"Wir sind in der Union!"

9. Juni 2003, 19:19
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Polen: 75 Prozent wollen in die EU - Jubel in Warschau - mit Kommentar

Die Polen stimmten am Wochenende mit einem klaren Ja für die Europäische Union. Sah es zunächst nach einer Zitterpartie aus, war das Ergebnis dann doch eindeutig: 57 Prozent gingen zum Referendum, 75 Prozent waren für den Beitritt.

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Polens Präsident Aleksander Kwasniewski wirbelt die Europaministerin Danuta Hübner durch den Saal, küsst seine Frau Jolanta, umarmt Freunde und politische Gegner: "Ich bin gerührt", bebt seine Stimme, als er das vorläufige Ergebnis der EU-Volksabstimmung hört: 75 Prozent der Polen sind für den EU-Beitritt Polens. Über 57 Prozent der Wahlberechtigten haben ihre Stimme abgegeben. Das Referendum ist gültig. Kwasniewski wirft die Arme in die Höhe: "Die Polen haben Ja gesagt. Wir sind in der Union!"

Tausend Gäste jubeln mit, klatschen, küssen und umarmen einander. In den letzten Wochen und Monaten hatten sie viel Arbeit ins Referendum gesteckt. Sie tourten mit dem Präsidenten durchs Land, organisierten Happenings, verteilten EU-Luftballons und redeten sich den Mund fusselig: "Stimmt mit Ja zur EU. Das ist unsere Chance."

Bis zuletzt sah es so aus, als könnte das Referendum doch noch scheitern. Samstag hatten nur 17,8 Prozent der Wähler ihre Stimme abgegeben. In Panik gerieten die EU-Befürworter, als sich Sonntag, 14 Uhr, noch immer keine markante Steigerung abzeichnete. Kurz nach 20 Uhr entlud sich die Spannung. In vielen Städten tanzten die Polen auf den Straßen, umarmten Fremde, stießen auf den Sieg an.

Auch Polens Premier Leszek Miller feierte. Allerdings war die Stimmung in seiner Kanzlei nicht ganz so ausgelassen. Miller und seine Minister wussten, dass ihnen ein "sehr ernstes Gespräch" mit Kwasniewski bevorsteht. "So kann man nicht regieren", hatte der bereits erklärt. Schon seit Wochen wird spekuliert, ob Miller nach dem Referendum den Weg frei macht zu vorgezogenen Parlamentswahlen. Er will sich nun so schnell als möglich einer Vertrauensfrage im Parlament stellen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.6.2003)

Gabriele Leser aus Warschau

Kommentar

Kein Freibrief für Miller
Von Josef Kirchengast

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    Präsident Aleksander Kwasniewski freut sich mit Gemahlin

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    Premier Leszek Miller darf sich freuen

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