Ambulantes Silvester

Frau Harnstick und das neue Jahr im AKH

Reportage | Michael Möseneder, 1. Jänner 2012, 17:57
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    foto: möseneder/der standard

    Ein Röntgenbild nach dem nächsten, ein Befund folgt dem anderen: Für Gabriel Halat und seine Kolleginnen und Kollegen in der Unfallambulanz des AKH das jährliche Ritual zum Jahreswechsel. 

Böller in der Hand, Sektflasche auf dem Kopf: Der Jahreswechsel ist nicht für alle ein großes Fest, sondern endet für viele im Spital – Ein Lokalaugenschein in der Unfallambulanz des Wiener AKH

Wien - Die Frau schreit, tritt um sich und beißt. Nur mit Mühe kann sie beruhigt und auf die Bahre gelegt werden. Die Mischung aus Alkohol und Benzodiazepinen ist schuld daran, dass die Verletzte so aggressiv ist. Für das Ärzte- und Schwesternteam in der Unfallambulanz des Wiener AKH nichts Ungewöhnliches - zumindest nicht in der Silvesternacht.

Je später der Abend, desto blauer die Gäste stimmt auch im Spital - was den 24 Stunden dauernden Dienst für die insgesamt neun Ärzte nicht leichter macht. Wenn die Patientinnen und Patienten so betrunken sind, dass sie auf Ansprache nicht mehr reagieren, ist es für die Mediziner nicht ganz einfach festzustellen, was eigentlich das Problem ist.

Szabolcs-Levente Paal weiß, dass Silvester immer einem bestimmten Ablauf folgt. "Dinner for one" im Krankenhaus, quasi. "Es beginnt so um 00.15 bis 00.30 Uhr. Zuerst kommen die Verletzungen mit Knallern, dann Stürze und Schnittverletzungen und dann Opfer von Prügeleien", sagt der Arzt, während er von einem in den nächsten Raum hastet, um Neuankömmlinge zu begutachten.

Seine Kolleginnen und Kollegen haben die paar ruhigen Minuten vor dem großen Ansturm noch genutzt, um sich das Feuerwerk über der Stadt anzusehen, ehe sie sich aufgeteilt haben - auf die Station im 19. Stock, den OP, den Schockraum und eben die Ambulanz.

Ein Fall für Raum acht

Ohne Unterlass bringt die Rettung Verletzte, humpeln Unfallopfer herein. Wie der junge Mann, der einen "Piraten" zu spät losgelassen hat. Seine rechte Hand ist geschwollen, Paal schickt ihn zum Röntgen - und entdeckt dann auf seinem Bildschirm, dass der Daumen gebrochen ist. Ein Fall für Raum acht, wo der Gips angelegt wird.

Plötzlich schrillt ein altmodisches Telefon. "Wenn sie diese Hitchcock-Klingel hören, ist das ein Alarmfall", erklärt eine Krankenschwester. "Verbrennungen zweiten und dritten Grades, Thorax und Gesicht, 18 Prozent verbrannt", gibt Paal an seinen Vorgesetzten Jochen Erhart weiter. Der organisiert Kollegen aus mehreren Abteilungen, die im "Schockraum" dann auf den Krankenwagen warten.

Der Mann, der zehn Minuten später auf den Untersuchungstisch gehievt wird, kann nicht sagen, was ihm passiert ist, leidet an totalem Gedächtnisverlust. Doch es ist unschwer zu erkennen: Er wurde Opfer einer Explosion.

Oberkörper und Gesicht sind durch die Verbrennungen teilweise fast schwarz, seine Stimme heiser, da die Flammen bis in seinen Rachen gelangt sind. Während er ausgezogen wird, schreit er vor Schmerzen auf, als Erhart seinen rechten Arm untersucht. Wie sich im Computertomografen, der im Schockraum steht, zeigt, ist der Knochen schwer gebrochen.

Patientenstrom

Erhart macht sich fertig, um den mehrfach gebrochenen Arm zu operieren. Es ist seine sechste in diesem Dienst. Von 10 bis 20 Uhr stand er bereits im OP, nun wird er wieder über eine Stunde lang den Bruch behandeln.

In der Ambulanz reißt der Patientenstrom nicht ab. In den ersten vier Stunden des neuen Jahres sind es 40 Menschen, die Hilfe brauchen, um 5. 15 Uhr hat die Schwester, die unermüdlich die Befunde von Paal in den Computer eingibt, schon 50 auf ihrer Liste. Alle sechs Minuten wird also jemand untersucht. Wie man da noch Personal einsparen soll, ist den Medizinern schleierhaft.

Irgendwann ist Paal trotz seiner Dose Red Bull so erschöpft, dass ihn sein Kollege Gabriel Halat ablöst. Doch der ist bereits ebenso schwer gezeichnet. Je länger die Nacht dauert, desto schwerfälliger spricht er, muss sich zusammenreißen, um konzentriert zu bleiben. Die Müdigkeit äußert sich, als er eine Patientin "Frau Harnstick" nennt, da er gerade eine Urinanalyse mittels Harnstreifen in Auftrag gegeben hat.

