Über eine ungeile Form des Polit-Pornos

Ein Prosit dem Prokrastinat

Kommentar der anderen | Fred Luks, 1. Jänner 2012, 18:48
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    illustration: robert jesse

    Wie ernst zu nehmen ist eine Politik, die immer nur auf "quick wins" setzt, statt langfristig wirksame Lösungen voranzutreiben? - Die New Yorker Börse in ausgelassener Silvesterstimmung

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    Fred Luks über die "Politik des Aufschubs".

Oder Vom Nutzen des Küchenkastelauswischens für die Politik: Beobachtungen zu einem ressortübergreifenden Phänomen, das uns wohl auch 2012 noch viel Freude bereiten wird, weil: Irgendwas ist immer.

Beim nächsten Klimagipfel gelingt der große Durchbruch! Diesmal ist der Euro wirklich gerettet! Bildung - ja, total wichtig! Zwischen Ankündigung und Ausführung kann man in letzter Zeit etwas beobachten, das man als Politik des Aufschubs bezeichnen könnte. Die Klimapolitik ist vielleicht nur ein besonders abstruses Beispiel für diese Politikform. Nachdem in Kopenhagen der Durchbruch nicht gelang (in Cancún auch nicht), hat man sich neulich immerhin geeinigt - nämlich darauf, zunächst einmal gar nichts zu tun. In Durban wurde allen Ernstes beschlossen, nichts zu beschließen, dafür bis 2015 etwas zu beschließen und diesen Beschluss dann 2020 in Kraft zu setzten. In Anlehnung an den Künstler Francis Alÿs - dessen Politics of Rehearsal den entwicklungspolitischen Diskurs aufs Korn nimmt - kann man von politischer Pornografie sprechen: Die Erregung entsteht durch die versprochene, aber immer wieder verwehrte Befriedigung.

Leider ist diese Form des Polit-Pornos total ungeil. Denn was wir erleben, ist oft ein Verscherbeln der Zukunft zugunsten vermeintlicher Gegenwartsinteressen. Dem herrschenden Wirtschaftsmodell kommen die ökologischen, ökonomischen und sozialen Grundlagen abhanden, und es passiert: weitaus zu wenig. Umwelt, Wirtschaft, Bildung - nicht nur auf diesen Politikfeldern dominiert die kurzfristige Perspektive offenbar so sehr, dass langfristige Ziele dem Aufschub anheimfallen.

Aufschieben heißt, etwas nicht zu tun, obwohl es fällig ist. Einen Text schreiben. Schulden zurückzahlen. Das Klima schützen. Die anstehende Prüfung vorbereiten. Wer aufschiebt, unterlässt etwas, obwohl er oder sie handeln sollte. Manche Leute leiden so sehr darunter, dass sie sich medikamentös behandeln lassen. Prokrastination - diese sprachlich etwas sperrige Diagnose kann man nicht nur auf säumige Autoren und aufschiebende Studentinnen anwenden, sondern auch auf Leute, die gesellschaftliche Verantwortung tragen, zum Beispiel für Klimaschutz, Wirtschaftspolitik und für Universitäten.

Wer prokrastiniert, hat oft Probleme mit der richtigen Prioritätensetzung. Statt komplizierte, mühsam zu erklärende oder vielleicht erst langfristig wirksame Aktionen zu setzen, tut man etwas, das nicht so beschwerlich ist und das sichtbare Erfolge verspricht. Max Goldt beschreibt in seinem schönen Essay über Prekariat und Prokrastination "den typischen Tag eines Prokrastinierers". Der Wiedererkennungswert rechtfertigt ein längeres Zitat: "Der Mann, dieser arme Mann, der so dringend eine Schreibarbeit erledigen müsste, dazu aber nicht in der Lage ist, weil er Angst hat, er könnte im Verlauf der Arbeit an einen Punkt kommen, an dem er nicht weiterweiß, oder an eine Stelle, an der ihm klar wird, dass er auf dem falschen Weg ist, weswegen er gar nicht erst anfängt, sich auf einen Weg zu machen, dieser arme, arme Mann beginnt nun, sämtliche Gläser, Teller, Pfannen, Töpfe und so weiter aus seinen umfänglichen Küchenschränken herauszuholen, um die Abstellböden in den Schränken mit feuchtwarmen Tüchern abzuwischen."

