Die Stadt der perfekten Verbrechen

6. Juni 2003, 19:40
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In Ciudad Juárez bleiben mehr Morde unaufgeklärt als sonstwo. Von der mexikanischen Grenze zu den USA, einem Gemisch aus Modernisierungsdruck, Banden und Politkorruption, berichtet Sergio González Rodríguez

Eine der grauenhaftesten Horrorgeschichten, die ich jemals gelesen habe, schildert einen Vampir, der seine Mithäftlinge in einem Konzentrationslager der Nazis aussaugt. Sie trägt den Titel "Unter Toten", und ihre Autoren Gardner Dozois und Jack Dann mussten 1982 große Schwierigkeiten überwinden, um sie zu veröffentlichen: Keine einzige konventionelle Sciencefiction-Zeitschrift wagte es, sie ihren Lesern anzubieten. Man hielt sie für zu hart, geschmacklos und übertrieben.

Aber diese Geschichte wird bei weitem in den Schatten gestellt, wenn ich an eine Stadt denke, in der man junge Frauen ungehindert vergewaltigen, foltern und umbringen kann, in der die Polizisten diese Mörder decken oder deren Komplizen sind, Unschuldige als Verbrecher hinstellen und diejenigen bedrohen oder ermorden wollen, die es wagen, sie anzuzeigen. In einem solchen Fall kommen die Schuldigen ungeschoren davon, und die Regierung drückt beide Augen zu.

Die Stadt ist nicht fiktiv. Sie heißt Ciudad Juárez, hat 1,3 Millionen Einwohner und liegt im Staat Chihuahua, an der Grenze Mexikos zu den Vereinigten Staaten. Seit 1993 wurden dort über 300 Frauen ermordet. Dass man unmöglich eine exakte Zahlenangabe erhalten kann, ist Teil des Problems, ebenso betrifft das die offizielle Behauptung, man habe 80 Prozent der Verbrechen aufgeklärt, während diese keineswegs aufgehört haben. Aus den von Bürgerrechtsorganisationen bekannt gegebenen Daten geht hervor, dass etwa hundert dieser Opfer aus armen Familien stammten, dass sie klein, dunkelhäutig, langhaarig und oft nicht zu identifizieren waren und dass ihre Ermordung eindeutig mit systematischen sexuellen Gewalttaten einherging.

Die Opfer wurden erwürgt, und obwohl man einige in den zentralen Stadtgebieten entdeckte, tauchten die meisten Leichen in menschenleeren Gegenden am Rand von Ciudad Juárez auf, man hatte die Morde an anderen Orten begangen. Diese Morde wurden offenbar von Serientätern verübt. Jahr für Jahr setzen sich die Verbrechen fort, zu denen die Ermordung von jungen Frauen und sogar von zehn-, elf- oder zwölfjährigen Mädchen gehört.

Dieses Grenzgebiet ist für Frauen wohl einer der gefährlichsten Orte auf der ganzen Welt. In der Republik Mexiko gehören von zehn Mordopfern neun zum männlichen und eines zum weiblichen Geschlecht; in Ciudad Juárez hat sich der Anteil der Frauen auf vier von zehn erhöht. Und das wird immer schlimmer, weil in Mexiko beinahe hundert Prozent der Täter straffrei bleiben, wie UN-Materialien belegen.
Esther Chávez Cano, die Direktorin der "Casa Amiga", einer Bürgerrechts- und Frauenhilfsorganisation gegen häusliche Gewalt, sagte im Frühjahr 1999 voraus, dass es in Ciudad Juárez weitere Morde an Frauen geben würde: So offenkundig zeigten sich die Verantwortungslosigkeit und Unfähigkeit der Behörden. Damals verhaftete die Polizei einen Verdächtigen, Jesús Manuel Guardado Márquez - und eine angebliche Bande - "Los Choferes" ("Die

Chauffeure"). Man beschuldigte sie, Mörder und Notzuchtverbrecher zu sein, und erklärte, sie hätten viele der genannten Morde begangen. Daraufhin warnte Frau Chávez Cano: "Die Lage ändert sich damit nicht, und die Verbrechen gehen weiter. Das gleiche geschah schon früher einmal, als man der Öffentlichkeit die Gang ,Los Rebeldes' präsentierte. Wir, alle Frauen und Männer, glaubten, das sei der Anfang vom Ende, und man hat ja das Ergebnis gesehen." Frau Chávez Cano spielte darauf an, dass die Ereignisse von 1999 denen von 1995 glich, als die Polizei den aus Ägypten stammenden Chemiker Abdel Latif Sharif Sharif festgenommen und Anklage gegen ihn erhoben hatte. Bis heute sitzt er als Einzelhäftling in einem Hochsicherheitsgefängnis. Man beschuldigt ihn des Mordes an dem jungen Mädchen Elizabeth Castro García: In einem Prozess mit vielen haltlosen Behauptungen und Verfahrensverstößen, der inzwischen für ungültig erklärt und gegen den Berufung eingelegt wurde, hat man ihn zu dreißigjähriger Haft verurteilt.

