Die James-Bond-Christin

8. Juni 2003, 10:30
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Wie böse sind die Muselmanen? Oder: Plumpe Aufforderung zum Glaubenskrieg und knallharte Schwarz-Weiß-Malerei bei "Vera" - Ein Kommentar der anderen von Franzobel

Fast jeder hat einen nahen oder weit entfernten Verwandtschaftszweig, bei dem irgendwie alle missraten sind, schielend, zwergwüchsig, fett oder verstiegen, überspannt. Wie es aber bei Sabatina ausschaut, wer hier missraten, wer normal, wer Monster ist, weiß ich selbst nach der Sendung Vera nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade aus dem Senegal zurückgekommen bin, einem laizistischen Staat, in dem islamische Bruderschaften (allen voran die sich selbst ungehemmt so nennenden Moriden) im Verband mit starken Familienverbünden zwar den Fortschritt und alle individuelle Initiative hemmen, weil der Erfolgreiche alles teilen muss, gleichzeitig aber ein engmaschiges soziales Netz spannen und somit Unruhen wie Extremismus verhindern - eine ebenso komplizierte wie verfahrene, für Entwicklungsländer aber nicht untypische Situation.

Vielleicht liegt es also an der Rückkehr aus Schwarzafrika, dass mir die konvertierte Sabatina bei Vera, dieser TV-Programm gewordenen Mitleidsmenschlichkeit, dieser russwürmelnden Betroffenheitsshow, die ich mir selbst als Rückkehr-Härteprüfung auferlegt habe, mir diese Sabatina also, deren Schicksal, wenn es wahr sein sollte, sicher tragisch und bestürzend ist, wie eine James-Bond-Christin vorgekommen ist, eine Agentin in einem so noch nicht erlebten Glaubenskampf.

Denn ganz egal, ob es sich bei dieser Sabatina nun um eine pakistanische Capulet, eine geschickte Selbstdarstellerin oder wirklich um eine ihres Lebens bedrohte junge Frau handelt, die ein persönliches WTC-Schicksal fürchten muss, bei dem die eigenen Verwandten in sie schießen: So jedenfalls, wie sie bei Vera (im österreichischen Staatsfernsehen!) präsentiert worden ist, war es christlicher Djihad, Aufforderung zum Glaubenskrieg - da die bösen Muselmanen, rückständig, intolerant, frauenverachtend, dass man am liebsten selbst jedem Zeitungsverkäufer eine Watschen runterhauen, ihm den Turban vom Kopf reißen und darauf rumtrampeln möchte, und dort die arme, unverstandene Sabatina, Cindy-Crawford-Frisur, lackierte Fingernägel, enge Jeans, eine Bibel in der Hand - wie eine Barbie-Christin, Playboypose, Make-up-Religiosität.

Mag sein, dass so ein Verwandten-Zerlegen in böse Onkels und brave Mädchen bei Vera gang und gäbe ist, mich jedenfalls hat dieses Kronen Zeitung-Fernsehen, diese Islamverachtung, diese rücksichts- und bedingungslose Schwarz-Weiß-Malerei schockiert - vielleicht aber nur, weil ich gerade aus dem Senegal zurückgekommen bin, das eigene Land in etwas differenzierterer Erinnerung hatte. (/Franzobel/DER STANDARD; Printausgabe, 7./8.6.2003

Eindrücke am Donnerstagabend auf ORF 2.

Der Schriftsteller Franzobel ("Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit") lebt und arbeitet in Wien.

  • Franzobel über "Vera": Diese TV-Porgramm gewordene Menschlichkeit, diese russwürmelnde Betroffenheitsshow ...

    Franzobel über "Vera": Diese TV-Porgramm gewordene Menschlichkeit, diese russwürmelnde Betroffenheitsshow ...

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