US-Beamter: "Unredliche Aussagen von ganz oben"

8. Juni 2003, 10:27
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Aussagen verstärken Vorwürfe gegen Regierung: "Am weitesten ging die Verzerrung im Bereich der Atomwaffen"

Washington - Im Streit um Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen hat ein ehemaliger amerikanischer Geheimdienstbeamter schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung erhoben. Die Regierung habe Geheimdienstinformationen verzerrt und Vermutungen als erwiesene Tatsachen dargestellt, sagte Greg Thielmann, der bis September im Büro für Geheimdienste und Forschung des US-Außenministeriums arbeitete. Bis zu seiner Pensionierung leitete er dort die Abteilung für strategische und militärische Angelegenheiten.

Thielemann: Informationen wurden in unzulässiger Weise zugespitzt

Thielmanns Abteilung erhielt alle Informationen der CIA und anderer Geheimdienste über Waffenprogramme in Irak. Diese Informationen habe die Regierung in unzulässiger Weise zugespitzt, sagte Thielmann. "Was mich bedrückt, sind die meiner Meinung nach unredlichen Aussagen von ganz oben darüber, was die Geheimdienste sagten", erklärte er. "Am weitesten ging die Verzerrung im Bereich der Atomwaffen". Die Beweislage dafür sei sehr viel dürftiger gewesen, als die Regierung vorgegeben habe.

Als Beispiel nannte Thielmann eine Rede von US-Präsident George W. Bush, in der dieser erklärte, der Irak habe versucht, Uran aus Afrika zu kaufen. Bush berief sich damals auf europäische Geheimdienste, die Briefe zwischen dem Irak und dem Niger abgefangen hätten. Die Briefe wurden inzwischen als Fälschung erkannt. Thielmann zufolge war die Information über den Urankauf aber schon Monate vor Bushs Rede für zweifelhaft erklärt worden. "Ich war sehr erstaunt, dass diese Information der Öffentlichkeit in den USA und der ganzen Welt verkündet wurde", sagte Thielmann.

Vermutungen wurden als Fakten dargestellt

Dem CIA-Chef George Tenet warf Thielmann vor, Vermutungen als Fakten dargestellt zu haben. Tenet teilte im Februar dem Geheimdienstausschuss des Senats mit, der Irak besitze noch immer Scud-Raketen aus der Zeit vor dem Golfkrieg von 1991. Tatsächlich sei dies eine bloße Vermutung der Geheimdienste gewesen, weil der Verbleib einiger Raketen aus dem Waffenarsenal Saddam Husseins für sie nicht ersichtlich gewesen sei, sagte Thielmann. Es hätte aber genauso gut sein können, dass sie zerstört wurden.

Thielmann betonte, auch er habe angenommen, dass der Irak chemische und vermutlich auch biologische Waffen besitze. Er sei sehr erstaunt, dass die US-Streitkräfte im Irak bisher nicht fündig wurden. "Wir scheinen uns geirrt zu haben", sagte er. "Das hat mich wirklich überrascht."

Vor dem Krieg keine konkreten Beweise

Erst am Freitag hatte das Pentagon zugegeben, dass es vor dem Krieg keine zuverlässigen Beweise für die Existenz irakischer Chemiewaffen hatte. Der militärische Geheimdienst CIA habe schon im vergangenen September eingeräumt, dass es keinen eindeutigen Beleg dafür gebe. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bush aber bereits mit dem Argument der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen für einen Angriff auf den Irak geworben.

Am Samstag versuchte der US-Verbündete Australien, sich von dem Vorwurf zu distanzieren, die Kriegskoalition habe die Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen dramatisiert. Ministerpräsident John Howard sagte, er habe lediglich Geheimdienstinformationen der USA und Großbritanniens übernommen. "Es gab keine Manipulation von Geheimdienstinformationen durch die Regierung, die ich anführe", sagte Howard bei der Jahresversammlung seiner Partei. Er sei weiterhin davon überzeugt, dass sich Beweise für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen finden würden. (APA/AP)

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