Hat das etwas mit den armen, armen Akteuren des politischen Prozesses zu tun? Fangen auch Umwelt-, Wirtschafts- und Bildungspolitiker gar nicht erst an, sich auf den Weg zu machen, weil sie Angst vor einem Punkt haben, an dem sie nicht weiterwissen oder merken, dass sie auf dem falschen Weg sind? Fehlt Entschlossenheit aus Furcht davor, etwas falsch zu machen?

Vorgetäuschter Tatendrang

Wenn man sich die Machos und Machoinnen der Weltpolitik so anschaut, erscheint das als abwegiger Gedanke. Tatendrang, wohin man schaut. Wirklich? Oder richten auch diese Männer und Frauen ihre Aufmerksamkeit nicht vielmehr aufs feuchtwarme Küchenschränkeauswischen, genauer: auf Felder, die sichtbare "Erfolge" versprechen, ohne die eigentlichen Probleme zu beeinflussen?

Gegen symbolische Politik ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden. Aber mit Blick auf das aktuelle Verhältnis von Problemlagen und Problembearbeitung kann man ohne viel bösen Willen eine ungute Schräglage erkennen. Wir sind Zeugen einer Politik des Aufschubs, die zu wenig auf die Reihe bekommt, weil sie zu sehr mit quick wins, ökonomistischen Weltinterpretationen und funktionalen Äquivalenten zum Küchenschränkeauswischen beschäftigt ist.

Aufmerksamkeitsökonomie

Ein Problem dabei: Irgendwas ist immer. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Und: Man kann nicht alles gleichzeitig machen. Wer Küchenschränke feuchtwarm auswischt, kommt eher nicht zum Schreiben. Wer damit befasst ist, vermeintlich wirtschaftliches Wachstum anzukurbeln, hat vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit, sich um Klimaschutz zu kümmern. Wer dafür kämpft, dass die Bundeshymne "gegendert" wird, kommt möglicherweise nicht dazu, sich mit konkreten Strukturveränderungen in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zu befassen. Wer mit parteiinternen Auseinandersetzungen beschäftigt ist, hat eventuell keine Zeit für Bildungsreformen. Und so weiter. Solange politisch Handelnde in der Aufmerksamkeitsökonomie vor allem an Kurzfristigkeit und Sichtbarkeit orientiert sind und weniger an Langfristigkeit und Wirksamkeit, stehen die Chancen für eine gerne als "nachhaltig" bezeichnete Politik schlecht. Hier ist ganz sicher die Zivilgesellschaft gefordert. Aber die Wirkung der Empörung von Wutbürgern dürfte sich in Grenzen halten, solange es nicht auch Mutpolitiker gibt, die sich über tagespolitische Kleingeistigkeiten hinwegsetzen.

P.S.: Leider wird die Lage noch dadurch verkompliziert, dass eine Politik des Aufschubs paradoxerweise durchaus sehr nützlich sein kann - nämlich gegen einen Populismus der einfachen Lösungen. Wo den Leuten verkauft werden soll, dass es für komplexe Probleme simple "Lösungen" gibt ("Kein Geld nach Brüssel!", "Mehr Wachstum!", "Gemeinwohlökonomie! "), könnte ein mit Nachdenken und Reflexion verbundenes Innehalten und Zaudern durchaus positiv wirken. Aber das ist eine andere Geschichte. (DER STANDARD-Printausgabe, 02.01.2011)

Zum Autor:

Fred Luks lebt als Buchautor und Nachhaltigkeitsmanager in Wien. Im Jänner erscheint bei Metropolis sein neues "Weltrettungs-ABC": "Irgendwas ist immer. Zur Politik des Aufschubs."

