Hoch hinaus und tief hinunter

6. Juni 2003, 19:34
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Hoch- und Tiefbau, "Aufbauen und Aushöhlen": Das "Zumtobel Staff Lichtforum Wien" stellt unter diesen beiden Grundprinzipien von Architektur das Werk Hans Holleins in den Mittelpunkt

Wien - Es gibt so etwas wie den "Skyscraper-Index", der als Barometer für ökonomischen Niedergang dient. Wo immer ein höchstes Haus ausgerufen wird, steht die Wirtschaftskrise schon ante portas. Das war etwa 1930 beim Empire State Building so, in den 70ern beim WTC New York und dem Chicago Sears Tower, das war 1996 so in Kuala Lumpur. Was da in Wien jetzt entsteht, sind keine richtigen Wolkenkratzer, schmettert, darauf angesprochen, Architekt Hans Hollein die Frage ab: "Hier gelten ja nach der öffentlichen Bauordnung bereits Gebäude ab 26 Metern als Hochhäuser."

Der 69-Jährige hat bereits einige hohe Gebäude fertig gestellt, etwa das Generali-Gebäude am Donaukanal. Der zweitürmige Gebäudekomplex am Laaer Berg, Porr Monte Laa, soll zirka in drei Jahren beziehbar sein. Die beiden Gebäudeteile verbindet Hollein mit auskragenden Strukturen, die von der Vogelperspektive aus wie ein konstruktivistisches 3D-Bild aussehen. Damit schließt sich der Kreis zu seinen Architekturvisionen der 60er-Jahre, als er über New York und auch Wien "Superstructures" legte. Eine Collage aus einer Stadt über der Stadt, "einer Ebene über der Ebene" (Hollein) aus amorphen, modellierten Teilen.

Die Wiener Superstructures geben den (meterlang vergrößerten) Hintergrund einer Hollein-Personale im "Zumtobel Staff Lichtforum Wien". Die komplexe Schau fokussiert auf die Aspekte Aufbauen und Aushöhlen, zwei Grundprinzipien der Architektur. Eine frühe Zeichnung Holleins dokumentiert diese Grundlagenforschung: Aufbauen und Aushöhlen als archaische Tätigkeit; dann höheres Aufbauen, Auskragen und schlussendlich die schiefe Form/Ebene.

Schiefe Ebene

Letztere glaubt Hollein mit seinem kürzlich fertig gestellten Interbank-Komplex in Lima, Peru, erreicht zu haben. Ein kühnes Teil, bei dem die moderne Titanfassade mit der - von einem Dorf Perus in alter Inka-Technik errichteten - Basiswand kontrastiert.

In die Erde bzw. den Berg hinein gehen das seit 1990 in Planung stehende, immer wieder variierte Salzburger Mönchsberg-Museum sowie das vom Publikum gut angenommene Vulcania, die Mischung aus Museum und Themenpark für Vulkanismus im französischen Zentralmassiv (Auvergne).

Der Architekturkurator des New Yorker MoMA, Terence Riley, spricht von einem collageartigen Effekt Holleins, in der Ausstellung sehr gut nachzuvollziehen anhand früher programmatischer Architekturskizzen, welche im Zuge von Holleins Amerika-Studienaufenthalt (Chicago) entstanden waren: "Digging - Piling Up - Forming".

Derzeit plant Riley die Ausstellung Tall Buildings, anberaumt für Juni 2004, welche Werke der vergangenen Dekade zeigen soll. Tall Buildings deshalb, weil es den technischen Aspekt der Häuser betonen will und nicht die klassischen Skyscraper. Ist die Zeit der Wolkenkratzer nicht längst vorbei, angesichts von 9/11 und auch was Versicherungen betrifft? Riley verneint dies im STANDARD-Gespräch, es herrsche jetzt so etwas wie eine "natürliche Ängstlichkeit", doch `a la longue werde weitergebaut. " Sie gewährleisten eine kraftvolle, bedeutende urbane Präsenz, überhaupt in dicht besiedelten Gebieten. Ich denke dabei vor allem an Asien."

Welche strukturellen Erfindungen oder programmatischen Innovationen hat Riley im Zuge seiner Hochhausrecherchen bemerkt? Da gäbe es vor allem Innovationen in Richtung Ökologie im Sinne von weniger Energieverbrauch, sagt der Architekturexperte und nennt Norman Fosters neues Hochhaus in London als Beispiel. Von der Logistik her ähneln die aktuellen Hochhäuser immer mehr einer Stadt inmitten einer Stadt - öffentlicher Raum inmitten eines Gebäudes".
(Doris Krumpl/DER STANDARD; Printausgabe, 7.06.2003)


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