Oder Vom Nutzen des Küchenkastelauswischens für die Politik: Beobachtungen zu einem ressortübergreifenden Phänomen, das uns wohl auch 2012 noch viel Freude bereiten wird, weil: Irgendwas ist immer.
Beim nächsten Klimagipfel gelingt der große Durchbruch! Diesmal ist der
Euro wirklich gerettet! Bildung - ja, total wichtig! Zwischen
Ankündigung und Ausführung kann man in letzter Zeit etwas beobachten,
das man als Politik des Aufschubs bezeichnen könnte. Die Klimapolitik
ist vielleicht nur ein besonders abstruses Beispiel für diese
Politikform. Nachdem in Kopenhagen der Durchbruch nicht gelang (in
Cancún auch nicht), hat man sich neulich immerhin geeinigt - nämlich
darauf, zunächst einmal gar nichts zu tun. In Durban wurde allen Ernstes
beschlossen, nichts zu beschließen, dafür bis 2015 etwas zu beschließen
und diesen Beschluss dann 2020 in Kraft zu setzten. In Anlehnung an den
Künstler Francis Alÿs - dessen Politics of Rehearsal den
entwicklungspolitischen Diskurs aufs Korn nimmt - kann man von
politischer Pornografie sprechen: Die Erregung entsteht durch die
versprochene, aber immer wieder verwehrte Befriedigung.
Leider ist diese Form des Polit-Pornos total ungeil. Denn was wir
erleben, ist oft ein Verscherbeln der Zukunft zugunsten vermeintlicher
Gegenwartsinteressen. Dem herrschenden Wirtschaftsmodell kommen die
ökologischen, ökonomischen und sozialen Grundlagen abhanden, und es
passiert: weitaus zu wenig. Umwelt, Wirtschaft, Bildung - nicht nur auf
diesen Politikfeldern dominiert die kurzfristige Perspektive offenbar so
sehr, dass langfristige Ziele dem Aufschub anheimfallen.
Aufschieben heißt, etwas nicht zu tun, obwohl es fällig ist. Einen Text
schreiben. Schulden zurückzahlen. Das Klima schützen. Die anstehende
Prüfung vorbereiten. Wer aufschiebt, unterlässt etwas, obwohl er oder
sie handeln sollte. Manche Leute leiden so sehr darunter, dass sie sich
medikamentös behandeln lassen. Prokrastination - diese sprachlich etwas
sperrige Diagnose kann man nicht nur auf säumige Autoren und
aufschiebende Studentinnen anwenden, sondern auch auf Leute, die
gesellschaftliche Verantwortung tragen, zum Beispiel für Klimaschutz,
Wirtschaftspolitik und für Universitäten.
Wer prokrastiniert, hat oft Probleme mit der richtigen
Prioritätensetzung. Statt komplizierte, mühsam zu erklärende oder
vielleicht erst langfristig wirksame Aktionen zu setzen, tut man etwas,
das nicht so beschwerlich ist und das sichtbare Erfolge verspricht. Max
Goldt beschreibt in seinem schönen Essay über Prekariat und
Prokrastination "den typischen Tag eines Prokrastinierers". Der
Wiedererkennungswert rechtfertigt ein längeres Zitat: "Der Mann, dieser
arme Mann, der so dringend eine Schreibarbeit erledigen müsste, dazu
aber nicht in der Lage ist, weil er Angst hat, er könnte im Verlauf der
Arbeit an einen Punkt kommen, an dem er nicht weiterweiß, oder an eine
Stelle, an der ihm klar wird, dass er auf dem falschen Weg ist, weswegen
er gar nicht erst anfängt, sich auf einen Weg zu machen, dieser arme,
arme Mann beginnt nun, sämtliche Gläser, Teller, Pfannen, Töpfe und so
weiter aus seinen umfänglichen Küchenschränken herauszuholen, um die
Abstellböden in den Schränken mit feuchtwarmen Tüchern abzuwischen."
