Schönborns protestantischer Reformweg

Blog2. Jänner 2012, 10:27
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Er möchte die von der Pfarrerinitiative angesprochenen pastoralen Probleme nicht leugnen, denn diese seien "real". Diese klare Feststellung des Wiener Kardinals ist ein Fortschritt in der Kirchendiskussion. Denn gerade von traditionalistischer Seite kommt gerne der Vorwurf, dass die Kritiker nur nachrangige Themen behandeln.

Aber Kardinal Schönborn möchte die Probleme anders lösen, als von der Pfarrerinitiative vorgeschlagen, vermeldete er in einem Weihnachtsinterview. Wie "gangbare Lösungen" im Rahmen der Weltkirche aussehen sollen, zeichnet sich bei dem in der Erzdiözese Wien gestarteten Reformprozess ab. Dem Priestermangel möchte man dadurch begegnen, dass immer mehr Pfarrgebiete zusammengefasst werden sollen. Bisherige Pfarrkirchen werden zu Filialkirchen heruntergestuft. Laien dürfen diese betreuen und Wortgottesdienste halten.

Das ist für die Katholische Kirche kein geringes Problem: Die Eucharistiefeier mit der Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, die nach katholischem Verständnis nur ein geweihter Priester zelebrieren kann, nimmt in der Papst-Kirche einen zentralen Ort ein. Von den fünf Sondergeboten, mit denen die Katholische Kirche (im Unterschied zu anderen Kirchen) ihre Gläubigen verpflichtet, verlangt das erste, jeden Sonntag an einer Eucharistiefeier teilzunehmen (Katechismus der Katholischen Kirche 2042).

Was hält daher der oberste katholische Glaubenslehrer von solchen Reformideen?

"Als ich Erzbischof von München war, hatte man dieses Modell der Wortgottesdienste ohne Priester geschaffen, um die Gemeinde in ihrer Kirche sozusagen präsent zu machen. Und sie sagten: Die Gemeinde bleibt bestehen, und wo es keinen Priester gibt, halten wir diesen Wortgottesdienst...und nach einer längeren Zeit haben sie erkannt, dass das auch schiefgehen kann, weil man den Sinn für das Sakrament verliert; es entsteht eine Protestantisierung, und wenn es am Ende nur das göttliche Wort gibt, dann kann ich es auch bei mir zu Hause feiern."

Dieses Zitat stammt aus einer Ansprache, die Papst Benedikt XVI. kurz nach seinem Amtsantritt am 25. Juli 2005 hielt. Die Vatikan-Homepage vermerkt dazu, dass der Papst "in freier Rede" vorgetragen hat. (Ein Sachverhalt den man so werten kann, dass der Papst hier ungeschminkt seine Position darlegt.)

Wie es scheint, kann die Katholische Kirche also nur zwischen zwei Wegen der Protestantisierung wählen. Entweder durch Verlust der Möglichkeit der Eucharistiefeier an jedem Sonntag oder durch eine Änderung der Zulassungsbedingungen zum Priesteramt, wie es die Pfarrerinitiative vorschlägt. (Tradioneller Denkende, die dadurch einen Identitätsverlust ihrer Kirche fürchten, legen daher den rebellischen Pfarren einen Übertritt zur evangelischen Kirche nahe.)

Da aber alle katholische Lehrdokumente zusammen genommen keinen Zweifel daran lassen, dass die sonntägliche Eucharistiefeier das Herzstück des Glaubenslebens bildet, kann man folgerichtig schließen, dass eine Änderung der Zulassungsbestimmungen zum Priesteramt die Ideale der Glaubensgemeinschaft geringer beeinträchtigt. Das umso mehr, als es für das Zölibatsgesetz auch aktuell immer wieder Ausnahmen gibt. (Wie berichtet weihte der Wiener Kardinal vor vier Jahren mit päpstlicher Ermächtigung einen verheirateten ehemaligen Pastor zum katholischen Priester). Daher kann man eine Priesterehe nicht als unkatholisch bezeichnen.

Damit ergibt sich kurioser Weise, dass in dieser Frage der Kirchenreform die Pfarrerinitiative den eigentlich katholischen Weg zeigt, Schönborn aber einen protestantischen.

Bleibt abzuwarten, ob der Schönborn-Weg wenigstens Fortschritte in der Ökumene bringt. Eine dazu passende These könnte lauten: Vielleicht bedarf es für die Einheit der Christen des Aussterbens des Amtes nach katholischem Verständnis. Und vielleicht tragen paradoxer Weise gerade jene dazu bei, die dieses Amt in alter Fasson konservieren wollen.

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPS: Aktuell dazu: Der Vatikanexperte Marco Politi, der 20 Jahre für die italienische Tageszeitung "La Repubblica" aus dem Vatikan berichtete und nun das Buch "Joseph Ratzinger: Krise eines Pontifikats" über die seiner Meinung nach glücklose Amtsführung Benedikts XVI. veröffentlicht hat, meint: "Da kann es nicht nur sein, dass der Papst starke Worte findet. Es muss so sein, dass der Papst eine weltweite Untersuchung beginnen und verordnen muss, um alles ans Licht zu bringen. Und ich glaube, es wäre auch an der Zeit, dass der Vatikan seine Archive öffnen muss, um zu zeigen, wie viele Fälle versteckt worden sind."

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD.

2010 erschien sein Romanerstling: "Die kleinere Sünde" (Czernin-Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche

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