An einem Morgen des Jahres 1999 wagte es Sharif Sharif, am öffentlichen Telefon des Gefängnisses die amtierende Staatsanwältin herauszufordern, als sie gerade an einem Fernsehprogramm teilnahm, bei dem das Publikum direkt aufgerufen wurde, sich einem Test mit dem Lügendetektor zu unterziehen. Die Regierung von Chihuahua beschloss, den Drang des Ägypters zu stoppen, Erklärungen über die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen abzugeben und sich als "Sündenbock" hinzustellen: Man schirmte ihn nun vollständig von der Außenwelt ab. Seine Wahlverteidigerin Irene Blanco, eine ehemalige Angestellte der Stadtverwaltung von Ciudad Juárez, erhielt Drohungen, und man verübte gegen ihren Sohn Eduardo Rivas Blanco ein Attentat. Er überlebte den Überfall, aber man erreichte damit, dass Frau Blanco schließlich die Verteidigung niederlegte und zusammen mit ihrer Familie aus Ciudad Juárez fortzog.

Im Jahr 1998 kam der berühmte amerikanische Agent Robert K. Ressler, der als Sachverständiger an Jonathan Demmes Film Das Schweigen der Lämmer im Hintergrund mitgewirkt hatte, nach Ciudad Juárez, um die Behörden von Chihuahua bei der Aufklärung der Frauenmorde zu beraten. Er gab seine Hinweise zwar diskret weiter, doch er ließ durchblicken, aus den von ihm geprüften Unterlagen sei zu schließen, dass außer gewöhnlichen Verbrechern zwei Serientäter hinter den Frauenmorden steckten. Und er erklärte, dass sie nicht aus Mexiko stammten: Vielleicht seien sie Hispanics oder mexikanische US-Bürger.

Mit dem Satanismus verbundene Ritualmorde? Organhandel? Aufnahmen für Snuff-Sexfilme mit tödlichem Ausgang? Perverse Orgien von Drogenhändlern? Es gibt mehr als genug derartige Fragen, weil man keine ernsthaften Ermittlungen in dieser Richtung angestellt hat. Verschiedene Zeugenaussagen geben an, dass die Serienmörder wahrscheinlich in einer ersten Phase von Polizisten der Stadt und des Staates Chihuahua gedeckt werden. Danach sollen sie unter dem Schutz der mit dem Drogenhandel verbundenen Führungsspitzen stehen.

Die in weiteren Strafanzeigen genannten Personen waren Schützlinge des damaligen Gouverneurs Francisco Barrio Terrazas, eines Mitglieds der Partei der Nationalen Aktion (Partido Acción Nacional - PAN). Zwischen 1992 und 1998, als Barrio Terrazas Gouverneur des Staates Chihuahua war, nahmen in Ciudad Juárez nicht nur die Entführungen, die Vermisstenzahlen und die Gewalttaten, sondern auch die Frauenmorde um ein Mehrfaches zu. Die meisten derartigen Verbrechen geschahen in seiner Amtszeit. Als Vicente Fox im Dezember 2000 für die PAN das Präsidentenamt Mexikos antrat, ernannte er Barrio Terrazas zum Minister für Rechnungswesen und Verwaltungsentwicklung seiner Regierung, ein Ressort, dessen Aufgabe in nichts Geringerem als der Bekämpfung der Korruption und der Ineffizienz der öffentlichen Organe besteht . . .

Bereits in der nachrevolutionären Zeit haben sich in Ciudad Juárez ein lebhaftes Nachtleben und eine große Tourismusindustrie entwickelt, und im Verlauf des 20. Jahrhunderts breitete sich nahe bei der alten internationalen Brücke ein äußerst freizügiges Vergnügungsviertel immer weiter aus. Hier hat man im Jahre 1942 den Cocktail "Margarita" erfunden. Heute wird das Bild ganz von Rauschgiftsüchtigen und Bordellen bestimmt.

Zugleich ist Ciudad Juárez im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die mexikanische Stadt mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit geworden, was den Tausenden so genannter "Maquiladoras" zu verdanken ist - Fabriken, die mit ausländischem Kapital und Hochtechnologie arbeiten und in denen die Einzelteile eines für den Export bestimmten Produkts von billigen Arbeitskräften hergestellt oder zusammengebaut werden.

Die hier zusammenströmenden Arbeitskräfte, die zum großen Teil aus dem Landesinneren kommen, haben in der Gesellschaft von Ciudad Juárez zu einem starken Überwiegen des weiblichen Elements geführt, was die von Machismo und Patriarchat gekennzeichneten Traditionen erschüttert hat.

