Der beredte Satzkringelmaler

12. August 2003, 19:45
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"innerhalb des gefrierpunkts": ein neues Stück von Anselm Glück bei "Graz 2003"

Graz - Das zutiefst entstellende Mal menschlicher Entfremdung kennt kein Oben und kein Unten. Man pappt den Menschen einfach "eine welt vor den schädel", schreibt Anselm Glück, "und jagt ihnen den dazugehörigen schrecken ein". Der Schrecken des vermassten, verwalteten, von verrotteten Sprachregelungen zwangsabgerichteten Menschen hallt dumpf grollend in den Köpfen nach: "eine fette gesellschaft/ beim harmvollen zeitvertreib".

Der aus Linz gebürtige Dichter, Maler und Zeichner fertigt in seinen Texten Wahrnehmungsschranken aus Sprache. Er bastelt die biegsamsten und elastischsten Bretter, mit denen jemals Köpfe umstellt wurden. Beim Belauschen der Glück-Sentenzen hört man das Material seiner kleingeschriebenen, groß gedachten Sätze elegant nachfedern: "voller zuversicht kam mir ein willkommener gedanke nach dem anderen". Oder: "die gegenwart warf rundum ihr gleißen voraus".

An Glück, der in seinem Josefstädter Atelier auch Strichfiguren malt, seltsam eckige Ausgeburten einer kindlichen, niemals kindischen Fantasie, ist in Wahrheit ein Lichtenberg verloren gegangen: eine Art Sudelblattschreiber, der womöglich Wittgenstein gelesen hat und Oswald Wiener.

Glück, der sich zumindest eine Zeit lang in Studien der Sinologie und Ethnologie vertieft hat, ist ein merkwürdiger Theaterautor (und begnadeter Performer): Er steuert keine "Figuren" bei, sondern Sprecher, die in dem aktuellen Drama innerhalb des gefrierpunktes, erschienen bei Droschl, gerade noch als Männer und Frauen kenntlich sind. Doch der uraufführende Regisseur Philip Tiedemann, der das neue Stück in Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspiel in Graz inszeniert, scheint der ideale Gewährsmann für nicht psychologisches Deklamieren.

Der nunmehr "freie" Regisseur Tiedemann, früher einmal Claus Peymanns Korrepetitor für schwer kontrollierbare Sprechpartituren, läuft immer dann zu überragender Form auf, wenn er Figuren aus deren lebensweltlichen Bezügen knisternd herausschälen kann - und sie als virtuose Sprechpuppen in den Schnürboden hochhebt.
Worin bestünde nun aber die "Nachricht", die Glück sätzchenweise, häppchenweise ausstreut? "die sprache um beistand bitten", rufen die Figuren "m1" und "m2" gegen Ende des Stückes aus. Und "m3" ergänzt vollmundig: "ein verlassenes geschöpf das sich/ in welten eingeschlossen/ von vorurteil zu vorurteil wälzt". Nach überaus gelungenen Uraufführungen von Bodo Hell und Gert Jonke schmückt sich die Kulturstadtmesse Graz 2003 nun also erneut mit einer Theaterdichtung, die den Konventionen des Problemstücks etwas Wohllautendes pfeift: Menschen sind zu unkenntlichen Doppelgängern ihrer selbst geworden.

Sie stecken bedeutungsschwanger und sprachgewandt und naseweis im "Wirtskörper" des gesellschaftlichen Ganzen und senden Schwafelrauchzeichen wie allerliebst geformte Kringel aus: "und ich juble/ über den geglückten wurf/ dieser missratenen schöpfung". Die Uraufführungskritik aus dem Grazer Schauspiel folgt in der Dienstagsausgabe des STANDARD. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 7.06.2003)

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Nächste Vorstellungen: 7., 11.,
17., 18. und 19. Juni.

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