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14 Postings
daStrunknschädl
00

das Problem ist weniger das "Aufschieben" als falsche Prioritäten die unsere Politik setzt. jede Kommunalwahl scheint wichtiger zu sein als Reformen die unser Land auf Jahrzehnte prägen können.

wir brauchen kein Zaudern und Innehalten sondern einen öffentlichen, reflektierten und Vernunft orientierten Diskurs. warum Sie das Konzept der Gemeinwohlökonomie mit hohlen Phrasen in einen Topf werfen scheint übrigens nicht so wirklich reflektiert, bitte da um spezifische Erklärung

Der Artikel gefällt mir
01
Wenn Politiker Probleme lösen, die den meisten gar nicht bewußt sind, bekommen sie keine Lorbeeren!

Vernünftige Politik muß vom Wähler auch wahrgenommen und belohnt werden. Politik muß Überzeugungsarbeit leisten und nicht NUR dem Stammtisch hinterherlaufen.

Es müßte eine Liste geben: diese Aufgaben sind für unser Land wichtig und die arbeiten wir jetzt konsequent Punkt für Punkt ab - und für jede erledigte Aufgabe gibts Punkte. Und die stehen auch auf dem Wahlzettel.

So einer Liste ist natürlich von der Weltanschauung abhängig und wird niemals rein objektiv sein: aber wir müssen einen Weg finden, der vernünftige Politik auch BELOHNT! (Und nicht nur die schöne Frisur)

Wir brauchen Punkterichter wie beim Skispringen! Und echte Haftung für politisches Handeln! (Und dann können die Politiker von mir aus auch ruhig mehr Geld verdienen)

/. nerd
 
11
Prokrastination schließt Präpotenz nicht aus - oder - Ein echter Grüner, unser "Nachhaltigkeitsmanager"

Selber komplexe Probleme in einem halben Halbsatz abhandeln, aber anderen mangelndes Nachdenken vorwerfen, ist natürlich kein simpler Populismus. Nein, das ist es nur bei den Anderen, wir sind die Guten.

ilse kleinschuster
 
03
Ein Prosit dem Fred Luks .....

Was Besseres zum Jahresbeginn hätte ich mir nicht wünschen können als diesen Kommentar zur aktuellen "Form des Politpornos" ..... parteipolitische Auseinandersetzungen, die außer saubergewischten Küchenkastln zu nichts führen, nerven mich schon lange. Wir, die 'Initiative Zivilgesellschaft', - überdrüssig geworden des Anhörens/-sehens von Politspielen, aus denen deutlich wird wie Politiker den Global Playern gegenüber immer erpressbarer werden -, meinen, dass es höchste Zeit ist für einen Prozeß des zivilgesellschaftlichen Handelns. Für die Umsetzung von globalverantwortlichen Rahmenordnungen bedarf es aber nicht nur der Mutbürger, sondern auch der Mutpolitiker .....

p1234
00

Danke für diesen überfälligen Beitrag, Herr Luks. Kann den Link bitte jemand UHBP Fischer zukommen lassen? Ich kann dieses hohle Geschwafel über "kommende Entscheidungen" nicht mehr hören.

Johannes99
00
wir würden uns ja gerne entscheiden, aber wofür?

Wenn die Bürger wüssten, was gscheit ist, würden sie die Politiker zwingen, das zu tun.
Bildungsreform: löst die Gesamtschule alle Probleme - auch die der 20 Prozent Schulabgänger, die nicht sinnerfassend lesen können?
Verwaltungsreform: Wie soll der Staat morgen ausschauen - föderal, zentral?
Nachhaltigkeit: Sind wir bereit, heute zu investieren, damit unsere Kinder einen Startvorteil haben?
Herr Luks: wir diskutieren ja alle zu viel über unsere Probleme (Küchenkastlbodenabwischen), statt darüber, wie wir das Geschirr nach dem Herausnehmen wieder neu ordnen.

bula sagt
00
wenn die prokrastinierer faymann und spindelegger

mit dem auswischen des rotweissroten küchenkastls beginnen, dann wird schon beim ausräumen so viel geschirr zerbrochen, dass zum einräumen neues gekauft werden muss.

