Europaweite Debatten um atomare Zukunft

6. Juni 2003, 18:45
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Deutschland und Frankreich im Blickpunkt

Berlin/Paris - Deutschland war der erste große Industriestaat, der den Ausstieg aus der Atomenergie ankündigte. Die nach eineinhalb Jahren Verhandlung zwischen rot-grüner Regierung und der Stromwirtschaft erreichte Vereinbarung sieht vor, dass die 19 Kernkraftwerke noch 2623 Terawatt Strom produzieren dürfen. Dies entspricht einer rechnerischen Laufzeit von 32 Jahren pro AKW.

Damit ist nicht klar, wann der letzte Reaktor in der Bundesrepublik abgeschaltet ist. Umweltminister Jürgen Trittin rechnet damit, dass es 2021 soweit ist. Die Kraftwerksbetreiber sehen den Beschluss dagegen nicht als endgültig an. Am vergangenen Dienstag forderte der Präsident des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft, Werner Brinker, dass der Ausstieg "in einigen Jahren überprüft werden" müsse.

Option auf Atomenergie

Die deutsche Stromwirtschaft bestehe darauf, sich die Option auf Atomenergie offen zu halten. Es gehe aber nicht darum, jetzt neue Kraftwerke zu bauen. Die Kernkraft ist mit 31 Prozent noch immer die wichtigste Energiequelle in Deutschland.

In Greifswald, drei Autostunden von Berlin entfernt, wird das weltweit größte Stilllegungsprojekt eines Kernkraftwerkes betrieben. Das DDR-AKW ist der gleiche Reaktortyp wie Temelín und aus politischen Gründen nach der Wiedervereinigung abgeschaltet worden. Die Erfahrungswerte zeigen, dass man zehn Jahre für den Abbau eines AKW braucht und mit Kosten von 225 Millionen Euro pro Block rechnen muss.

Unerhörtes tut sich derzeit in Frankreich: Die Regierung organisiert eine "öffentliche Debatte" über die Ausrichtung der nationalen Energiepolitik. Das ist ein Novum in einem Land, in dem die Atomlobby seit den Siebzigerjahren das Sagen hat - und zwar weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Daran ändert auch die Debatte nichts: Sie wird nur unter den - mehrheitlich nuklearfreundlichen - Energieexperten geführt.

Vier Fünftel des Stroms werden in Kernkraftwerken erzeugt, und die meisten Franzosen finden nichts dabei. Der ehemalige Premierminister Lionel Jospin gab zwar einen Bericht in Auftrag, der die Kosten eines Atomausstiegs mit dem Investitionsbedarf für die zweite AKW-Generation vergleicht.

Die Atomindustriellen und -ingenieure haben aber dafür gesorgt, dass der Regierungsbericht verzögert und notfalls entschärft wird. Sie kontrollieren de facto weiterhin die Energiepolitik. Seit zwei Jahren verfügen sie über einen Großkonzern namens Areva, der 45.000 Angestellte zählt und die Nuklearindustrie vereinigt - so etwa die Wiederaufbereitungsanlage La Hague und den AKW-Bauer Framatome.

Gegen diesen Goliath können die kleinen Verts (3 Abgeordnete in der Nationalversammlung) wenig ausrichten. Beim ehemaligen Koalitionspartner, der sozialistischen Partei, sind die Atombefürworter in der Überzahl. Ihr Energieexperte Christian Bataille meint zum deutschen Ausstiegswillen: " Das ist doch nur ein Wahl-Bluff, um eine Wählerschaft zu beruhigen, die eben viel heikler ist als in Frankreich." (afs, brä/DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2003)

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