Gerechtigkeit als eine messbare Größe

7. Juni 2003, 10:00
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Ein Wiener Ethnologe entwickelt einen Maßstab zur Analyse von Rechts- und Staatssystemen

"Die Macht ist wie ein Ei" lautet ein Sprichwort aus dem afrikanischen Ghana. Es soll die Herrscher daran erinnern, dass sowohl ein zu hartes Regiment als auch eine zu lockere Handhabung die eigene Autorität zerbrechen lassen. Es weist aber auch darauf hin, dass in Afrika im Gegensatz zu den medial transportierten Bildern von Bürgerkriegen und Gewalt ein ausgeprägtes Rechtssystem existiert, das oft parallel zur staatlichen Rechtsprechung überlebt und noch immer angewendet wird.

Der Wiener Ethnologe Werner Zips entwickelte nun in vom Wissenschaftsfonds unterstützten Feldstudien in Jamaika und Ghana eine kritische Lesart, anhand derer Rechts- und Staatssysteme auf ihre Gerechtigkeit hin überprüft werden können. Seine Schlussfolgerung: Die afrikanischen Modelle reichen näher an eine radikaldemokratische Mitbestimmung heran als die meisten repräsentativen Demokratien westlichen Zuschnitts.

Als Fallbeispiel wählte Werner Zips eine selbst organisierte Gruppe von Menschen im Karibikstaat Jamaika, die von den Briten als Sklaven aus Westafrika verschleppt wurden und vor allem auf Plantagen der weißen Großgrundbesitzer arbeiten mussten. Durch einen Freiheitskampf konnten sie schon im Jahr 1738 die Herrschaft Großbritanniens abschütteln und heißen seit damals Maroons, was so viel wie "Freiwild" oder "unabhängig" bedeutet. Sie schlossen sich zu neuen Gemeinschaften zusammen und verliehen sich ein Regelwerk, in dem Gerechtigkeit auch als Reaktion auf das erlittene Unrecht im Zentrum steht.

Vier Dörfer mit wenigen Tausend Einwohnern gibt es heute noch auf Jamaika, die als autonome "Staaten im Staat" anerkannt sind und nach ihrem Recht leben - eine laut Zips ähnliche Situation wie in Afrika, wo in vielen Ländern neben dem von den Kolonialherren eingeführten Rechts- und Staatssystem ein zweites, traditionelles Gesetzessystem besteht. Die Maroons faszinierten den Wiener Ethnologen vor allem deswegen, weil sie sowohl in Afrika als auch in jenen Staaten, wohin ihre Vorfahren als Sklaven verschleppt wurden, einen "Kultstatus" besitzen. Überlebt hat auch die enge Verbindung mit der geographischen Heimat der meisten Nachkommen ehemaliger Sklaven auf Jamaika, mit dem westafrikanischen Staat Ghana. Noch heute spiegelt sich die Herkunft etwa in der Sprache, in die afrikanische Worte eingeflossen sind, oder im Umgang mit Leben und Tod - und eben auch in Recht und Politik. "Ich wusste aus persönlichen Kontakten, dass die Maroons Recht und Gerechtigkeit prinzipiell sehr wichtig nehmen. Wie die Regelungen und Entscheidungsprozesse aber im Detail aussehen, musste ich rekonstruieren", erzählt Werner Zips von den Anfängen des Projektes. Die vorhandenen Überlieferungen konzentrieren sich - wenn sie von den Maroons selbst stammten - auf den Freiheitskampf. Die Aufzeichnungen der Kolonialmacht hingegen malen das Bild von barbarischen und grausamen Hinterwäldlern.

Zips zeichnete aber nicht nur das Rechts- und Staatssystem durch zahlreiche Interviews nach. Darüber hinaus wollte er "klar machen, dass sich die menschenwürdige Gesellschaftsform bei den vorgeblich 'wilden Rebellen' findet und nicht bei der europäischen Sklavenhaltergesellschaft".

Am Ende der insgesamt dreijährigen Feldforschung sollte als Ergebnis ein Maßstab stehen, der eine kritische Beurteilung der Legitimität politischen und rechtlichen Handelns zulässt. Im Zentrum stand nicht nur die Frage, was als Recht gilt, sondern auch, ob und warum Recht als gerecht gelten soll. Wie aber kann ein Urteil über Gerechtigkeit wissenschaftlich fundiert gefällt werden? "Durch die Konzentration auf die Prozeduren der Entscheidungsfindung, und nicht auf die Werte", erklärt der Ethnologe: "Um die Berechtigung des Geltungsanspruchs von Recht zu überprüfen, muss man die Prozesse der Meinungs- und Willensbildung analysieren." Seine Frage war, ob alle, die vom Ausgang eines Verfahrens betroffen sind, auch an der Entscheidungsfindung beteiligt waren.

Bei den Maroons etwa wird alle fünf Jahre ein "Cornell" - aufgrund ihrer kämpferischen Geschichte benutzen sie noch immer militärische Titel - gewählt. Der "Oberst" tritt meist schon mit einem Regierungsteam an, das dann den "Council", den Ministerrat, bildet. Tritt ein Problem auf, etwa dass sich zwei Nachbarn um die Nutzung des Bodens streiten oder jemand keinen Unterhalt zahlen will, setzen sich die Konfliktparteien mit dem zuständigen Minister zusammen und versuchen, eine Lösung auszuverhandeln. Misslingt der Konsens, wird das Problem in den "Council" getragen, wo ein Kompromiss gefunden werden muss.

Auseinandersetzung vor Ort wird der Abschiebung von Problemen an staatliche Instanzen vorgezogen - ein auch in Afrika stark ausgeprägter radikaldemokratischer Ansatz, der sich im Westen am ehesten im Trend zu immer mehr außergerichtlichen Einigungen spiegelt. Immer öfter passiert es aber nicht nur bei Maroons, sondern in vielen ehemaligen Kolonien, dass Menschen zwischen den Systemen wechseln oder sich an die staatlichen Gerichte wenden, wenn die traditionelle Konfliktlösung nicht die für sie persönlich gewünschten Resultate erbrachte. Scheinbar ethnische Auseinandersetzungen resultieren nicht selten aus derartigen Spannungen, sagt Zips.

Sein Gerechtigkeitsraster könne international an verschiedenste Konfliktsituationen angelegt werden, glaubt der Ethnologe - sogar an die österreichische Pensionsdebatte: Die Menschen fühlten sich bzw. ihre Vertreter nicht ausreichend in den Reformprozess eingebunden, Unruhe wäre da nur die logische Folge. Die Akan, die größte Bevölkerungsgruppe in Ghana, würden es wohl so formulieren: "Die Eierschale hat einige Sprünge bekommen." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. - 8. .6. 2003)

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