Warum es beim Schenken nicht umden ökonomischen Wert der Güter geht und warum ein Geldgeschenk nicht gegen die Etikette verstößt
Die Weihnachtsfeiertage rücken näher. Unerbittlich für jene, die beim damit verbundenen großen Schenken nur widerwillig mitmachen. Freudig erwartet von denen, die beim Wünsche-von-den-Lippen-Ablesen zur Höchstform auflaufen. Wer jetzt noch keine Präsente für Bekannte und liebe Anverwandte hat, gehört vielleicht zu den zahlreicher werdenden Weihnachtsverweigerern. Vielleicht wurde aber auch kurzerhand beschlossen, in diesem Jahr ein paar Scheine auf den Gabentisch zu legen.
Wer Geld schenkt, wähnt sich meist auf der sicheren Seite. Immerhin kann sich der mit harter Währung Bedachte ganz treffsicher seine Wünsche und Bedürfnisse selbst erfüllen. Geheuchelte Begeisterung für zielsicher am Geschmack vorbeigehende Geschenke sind damit obsolet. Bares ist so gesehen praktisch und das wert, was es wert ist. Nicht mehr und nicht weniger.
Ökonomischer Wert
Das ist aber gleichzeitig auch sein größtes Problem, gibt der Soziologe Holger Schwaiger zu bedenken. Der Dozent an der Uni Erlangen hat sich in einem Buch ausgiebig mit dem Thema schenken beschäftigt. Gaben darzureichen, so seine Analyse, heißt Waren mit dem Kauf aus dem Ökonomiekreislauf herauszunehmen und in den privaten Bereich zu transferieren. Mit anderen Worten: Die Güter werden ihres schnöden Seins als solche enthoben. „Beim Schenken geht es gerade nicht um den ökonomischen Wert, ganz im Gegenteil. Dieser wird geradezu verschleiert. Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen", sagt Schwaiger. Nicht nur das Preisschild gilt es auf jeden Fall zu entfernen. Bei der Krawatte werden wortreich und in den farbenprächtigsten Bildern das Aufspüren und die Auswahl erklärt: „Ich hab sie in dem Geschäft gefunden, das dich beim letzten Schaufensterbummel zu Ah- und Oh-Rufen veranlasst hat. Und ich hab mir gleich gedacht, dass sie perfekt zu deinem neuen Anzug passt."
Sozialromantische Idee
Der Gabenaustausch verbindet sich laut dem Soziologen so in seiner schönsten Form mit einer symbolisch sozialromantischen Idee. Das Seidenpapier, die Kärtchen, die Mascherln und Schleifchen tun ein Übriges, um dem geschmackvoll verhüllten Inhalt die höheren Weihen zu verleihen. Geld kann da nicht mit. Es ist und bleibt schnöder Mammon - eine ökonomische Größe. Da hilft für Schwaiger auch die schönste Verpackung nichts. Der wesentliche Teil des Schenkens, die Wertschätzung des anderen durch das Suchen und Finden auszudrücken, fehlt. Wenig besser schneiden für den Sozialwissenschafter Gutscheine ab. „Geschummelte Geschenke" nennt er sie, so wie im Wesentlichen Gold oder Aktien auch.
Was in soziologischer Hinsicht nicht eben von höchster Umsicht zeugt, ist im Sinne der richtigen Umgangsformen nicht ganz und gar unmöglich. Aber auch für Etikette-Kenner Thomas Schäfer-Elmayer ist das Geldgeschenk nicht ohne: "Geld in dieser Form schenkt man eigentlich nicht. Es sei denn für einen bestimmten Zweck." Er selbst habe bei einem runden Geburtstag den Gästen eine Wunschliste geschickt. Wer beitragen wollte, konnte auf das angegebene Konto überweisen. Erlaubt seien auch die üblichen Hochzeitslisten, wo dann der silberne Löffel bezahlt und damit symbolisch verschenkt wird. Einen fadenscheinigen Touch beim Scheineschenken nimmt auch Schäfer-Elmayer wahr. „Wer Geld oder Gutscheine schenkt, steht im Geruch, nicht nachdenken zu wollen. Und das ist auch wahr." Dieser Falle entkomme der Schenker nur, wenn er sich an einem größeren Ganzen beteilige, an einem Geschenk, das nur dadurch zustande kommt, weil mehrere zusammenlegen.
Woher es kommt, dass Geldschenken irgendwie peinlich ist? „Bei uns spricht man nicht über Geld", mutmaßt Schäfer-Elmayer. „Auch bei Konversation oder Smalltalk ist das ein Thema, das man besser nicht erwähnen soll." Im Endeffekt werde sich der Beschenkte wohl auch über die Moneten freuen, ist Schäfer-Elmayer sicher: „So gesehen ist ein Geldgeschenk besser als sein Ruf." Der Schluss, den Benimm-Papst Schäfer-Elmayer daraus zieht: „Es gibt auch hier keine einfache Wahrheit - wie so oft bei den Benimmregeln." (Regina Bruckner, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 15.12.2011)