Hat das etwas mit den armen, armen Akteuren des politischen Prozesses zu
tun? Fangen auch Umwelt-, Wirtschafts- und Bildungspolitiker gar nicht
erst an, sich auf den Weg zu machen, weil sie Angst vor einem Punkt
haben, an dem sie nicht weiterwissen oder merken, dass sie auf dem
falschen Weg sind? Fehlt Entschlossenheit aus Furcht davor, etwas falsch
zu machen?
Vorgetäuschter Tatendrang
Wenn man sich die Machos und Machoinnen der Weltpolitik so anschaut,
erscheint das als abwegiger Gedanke. Tatendrang, wohin man schaut.
Wirklich? Oder richten auch diese Männer und Frauen ihre Aufmerksamkeit
nicht vielmehr aufs feuchtwarme Küchenschränkeauswischen, genauer: auf
Felder, die sichtbare "Erfolge" versprechen, ohne die eigentlichen
Probleme zu beeinflussen?
Gegen symbolische Politik ist grundsätzlich überhaupt nichts
einzuwenden. Aber mit Blick auf das aktuelle Verhältnis von Problemlagen
und Problembearbeitung kann man ohne viel bösen Willen eine ungute
Schräglage erkennen. Wir sind Zeugen einer Politik des Aufschubs, die zu
wenig auf die Reihe bekommt, weil sie zu sehr mit quick wins,
ökonomistischen Weltinterpretationen und funktionalen Äquivalenten zum
Küchenschränkeauswischen beschäftigt ist.
Aufmerksamkeitsökonomie
Ein Problem dabei: Irgendwas ist immer. Aufmerksamkeit ist ein knappes
Gut. Und: Man kann nicht alles gleichzeitig machen. Wer Küchenschränke
feuchtwarm auswischt, kommt eher nicht zum Schreiben. Wer damit befasst
ist, vermeintlich wirtschaftliches Wachstum anzukurbeln, hat vielleicht
zu wenig Aufmerksamkeit, sich um Klimaschutz zu kümmern. Wer dafür
kämpft, dass die Bundeshymne "gegendert" wird, kommt möglicherweise
nicht dazu, sich mit konkreten Strukturveränderungen in Sachen
Geschlechtergerechtigkeit zu befassen. Wer mit parteiinternen
Auseinandersetzungen beschäftigt ist, hat eventuell keine Zeit für
Bildungsreformen. Und so weiter. Solange politisch Handelnde in der
Aufmerksamkeitsökonomie vor allem an Kurzfristigkeit und Sichtbarkeit
orientiert sind und weniger an Langfristigkeit und Wirksamkeit, stehen
die Chancen für eine gerne als "nachhaltig" bezeichnete Politik
schlecht. Hier ist ganz sicher die Zivilgesellschaft gefordert. Aber die
Wirkung der Empörung von Wutbürgern dürfte sich in Grenzen halten,
solange es nicht auch Mutpolitiker gibt, die sich über tagespolitische
Kleingeistigkeiten hinwegsetzen.
P.S.: Leider wird die Lage noch dadurch verkompliziert, dass eine
Politik des Aufschubs paradoxerweise durchaus sehr nützlich sein kann -
nämlich gegen einen Populismus der einfachen Lösungen. Wo den Leuten
verkauft werden soll, dass es für komplexe Probleme simple "Lösungen"
gibt ("Kein Geld nach Brüssel!", "Mehr Wachstum!", "Gemeinwohlökonomie!
"), könnte ein mit Nachdenken und Reflexion verbundenes Innehalten und
Zaudern durchaus positiv wirken. Aber das ist eine andere Geschichte. (DER STANDARD-Printausgabe, 02.01.2011)
Zum Autor:
Fred Luks lebt als Buchautor und Nachhaltigkeitsmanager in Wien. Im
Jänner erscheint bei Metropolis sein neues "Weltrettungs-ABC":
"Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs."