"Hero": Eskapismus in zweifelhafter Hochform

23. Juli 2004, 10:32
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Zhang Yimous umstrittenes Schwertkampf- und Kriegsmärchen "Hero"

Wien - Bei dem chinesischen Filmemacher Zhang Yimou wird man mittlerweile das Gefühl nicht los, er laufe mehrfach Gefahr, zu Tode umarmt zu werden. Einerseits landete er mit seinem jüngsten Werk Hero einen gigantischen Publikumserfolg und ist - als ein Künstler, der lange Zeit mit politischen Interventionen zu kämpfen hatte - nun gleichzeitig auch erklärter Liebling des chinesischen Regimes.

Andererseits scheint sich Zhang Yimou selbst in einen Eskapismus zu verstricken, der angesichts politischer Interpretationen mit mysteriösem Lächeln die Achseln zuckt und sich lieber damit bescheidet, in formaler Perfektion aus dem Vollen zu schöpfen. Hero etwa schenkt dem Betrachter, was dieser nach Ang Lees Schwertkampfmärchen Crouching Tiger, Hidden Dragon wohl gern auf dem visuellen Speiseplan sieht:

Virtuose Choreografie einer Aufhebung von Schwerkraft, prachtvolle Tableaus, Farbkompositionen de luxe - und eine melodramatische Romantik, die sich daraus speist, dass wohl nur tote Helden wirklich gute Helden sind: In Zeiten der Eroberungszüge des berühmt-berüchtigten ersten Imperators der Qin-Dynastie, tritt ein Grüppchen magischer Kampfmeister auf den Plan. Über die Banalität der Gewalt und der Gewaltherrschaft, die sich im Hintergrund quasi nur unscharf abzeichnet, triumphiert der Vordergrund prächtiger Unmöglichkeiten. Es ist ein bisschen so, als würden die X-Men im Irak aktiv.

Man könnte nun im Prinzip sagen, dass perfekte Unterhaltung wohl auch das Höchste sein kann - selbst wenn Hero in seiner kalten Präzision ziemlich wenig Emotion aktiviert. Letztlich fällt es aber schwer, sich damit abzufinden, dass Zhang Yimou mit Stars wie Maggie Cheung, Jet Li oder Tony Leung stellvertretend das zelebriert, was ihm selbst gegenwärtig am praktikabelsten erscheint: Ungerührt von realen höheren Interessen gehen auch seine Heroen standhaft dem nach, was sie gelernt haben. Im Genuss des reinen Augenblicks und in der perfekten Komposition von Bildern und Tönen wird das größere Ganze außerhalb des Kinos wenn schon nicht gleichgültig, so doch kurzfristig vernachlässigbar.

Bei Crouching Tiger, Hidden Dragon war das unproblematisch, weil Ang Lee eine eigene mythische Welt kreierte. Bei Hero, wo offenkundig auch im Dienste der Einspielergebnisse "Historie" herbeibemüht wird, ist es problematisch. Aber in Hollywood arbeitet man gegenwärtig ja auch emsig an mehreren Verfilmungen des Lebens von Alexander dem Großen ...
(DER STANDARD, Printausgabe, 7.6.2003)

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    constantin
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