Außerdem gibt es in diesem Grenzgebiet die höchste Bevölkerungskonzentration ganz Nordmexikos. Und es bildet die bevorzugte Übergangsstelle der Mexikaner nach Texas und New Mexico. Eine derartige Mobilität sorgt für Konfliktstoff im Verhältnis zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, denn Ciudad Juárez bekommt die Auswirkungen des wirtschaftlichen Ungleichgewichts der beiden Länder besonders stark zu spüren: Bevölkerungswachstum, fehlende Infrastrukturen, Dienstleistungen und Wohnungen, Immobilienspekulation, leichtfertiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen, Wassermangel und so weiter.

Es kommt auch vor, dass diejenigen ermordet werden, die es wagen, als Verteidiger aufzutreten. Dieses Schicksal wurde dem Anwalt Mario César Escobedo Anaya zuteil: Ihn hat ein Kommando umgebracht, das seine Tat gestanden hat, aber schließlich von einer Richterin mit dem Argument freigesprochen wurde, es hätte in "Notwehr" gehandelt, um Kriminalbeamte des Staates Chihuahua zu schützen. Dieses Kommando wurde von Major Alejandro Castro Valles angeführt, der zuvor die oben genannten Beschuldigten auf rechtswidrige Weise festgenommen und gefoltert hatte.

Die Telefone und die elektronische Post von Anwälten, Abgeordneten, Zivilverteidigern und Journalisten wurden überwacht, oder sie haben Drohungen erhalten, sie sollten ihre Nachforschungen über die Frauenmorde in Ciudad Juárez einstellen. Auch mehrere Kritiker der Regierung Patricio Martínez haben sehr ernste Drohungen erhalten, damit sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung keinen Gebrauch mehr machen: Das betrifft die Vertreterinnen von Bürgerrechtsorganisationen, Esther Chávez Cano und Victoria Caraveo, oder den Kriminologen Oscar Máynez.

Stärker als jede wirksame Legalität behauptet sich in Chihuahua die alte Subkultur der Regierungspraxis Mexikos, die von unserer pragmatischen Öffentlichkeit so sehr gelobt wird: dass man eine "politische Lösung" für die Probleme findet. Das heißt, dass man den Kampf in den Massenmedien gewinnt oder die Öffentlichkeitsarbeit intensiviert, um ein positives Bild von dem zu vermitteln, was in einem Rechtsstaat eigentlich unannehmbar ist.

Die Indizien, Unterlagen und Zeugenaussagen, über die ich verfüge, bieten einen Gesamteindruck, der die Bundesbehörden herausfordern muss: Die Serienmorde an Frauen werden bei sexuellen Gruppenorgien von einer oder mehreren Täter- bzw. Killerbanden begangen, die den Schutz von Beamten verschiedener Polizeieinheiten und die Komplizenschaft prominenter Persönlichkeiten genießen. Diese haben sich mit legalen oder illegalen Mitteln bereichert und ihr Vermögen im Drogen- und Schleichhandel erworben.

Informationsquellen der Sicherheitsorgane des Bundes belegen, dass es sich um sechs prominente Unternehmer aus El Paso (Texas), Ciudad Juárez und Tijuana handelt. Sie kennen und begünstigen die Verbrechen jener Killer, die Frauen entführen, vergewaltigen, verstümmeln und ermorden. Außerdem gleicht deren Täterprofil wahrscheinlich dem, was Robert K. Ressler als "Orgienkiller" (spree murders) bezeichnet hat. Die mexikanischen Behörden haben ein Eingreifen abgelehnt. Die genannte Gruppe steht in Verbindung mit Politikern der Regierung Vicente Fox.

Tatsächlich wirken bestimmte Personen und Umstände im komplexen Interessengeflecht der Grenzregion zusammen, ebenso bei den Absprachen und der geheimen finanziellen Unterstützung des Wahlkampfes, der Vicente Fox ins Präsidentenamt und Staatsbeamte aus Chihuahua, wie etwa Francisco Barrio Terrazas, in seine Regierung brachte.

Das Grauen ist eine Form des Vergessens, und das gilt auch für seine Fiktionalisierung. Doch die Wirklichkeit offenbart das schlimmste Übel. Die Frauenmorde in Ciudad Juárez sind eine offene Wunde, die sich der Welt zeigt. Vielleicht wird gerade in diesem Augenblick ein weiterer derartiger Mord begangen. (DER STANDARD; Printausgabe, 7.06.2003)


Deutsch von Frank Berberich

Sergio González Rodríguez ist Erzähler und Essayist. Der Verlag Editorial Anagrama in Barcelona hat seine Studie über die Gewalt in der Grenzregion, den Drogenhandel und die in Ciudad Juárez an Frauen verübten Serienmorde veröffentlicht.
Sie ist 2002 unter dem Titel "Huesos en el desierto" (Knochen in der Wüste) erschienen.

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