Fremdsein als Lebenskonzept

2. Jänner 2012, 09:38
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Evren Yazici da Conceição hat geographisch und beruflich einen langen Weg zurückgelegt. In Wien hat die Schauspielerin und Performancekünstlerin "einen Ort zum Wohlfühlen" gefunden

Bevor die zierliche dunkelhaarige Mittdreißigerin ansetzt, mit leiser, aber erkennbar professionell geschulter Stimme zu erzählen, dreht sie sich zuerst eine Zigarette, zum Kaffee dazu. Wo und wie anfangen, über das eigene Leben zu erzählen? Am besten ganz am Anfang, beschließt Evren, und erzählt, wann und wo sie zur Welt gekommen ist. Im Jahr 1976 war es, in der Stadt Rize, an der osttürkischen Schwarzmeerküste. Im Alter von siebzehn Jahren folgte dann der Umzug nach Istanbul zum Studium. Evren studierte Zahnmedizin, machte aber nebenbei auch eine Schauspielausbildung und arbeitete schon bald in Theater- und Filmproduktionen mit.

Horizont erweitern im Ausland

Nach einigen Jahren in Istanbul erwog Evren, ins Ausland zu gehen, nach England oder Kanada. "Ich wollte einfach meinen Horizont erweitern und neue Dinge kennenlernen. Aber es war finanziell nicht möglich, England und Kanada waren einfach zu teuer." Dann lernte Evren 2002 ihren damaligen Freund kennen, der in Wien lebte, und zog zu ihm. Zu diesem Zeitpunkt war sie 26 Jahre alt. "Ich sprach zwar kein Deutsch, aber ich habe mir gedacht, das kann ich ja lernen", erzählt Evren in einem makellosen Deutsch. In Wien inskribierte sie das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Philosophie. "In diesem Studium muss man viel lesen, schreiben und präsentieren, so habe ich schnell Deutsch gelernt."

Nach vier Jahren Leben in Wien folgten Reisen in Rahmen von Schauspielprojekten auf der ganzen welt: In China und Thailand, später Brasilien, wo Evren länger bleibt als geplant: "In Brasilien habe ich als Schauspielerin gearbeitet, viele Freunde gehabt und auch meinen Mann kennengelernt. Dort ist mein erstes Kind zur Welt gekommen." Portugiesisch lernte sie übrigens ohne einen Sprachkurs, "einfach durch das Leben dort."

Rückkehr nach Wien

Nach zweieinhalb Jahren in Brasilien folgte dann der Umzug nach Wien, "weil ich Wien immer als meine Basis gesehen habe." Wenn man eine Familie hat, ist Wien sehr günstig. Mit einer Familie muss man die individuellen Interessen manchmal zurückschrauben", erzählt Evren und fügt hinzu: "Natürlich ist nicht immer alles perfekt, aber so ist das überall. Ich fühle mich eigentlich ganz wohl hier."

Für ihren Mann, der in Brasilien als Philosophielehrer und Musiker arbeitete, ist es nicht leicht, in Österreich beruflich Fuß zu fassen. "Für ihn ist es schwieriger, im Moment kann er in seinem Beruf nicht wirklich etwas machen, jedenfalls kann er keine langfristige Anstellung bekommen. Philosophie hat viel mit Sprache zu tun, er braucht eben ein bisschen mehr Zeit", erklärt Evren mit Bedauern, aber nicht ohne Zuversicht.

Vor der Haustür: Deutsch

Ihre beiden Kinder im Vorschulalter wachsen in Wien dreisprachig auf. "Mein Mann spricht mit ihnen Portugiesisch, ich spreche mit ihnen Türkisch, aber nur zu Hause. Sobald ich mit ihnen rausgehe, vor die Haustür, spreche ich mit ihnen nur Deutsch." Ein ungewöhnliches Konzept, das spontan entstanden ist und in diesem Fall aufzugehen scheint: "Ich habe gemerkt, meinen Kindern hilft es, wenn ich mit ihnen Deutsch spreche. Ich habe mit Pädagogen darüber geredet, sie meinten, es sei gar kein Problem, mit ihnen in zwei Sprachen zu sprechen, wenn es für sie klar ist und ich mich strikt daran halte."

Impulse geben

Neben diversen Schauspielprojekten hat Evren eine Fixanstellung, sie leitet das Theater im Jugend- und Kulturhaus VZA, Verein Zentrum Aichholzgasse. Durch ihre Arbeit kommt sie mit zahlreichen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Kontakt. Evren über ihren persönlichen und beruflichen Zugang zum Thema Migration: "Ich beschäftigte mich nicht grundsätzlich mit Migration, aber es ist natürlich ein Teil von mir, aber eben nur ein Teil, ich identifiziere mich nicht ganz damit. Migrationsthematik und meine Migrationserfahrung fließt in meine Arbeit mit hinein, es gibt ja immer gesellschaftliche Verbindungen, und ich finde es wichtig, Migration nicht als Defizit zu sehen." Als denkender Mensch sehe sie es als ihre Aufgabe, in der Arbeit mit Jugendlichen oder auch in der Kunst, aktiv Impulse auf die eigene gesellschaftliche und soziale Umgebung zu geben, was zwangsläufig auch eine politische Dimension beinhaltet.

"Ein bisschen aus der Distanz"

Bei der Frage, wie sie für sich den Begriff "Zuhause" definiert, zögert Evren und hält ein wenig inne, bevor sie sich an eine Antwort herantastet, indem sie zunächst das Gegenteil von Zuhause anspricht, nämlich das Fremdsein: "Fremdsein als Gefühl ist mir sehr bekannt, auch als Kind habe ich mich aus verschiedenen Gründen fremd gefühlt. Wenn man sich ein bisschen außerhalb der Normen bewegt, ist man schnell irgendwo fremd." Es sei für sie aber nicht unbedingt nur negativ, sich fremd zu fühlen, solange man dadurch keine Diskriminierung erleide. Zu Hause fühle sie sich auf jeden Fall mit ihren Kindern, in ihrer privaten Umgebung, unabhängig vom geographischen Standort. Die Türkei vermisse sie auch nicht mehr als Brasilien, aber eigentlich sei es für sie das Wichtigste, "was ich jetzt gerade erlebe".

Wenn sie heute in die Türkei fährt, habe sie das Gefühl, die Menschen eher von der Seite zu beobachten, "ein bisschen aus der Distanz", was sich aber auch schnell wieder ändern könne. Die Sehnsucht, wieder woanders zu leben, habe sie im Moment nicht. "Aber ich bin immer offen für andere Möglichkeiten", fügt sie hinzu. (Mascha Dabić, 2. Jänner 2012, daStandard.at)

  • Es sei nicht unbedingt immer negativ, sich fremd zu fühlen, sagt Evren Yazici da Conceição.
    foto: mascha dabic

    Es sei nicht unbedingt immer negativ, sich fremd zu fühlen, sagt Evren Yazici da Conceição.

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