Grazer Traditionen

15. August 2003, 21:10
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Vor vielen Jahren, als in der prominentesten Kaufzeile von Graz, der Herrengasse, noch kein kühner Figaro als Hirte der "Inin"-Finanzen waltete, gab es ein Bekleidungshaus namens "Huber und Lamprecht". Es florierte durch ein Service, das vor allem die nicht wenigen wohlgenährten Grazer gerne in Anspruch nahmen:

Unter dem Slogan "Der halbfertige Anzug" boten die cleveren Kaufleute Sakkos und Hosen im Embryonalzustand an. Hosenröhren und Ärmel waren nicht abgenäht, der Bund, der Schritt sowie Achsel- und Rückennähte waren nur provisorisch mit großen weißen Stichen geheftet.

So konnten sie den jeweiligen Bedürfnissen der Wohlstandsdeformierten weitestgehend angepasst werden. Jeder Bauch passte in die Hose, und Brust und Rücken mochten noch so stark gemästet sein - zum Finale gab es einen tadellos sitzenden fertigen Anzug.

Überflüssig zu sagen, dass auch kein Einziger mit einem nur provisorisch gehefteten Anzug den Laden verließ und in halbfertiger Kluft durch die Grazer Herrengasse wandelte.

Heutzutage sieht man das freilich nicht mehr so eng. Auf dem Bekleidungssektor ist die Gefahr der Halbfertigkeit zwar nachhaltig gebannt. Denn in den Konfektionsläden der diversen Kaufhausketten, die sich in dieser Gasse mittlerweile etabliert haben, bekommt man ohnedies nur endgültig Fertiges. Und wem XXL nicht groß genug ist, der soll eben weniger essen.

Im Bauwesen verhält sich die Sache schon ganz anders. Von Reisen durch den Ostblock kennt man die Perlen individueller Baukultur: Es handelt sich um unverputzte Einfamilienhäuser, die, weil das nötige Geld fehlt, zum Teil noch nicht einmal alle Fenster haben. Doch die Fernsehantenne auf dem Dach ist das Signal, dass ihre Erbauer das Unfertige als fertig ansehen.

Diese Tradition scheint nun auch in Europas diesjähriger Kulturhauptstadt beispielhaft aufzuleben. Weil das liebe Geld fehlt, die Rede ist von 600.000 Euro, wird das nun vor der Eröffnung stehende Grazer Kunsthaus einfach unfertig für fertig erklärt:

Man hat einen Lift eingespart, statt 15 Fenstern gibt es nur fünf, und die Auskleidung der Innenwände bleibt Fragment. Warum auch zu Ende bauen? Offenbar genügt es in Europas Kulturhauptstadt, wenn die dortige Kulturpolitik mit ihrer Weisheit am Ende ist. Auch etwas. (DER STANDARD; Printausgabe, 7.06.2003)

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