Insulin-Morde in Franken

7. Juni 2003, 13:47
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Altenpfleger soll acht Senioren getötet haben - Weitere Opfer nicht ausgeschlossen

Nürnberg - Ein Altenpfleger soll im fränkischen Fürth in Bayern acht Heimbewohner mit Insulin getötet haben. Neben zwei schon länger vermuteten Fällen habe der 23-Jährige wahrscheinlich noch sechs weitere Heimbewohner mit einer Überdosis Insulin umgebracht, sagte die Nürnberger Staatsanwaltschaft am Samstag auf Anfrage. Sie bestätigte damit Berichte der Zeitungen "tz" und "Münchner Merkur".

In zwei weiteren Fällen werfen die Ermittler dem 23-Jährigen außerdem versuchten Totschlag vor. Der Beschuldigte, der beharrlich zu den Vorwürfen schweigt, sitzt seit November vergangenen Jahres in Untersuchungshaft.

Staatsanwalt: Anklage wegen Totschlags steht bereits

Staatsanwalt Stephan Popp sagte, bei zwei Bewohnern des Heims der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sei die Staatsanwaltschaft relativ sicher, dass sie der Pfleger mit einer Überdosis Insulin getötet hat. Die Anklage wegen Totschlags stehe bereits. "Bei drei weiteren Todesfällen hat sich der Verdacht gegen den 23-Jährigen sehr verdichtet, in drei anderen Fällen ermitteln wir noch. Aber auch hier besteht ein Verdacht", sagte Popp.

Die Heimleitung war auf den Pfleger im Oktober vergangenen Jahres aufmerksam geworden. Zwei ältere Heimbewohnerinnen hatten einen Insulin-Schock erlitten, nachdem ihnen grundlos das Blutzucker senkende Mittel verabreicht worden war. Die Frauen konnten gerettet werden. Beide sind keine Diabetikerinnen. Die Heimleitung überprüfte daraufhin frühere Todesfälle.

Fehlmedikation ausgeschlossen

Vergleiche der Todeszeitpunkte mit den Dienstplänen der Pfleger ergaben demnach, dass der als Hilfspfleger beschäftigte 23-Jährige meist kurz zuvor Dienst hatte. Eine Fehlmedikation schloss die Heimleitung ausdrücklich aus. "Es gibt keinen Hinweis, dass jemand vom übrigen Pflegepersonal irrtümlich das Insulin gespritzt hat", stellte der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Fürth, Karl- Heinz Wurst, seinerzeit fest.

Die Pflegeheim-Betreiber halten es auch für unwahrscheinlich, dass der 23-Jährige sich nicht ausreichend über die Folgen von Insulin- Injektionen klar war. "Der junge Mann hat seit einem Jahr berufsbegleitend eine Altenpflegeausbildung absolviert. Er wusste daher genau, was er tat", fügte der Fürther AWO-Vorsitzende Willi Blutz hinzu.

Das Motiv des Täters blieb unklar. "Auch wir spekulieren natürlich darüber, ob es eine Mitleids-Tat war", sagte der AWO-Geschäftsführer. Sichere Hinweise dafür gebe es allerdings nicht. Nach Angaben von Kollegen hat sich der 23-Jährige, der seit Mai 1999 in dem Heim beschäftigt war, immer korrekt verhalten. Zu den Patienten habe er ein "neutrales Verhältnis" gehabt. (APA/dpa)

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