Gier und Hörigkeit

9. Juni 2003, 12:41
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Donna Leon stellt in "Die dunkle Stunde der Serenissima" unbequeme Fragen

Einem Wesen vom Mars begegnet Paola Brunetti im Hörsaal. Die Literaturprofessorin stößt auf eine Studentin, die im Gegensatz zu ihren Altersgenossen belesen, intelligent und wohlerzogen ist. Und die Studentin will eine juristische Auskunft vom Commissario, Paolas Ehemann. Damit beginnt Die dunkle Stunde der Serenissima, der neueste Krimi von Donna Leon. Das Mädchen wird ermordet, eine alte Frau, die von der Toten als Tante bezeichnet wurde, stirbt ebenfalls.

Im Laufe des Romans tritt der eigentliche Mordfall in den Hintergrund. Die Autorin benützt den Plot vielmehr für eine Abrechnung mit der Schwamm-Drüber-Politik, mit der sich Italien mit Togliattis allgemeiner Amnestie gleich nach dem Krieg von seiner faschistischen Ära verabschiedet hat. Sie schildert, wie den Juden Venedigs ihre Kunstgüter um einen lächerlichem "Kaufpreis" abgenommen wurden, wie viele honorige Zeitgenossen sich daran bereichert haben und bis zum heutigen Tag nichts dabei finden.

Der seltsame Umstand, dass Brunetti in der Wohnung der ärmlich lebenden alten Frau Millionenwerte an Gemälden unklarer Herkunft vorfindet, birgt auch für den Commissario selbst schmerzliche Erinnerungen. Was haben die Venezianer während des Faschismus gemacht? Welche seiner Bekannten stand auf wessen Seite? Brunetti erinnert sich an seinen eigenen Vater, der in den Krieg geschickt wurde und als Fremder wiederkehrte, emotional gestört, unfähig, einen wirklichen Kontakt zu seinen Kindern herzustellen und der nie über seine Erlebnisse gesprochen hat.

Er befragt seinen wohlhabenden und angesehenen Schwiegervater. Der ist ein Mann, der auf der richtigen Seite, im Widerstand kämpfte - und trotzdem nicht stolz darauf sein kann. In einem bitteren Gespräch vertraut er Brunetti an, dass auch die Widerstandskämpfer Greueltaten begangen haben und dass er selbst als halber Teenager daran beteiligt war.

Brunetti begegnet den hartgesottenen Veteranen, die Mussolini immer noch für eine Lichtgestalt halten, geheimen Zirkeln von Ewiggestrigen und skrupellosen Notaren. Das "aberwitzig retuschierte Geschichtsbild der friedliebenden, liberalen und nur von ihren niederträchtigen teutonischen Nachbarn irregeleiteten Italiener" ist das eigentliche Thema des Buches. Die Hörigkeit der Frauen ist das zweite Leitmotiv. Frauen, die geliebt werden wollen oder wenigstens die Illusion von Liebe erhalten möchten sind zu allem bereit. Die dunkle Stunde der Serenissima ist das bislang wohl nachdenklichste Buch der Bestsellerautorin. Vielleicht wird sie damit nicht die Auflagenzahlen ihrer vorigen Venedig-Krimis erreichen aber möglicherweise eine neue Leserschicht.
(Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 7.06.2003)

Donna Leon
Die dunkle Stunde der Serenissima.
Aus dem Amerikanischen von Christa E. Seibicke. € 20,50/ 374 Seiten. Diogenes, Zürich 2003
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