Sorge um Freundschaftsband

Trotz Erschöpfung bleibt das Team professionell, der Umgangston ruhig. Die Schwestern bemühen sich, Patientenwünsche zu erfüllen - wie den eines jungen Mannes, der auf ein Sektglas gestürzt ist und tiefe, blutende Schnittwunden an der rechten Hand hat. Er bettelt, dass man sein Freundschaftsband, handgemacht von seiner Freundin, nicht abschneidet. Also wird eine Nadel geholt und der Doppelknoten zu seiner Begeisterung aufgenestelt.

Doch es gibt in dieser Nacht auch glückliche Patienten. Ein 17-Jähriger bekam eine Flasche auf die Nase und ist völlig verzagt davon überzeugt, dass er sich im Krankenwagen einen Knochen aus dieser gezogen hat. Ein Blick auf den von den Sanitätern geborgenen Fremdkörper verrät Paal, dass die Lage nicht ganz so schlimm ist. "Das ist kein Knochen, sondern das Stück eines Zweiges." Der Teenager scheint nicht verstanden zu haben. "Wächst der wieder nach?", fragt er stotternd. "Bei ihnen nicht, aber auf dem Baum", beruhigt ihn der Arzt. Dann wendet er sich dem nächsten Sanitäter zu, der einen neuen Fall ankündigt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2012)

Kommentar posten
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Stephan W.
04

24-Stunden-Dienst an Tagen wo mit erhöhtem Andrang zu rechnen ist ist einfach nur krank. Insbesondere wenn es um Leben und Tod geht.

An sich sind Schichten >24h in einem Großstadtkrankenhaus ja schon zu normalen Zeiten der Hammer; das geht vielleicht in einer Mini-Rotkreuzstation in der Pampa unter der Woche, wo in der Zeit wirklich nur ein paar Einsätze sind. An bekanntermaßen kritischen Tagen dürfte das aber wirklich nicht sein; wenn man schon das Personal nicht aufstocken kann (was ja der nächste Skandal ist) dann sollte man an diesen Tagen wenigstens kürzere Schichten einteilen.

Oisa i find des (ned) supa
01
Stimmt genau...

Da kann man nur hoffen, dass man nicht selber Hilfe benötigt.

Zo Ga
00

einen schönen gruß an die kollegen aus dem unfallröntgen im akh. prosit neujahr!

WarumNennenWirEsNichtVorfreude
239

Danke an all die Ärzte und Pfleger, die in Selbstausbeutung für uns da sind, während alle anderen feiern (auch so manche Wirtschaftsheinis die für einen Bruchteil der Leistung das Dutzendfache verdienen).
Und ein Mittelfinger an jene Idioten die sich darüber lustig machen.
Prosit Neujahr.

Rundumadum
00

Dem kann ich nur zustimmen.
Ich reg mich schon auf, wenn ich mal eine halbe Stunde länger arbeiten muss.

quick mouse
010

danke für ihr danke! habe gerade 49 stunden dienst in einem spital hinter mir und freue mich drüber, dass es auch menschen gibt, die unseren einsatz würdigen und das auch sagen. you made my day :-)

Oisa i find des (ned) supa
01
Dann ab ins Bett und nicht vor den PC !!! ;-)

Dr. Viktor Frankenstein
02
Die Mischung aus Alkohol und Benzodiazepinen ist schuld daran, dass die Verletzte so aggressiv ist.

Nein, nicht die Substanzen sind schuld, sondern die Person die sie zu sich genommen hat.

Der Chronist
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Ich denke, dass beide Versionen blöd sind. Aber dass schlichte Gemüter alles zur Schuldfrage machen, ist nicht ungewöhnlich. Es ist auch sehr amerikanisch.

ernst weber1
 
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bitte liebe redaktion!

schnell im ersten teil des artikels die "bahre" mit "trage" austauschen. wie unten schon von einem user geschildert, ist das nämlich eine ganz, ganz, ganz kapital-falsche & volkschulige namensverwechselung. das eine hat was mit krankentransport zu tun (lebend transport) - das andere mit bestattungen (nicht lebend transport) zu tun.
ganz, ganz dumm das ganze - bitte, bitte korrigieren ;)

Corleone73
01

Ja und wenn sie schon dabei sind, gleich "ernst weber" gegen " supergscheid" austauschen....

das brett vorm kopf
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auch beim (wiener) roten ...

... kreuz zivildiener gewesen? vielleicht sogar freiwilliger?

in beiden fällen: sehr brav, 1, setzen, beförderung (und sei es die der kranken) garantiert!

ernst weber1
 
01
bitte?

mir erschließt sich nicht ganz die absicht hinter ihrer meldung?
haben sie etwas gegen rettungssanitäter? irgendwelchen politischen frust? oder einfach ein blöder, gefrusteter besserwisser?

das brett vorm kopf
00
also das mit ...

