"Wir schlafen in Waggons, müssen uns irgendwie Essen beschaffen"

6. Juni 2003, 16:34
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Kundgebung von obdachlosen Asylwerbern in Innsbruck

Innsbruck – Wenn P. demnächst die Innsbrucker Uniklinik verlassen kann, ist er ohne Unterkunft. Wie vor seiner Einlieferung. Er ist 35, kommt aus Georgien. Vor wenigen Tagen wurde ihm ein Nierentumor entfernt. Deshalb fehlte er gestern bei der Kundgebung seiner Kollegen.

Gut 30 Asylwerber aus Moldawien, Weißrussland, Georgien,der Ukraine, Kirgisien und Tschetschenien, die wie P. seit Monaten in Tirol ohne Bleibe sind, haben am Freitag in der Maria-Theresien-Straße in Eigeninitiative auf ihre prekäre Lage aufmerksam ge macht – unterstützt von der Initiative für die Rechte von Flüchtlingen.

Sie übernachten meist in Waggons, müssten sich „irgendwie“ Essen beschaffen, seien unzureichend medizinisch versorgt. Flüchtlingskoordinator Peter Logar lehnt die Zuweisung eines Heimplatzes ab. Seit im Dezember durch die viel beachtete Aktion „Herbergsuche“ in der Jesuitenkirche erstmals die Obdachlosigkeit vieler Asylwerber öffentlich wurde, hat sich trotz Zusagen des Sozialressorts nichts grundlegend geändert.

Jesuitenpater Hannes König gelang es auf Eigeninitiative, notdürftige Unterkünfte für einige Tage ausfindig zu machen. Der Flüchtlingskoordinator bleibt ablehnend: Einige Asylwerber hätten die Erstanträge „in anderen Bundesländern gestellt“, sie sollten „dorthin zurück“; andere seien „kriminell geworden“, dritte hätten „grob gegen die Heimordnung verstoßen“. „P. zum Beispiel“, erzählt ein Kollege, wollte in einem Heim den Putzdienst „einem Freund abtreten. Er war krank, zu schwach“. Das habe der Heimleiter nicht akzeptiert, P. mit Ausweisung gedroht.

Während laut Logar „alle, die ihn brauchen, einen Krankenschein erhalten“, erzählt ein Architekt, er habe sich Klammern aus dem Kopf selbst entfernt, weil er keinen Schein bekam. Eine Ökonomin spricht von Vorurteilen, „wir werden alle als Wilde gesehen“, seit dem Vorfall am Bürglkopf. Einige der Anwesenden waren in dem entlege nen Heim bei Fieberbrunn in eine Schlägerei verwickelt. „Dass dort auch Aggressionen entstehen ist kein Wunder“, sagt der Sprecher der Gruppe. Die Abgeschiedenheit des Hauses hatte, wie vom STANDARD berichtet, auch das UNHCR kritisiert. Landesrätin Christa Gangl hat auf Anfrage zugesagt, "alle Fälle einzeln nachprüfen" zu wollen. (bs/DER STANDARD, Printausgabe, 7./8./9.6.2003)

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