert zutage tritt.
Kreisky –
Trouble: Wickel versprochen und genussvoll eingelöst. Ein paar Watschen für
Schauspieler haben noch nie geschadet.
Makossa
& Megablast – Soy Como Soy: Lässiger Spätsommer-Soundtrack für
Terrassengrillage und Bierverzehr.
M185 – Let The Light In: Krautrock auf
österreichisch, gewürzt mit Chicago-Hausmarke und verhaltenem Swing.
Reissues:
Ebo Taylor – Life Stories: Diese Kompilation
präsentiert das Frühwerk des aus Ghana stammenden Gitarristen Ebo Taylor. Unter
dem Einfluss US-amerikanischer Soul-Musik überführte er Afrobeat und Highlife
in mitreißende Songs, blieb dabei fantasievoll und stringent: ohne Weltmusik-Mief,
ohne nervige Eskapaden.
This Mortal Coil – TMC: Diese Box versammelt die
drei Alben der britischen Band, die mit ihren überästhetisierten Coverversionen
in den 1980ern Depro-Grufties ebenso überzeugen konnten wie unsereiner. Musik
wie der Nebel überm Friedhof der Namenlosen.
Giant Sand – The Love Songs, Ramp, Center Of The
Universe: Drei der besten Alben dieser besten aller Desertrock-Bands. Der
Karies am Zahn der Zeit belegt, diese Alben überzeugen bis heute mit
Einfallsreichtum, höherem Irrsin, Spiellaune und Nachdrücklichkeit. More to
come!
Rowland S. Howard – Teenage Snuff Film: In einer
exklusiven 500er-LP-Edition wurde das Solodebüt des vor zwei Jahren verstorbenen
Gitarristen (The Birthday Party, Crime and the City Solution, These Immortal
Souls ...) neu aufgelegt. Schon der Titel weckt cinemascopische Assoziationen
bei diesen mattschwarzen Exkursionen in eine verlorene Seele. Klassikaner.
An der Hose vorbei:
James Blake – Same: Wie meinte "Spiegel online"
treffend: Viel Ästhetik, kein Gefühl.
Bon Iver: Stehend k.o bin ich selber.
Atlas Sound – Parallax: Leere Hose in Crooner-Pose.
Konzerte:
Gonjasufi (Donaufestival)
Lyle Lovett (Wuk)
Joan As Policewoman (Wuk)
Charles Bradley (Rathausplatz)
PJ Harvey (Primavera)
Matthew
Dear (Primavera, zeitgleich mit Harvey, deshalb beide nur halbert gesehen)
Rubik (Waves)
(Karl Fluch, 2.1.2012, derStandard.at)