Benjamin Klein
00
schon das WORT

S T A R T V O R T E I L ...
verrät den wahren Kenner .....

die Wettbewerbswirtschaft mit ewigen "WACHSTUMSZWANG" ist nicht haltbar, ... wir einmal zu Ende sein ...

und Gesamtschule oder nicht gesamtschule ....
es ist Wurscht ob die oberen 10.000 ihre Kinder in eine Sonderform namens AHS stecken oder ob diese Gemeinsam mit allen anderen unterrichtet werden,
..die einen können nicht sinnerfassend lesen
und die anderen
.. sind nicht fähig sich in eine vielschichte Gesellschaft einzufügen und berufen sich auf ihr "höhres Niveau" anstatt auf echte Leistung

Erwin Wolfram
10
...

komisch wenn nicht die psychologen mehr verdienen koennen wuerde man einfach sagen menschenrecht auf freie wahl der arbeit verletzt, aber bei der nazijournaillie fragt man sich ob 3 seiten blabla mit 1 fremdwort nicht einfach mehr cash einbringt, zurecht...

santa fe
 
29
wie lange werden wir uns noch darüber einig sein, dass die politiker nichts tun? wann werden wir endlich erkennen, dass WIR etwas tun müssen, wenn sich etwas ändern soll?

die wahren machthaber sitzen in den kommandozentralen der FI (finanzindustrie) und bezahlen die politiker dafür, dass sie den unmut auf sich lenken und weiter nichts tun

wir selbst müssen der FI zeigen, dass sie nur 1% der bevölkerung ausmacht und wir 99%, dass sie also von uns abhängig ist und nicht umgekehrt. die 99%-bewegung arbeitet zur zeit an einem internet-vernetzungssystem, das entsprechende mehrheiten manifest machen kann.

alle kräfte müssen für das konkreteste umverteilungsprojekt von oben nach unten gebündelt und der FI die finanzierung des

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS für alle

friedlich und demokratisch abgerungen werden. der schulden-explosion entspricht ihre gewinnexplosion, denn jedes "soll" entspricht einem "haben".

Anticitizen1
34

außerdem muss karthago zerstört werden...

egal welcher artikel, egal welches thema, IMMER ist ihre antwort das

BEDINGUNGSLOSE GRUNDEINKOMMEN.

langsam wirds landweilig.

santa fe
 
20

auf eines meiner BGE-postings kommen hunderte, die monoton an den politikern herummeckern, ohne dass auch nur einmal eine konkrete alternative angeboten würde.

diese langeweile fällt natürlich weniger auf und regt auch nicht zum denken an. lesen sie meine postings nicht mehr, wenn sie nur ruhe brauchen.

2012 wird wohl mein Annus mirabilis ...
 
01
"Kuchlkastlauswischn" ...

... what a good Philosophy!

Mach ich eine Wanderung, ist meine grösste Freud eigentlich das Schuhputzn danach bzw. davor, bzw. danach ist davor ist danach ist ...

Koch ich mir ein Supperl, ein Gulasch oder schmier ich mir ein Butterbrot, so ist meine grösste Freud eigentlich das Abwaschen des Geschirrs oder das Herrichten der Speise.

Das Dilemma am prokrastinieren ist ja, dass irgendwann einmal alles auf einmal passiert, alles auf einmal auf einen darniederprasselt, all die verpassten Möglichkeiten und Gelegenheiten, alle vertanen Aufgaben ... explodieren, ganz treffsicher, zur unpassendsten aller unpassenden Zeiten!

"The black Swan" ... that never cleaned his Kuchlkastl äh, Kitchenbox or what jetz nochand ...? ;-)

elizabeth
00

oje, das wollte ich heute lieber noch gar nicht wissen. lieber erst morgen... oder übermorgen

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