... dem gefrusteten besserwisser finde ich jetzt aber wiklich scharf :-)

nun zur beantwortung ihrer eher eigentümlichen fragen, welche ich hier zum im hirn zergehenlassen (so wie auf der zunge) zitieren werde:

1. frage "bitte?" - antwort "danke!"
2. frage "mir erschließt (..) ihrer meldung?" - anwort "mir erschließt sich nicht einmal ihre frage, ist sie doch eine feststellung!"
3. frage, die erste die wirklich eine solche ist "haben sie etwas gegen rettungssanitäter?" - antwort "nein!"
4. frage "irgendwelchen (..) frust?", das ist zwar nichteinmal ein satz aber bitte - gegenfrage "was ist politischer frust?"
5. frage, eigentlich beschimpfung, stört mich aber nicht "oder einfach (..) besserwisser" - antwort "nein!"

compliments

ernst weber1
 
00

jetzt's wird's (endlich) konstruktiv!
was so ein bißi trollen bringen kann ;)

also. my turn ;)

1.) danke retour - wie schon oben einleitend erwähnt
2.) nönö. ich hab mir schon gedacht, dass sie keine frage gestellt haben, nur was ist der sinn hinter ihrer feststellung gewesen? entschuldigen sie mein vermeintliches brett vor'm kopf, aber der zweck - die "message" - ihres postings hat sich mir halt leider so garnicht erschlossen
3.) sehr beruhigend. bin zwar nicht aus der zunft, aber hab so den einen oder andren einblick in dieses "business" und naja. ich seh halt do schon einen riesen gesellschaftlichen nutzen, wissen sie. da werd ich auch gern persönlich bei solchen stumpfen meldungen, wie der ihren.
4.)...

ernst weber1
 
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huiui

4.)da haben's mich jetzt aber eiskalt erwischt. hab ich doch ihr posting ein bißerl zu überbewertet in die politische richtung. entschuldigen's bitte, wenn ich ihnen da unrecht gegeben hab. wird wohl daran liegen, dass es mir letztens oft passiert ist, dass sowohl über politik, als auch über'n rettungsdienst und dann wieder gleichzeitig über beides gsudert wird. aber mein fehler. das mag ich gern zugeben.
5.) ja, die beschimpfung. ich weiß. ganz schlimmes stilmittel - aber halt so unsagbar befreiend, wenn's einmal geäußert wurde. aber entschuldigens doch bite auch bitte diesen ausrutscher. wird wohl an meiner leicht cholerischen posting-natur liegen.

für die konstruktivität ihres 2. postings compliments auch von mir.kommt noch drittes?

das brett vorm kopf
00
heute ...

... leider nicht mehr, ich muß jetzt bedauerlicherweise saunieren gehen - ein elend, kann ich ihnen sagen ...

schau ma amal, eventuell morgen, sofern die saunahitze nicht mein hirneiweiß gerinnen hat lassen.

Robin Good
00

ich glaub sie sind das letztere

ernst weber1
 
00
die welt braucht

auch den einen oder anderen besserwisser. manchmal halt. damit sich was riaht... ;)

woody999
14
Bah•re die; -, -n; ein tragbares Gestell, auf dem man Kranke, Verletzte od. Tote transportiert <jemanden auf der Bahre wegtragen>

http://de.thefreedictionary.com/Krankenbahre

woody999
02
Bahre Definition: [1] Gestell, Vorrichtung ähnlich einer Liege, auf der Personen gelagert und transportiert werden können

http://de.dict.md/definition/Bahre

atomkraft neindanke
52

die GesetzgeberInnen könnten auch einfach den Verkauf von Raketen und Böller verbieten, die Feinstaubmenge war unerträglich, rücksichtslose Böllereien sind üblich geworden! letztes Jahr ist der Hund meiner Freundin, durch einen Böller so erschreckt, tot umgefallen. Ein organisiertes Feuerwerk reicht auch, wer Lust hat, kann sich es ja ungefährdet ansehen, und die, die keine Lust verspüren, werden nicht länger zwangsbeglückt!

Petzi Tastenwähler
10

Ich bin ja auch kein Freund der silversterlichen Privatknallerei, aber den Blödsinn mi'm Feinstaub hättens Ihnen sparen können.

Mimimimimimimimi...

Stephan W.
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Graz: Grenzwertüberschreitung im das 13 (in Worten DREIZEHN!)-fache in der Silvesternacht. Und Feinstaub ist da noch das geringste Problem; machen sie sich doch mal schlau, welche (teils Schwer-)Metalle welche Farben erzeugen. Das dürfen dann zu Silvester alle brav einatmen...

atomkraft neindanke
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leider kein Blödsinn, wer ein asthmakrankes Kind daheim hat, der fährt besser aufs Land oder zumindest an den Stadtrand!
Feinstaub ist ein Problem, auch ohne Silvesterknallerei!
weiters Problem: Arbeitsüberlastung der Einsatzdienste, wie Feuerwehr und Rettung, Notdienste etc!

Ich glaub, Menschen können ohne Tote, Schwerverletzte und einem ganzen Heer an Notdiensten auch feiern!

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