Wenn die Schwellenländer kriseln

Kommentar | Eric Frey, 1. Jänner 2012, 17:24

Ein Abschwung in China ist 2012 die größte Gefahr für die Weltwirtschaft

Das abgelaufene Jahr stand ganz im Zeichen der Euro-Schuldenkrise. 2012 hingegen werden die besorgten Blicke von Wirtschaftspolitikern und Ökonomen vor allem auf China gerichtet sein. Der zweitgrößten Volkswirtschaft und dem stärksten Wachstumsmotor der Welt droht heuer eine der schwierigsten Phasen der letzten Jahrzehnte.

Auf der einen Seite schwächt sich das Wachstum ab, weil die Nachfrage in den wichtigsten Exportmärkten nachlässt und die anhaltend hohe Inflation die eigene Wettbewerbsfähigkeit verringert. Auf der anderen Seite droht die gewaltige Immobilienblase, die sich über die vergangenen Jahre aufgebaut hat, jederzeit zu platzen. Und das wiederum gefährdet das Bankensystem, in dem Milliarden fauler Kredite schlummern.

Noch gehen die meisten Beobachter davon aus, dass die erfahrene chinesische Führungselite für eine "weiche Landung", also eine kontrollierte Abschwächung, sorgen wird. Aber der Spielraum für Konjunkturmaßnahmen ist heute viel geringer als bei Ausbruch der Finanzkrise 2008. Und dazu kommt der schwierige Generationswechsel an der Spitze von Partei und Regierung, der erste, der nicht vom Vater der Reformpolitik, Deng Xiaoping, vorausbestimmt worden ist.

Die Unzufriedenheit in weiten Bevölkerungsteilen ist schon gestiegen, als die Wirtschaft noch floriert hat. Ein massiver Wachstumseinbruch würde jenen stillen Sozialvertrag zwischen Partei und Volk bedrohen, unter dem die Chinesen Repression und Korruption als Preis für einen steigenden Lebensstandard hingenommen haben. Eine neue Welle von Protesten und unbarmherziger Repression - und mit dieser wäre sicher zu rechnen - würde auch die Wirtschaft schwer treffen und damit eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die auch die innere Stabilität der Großmacht infrage stellt. Ein chinesischer Frühling ist jedenfalls nicht in Sicht.

China ist nicht das einzige Schwellenland, dem stürmische Zeiten bevorstehen. In Indien hat die politische Lähmung in der Kongresspartei und der Regierung ein Ausmaß angenommen, das auch die Dynamik des Privatsektors zu ersticken droht. Auch in Brasilien schwächt sich das Wachstum ab, in der Türkei braut sich neben einer politischen Konfrontation auch eine kleine Finanzkrise zusammen. Und sobald die Weltkonjunktur nachlässt, kommen auch jene Rohstoffpreise ins Rutschen, deren Anstieg viele Staaten in Afrika mit einem starken Wachstum versorgt hat.

Selbst wenn der Abschwung in den Schwellenländern weniger kräftig ausfällt als befürchtet, wird er dennoch die Hoffnung der hochentwickelten Industriestaaten dämpfen, durch externe Wachstumsimpulse der eigenen Rezessionsgefahr zu entkommen. Umso mehr sind die politischen Eliten in Europa und den USA gefordert, die internen Querelen zu überwinden und zu einer konstruktiven Wirtschaftspolitik zurückzukehren. Die Eurozone muss alles tun, damit der Druck der Finanzmärkte auf Italien und Spanien nachlässt und den Erhalt der Gemeinschaftswährung nicht mehr gefährdet. Und in den USA müssen Demokraten und Republikaner einen Grundkonsens für einen Budgetkurs finden, der die Zahlungsfähigkeit des Staates nicht ständig infrage stellt.

Als Konjunkturmotoren für die Welt kann man sich auf China und die anderen großen Schwellenländer noch nicht verlassen. Die Hauptlast bleibt weiter bei den reichen Ländern. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 2.1.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 85
1 2 3
TomTom33
00
Ich würde mir eher sorgen machen

dass im Zuge der Eurokrise die chinesischen "Heuschrecken" halb Europa aufkaufen. Könnte nämlich dann sein, dass OMV, Unicredit etc bald den Chinesen gehören.

Totaler Durchblicksstrudel
00

Einerseits ist die wirtschaftliche Macht der Chinesen immer noch sehr begrenzt - und wird von den Medien regelmäßig überzeichnet, anderseits würde es auch für die nicht viel Sinn machen in Märkte zu investieren, die so wenig Renditen abwerfen ;)

Ich Bins6
34

Also warum man sich grad um China sorgen machen muss, seh ich nicht ganz, das ist oft eher westliches Wunschdenkenl(vermehrt aus der EU, weit weniger aus den USA).

Denn wenn ich mir die Prognose(vor allem die auftragslage) für 2012 ansehe fürs erste Viertel und mir die arbeitslosen und die Staatsverschuldung Chinas(um die 20% -da ist noch sehr viel raum) ansehe dann mach ich mir um die Chinesen am allerwenigsten Sorgen.

Da müsste der Konsum in USA und Europa schon völlig einbrechen um Chians Wachstum stark zu bremsen und unter die notwendigen 4-5% zu drücken.

Und völlig belanglos ist die Inlandsnachfrage in China mittlerweile auch nicht mehr, das haben die schon erkannt in Peking, dass man mit EU und USA nicht mehr ewig rechnen kann.

Totaler Durchblicksstrudel
00

Es gibt einige inländische Risiken für die chinesische Wirtschaft. Da wären einmal die Gefahren einer Immobilien-Blase (letztendlich ein Bewertungsproblem), die Notwendigkeit den staatlichen Einfluss auf das Bankensystem zurück zu nehmen (lies dazu den IMF-Bericht, sehr anschaulich!), die noch immer ungelöste regionale Verschuldung. Dazu kommt, dass die Inlandsnachfrage immer noch nicht anspringt und die Wirtschaft stärker exportabhängig ist den je.
Und dann noch ein paar andere Kleinigkeiten ...

TomTom33
00

ca 30 Mio Chinesen werden sich heuer ihr erste Auto kaufen. Nur ein Beispiel von vielen. Da ist es für die Autoindustrie nebensächlich ob sich jetzt in Europa ein paar Leute weniger ein Auto kaufen.

Wenn sich aber statt 30 Mio nur 25 Mio ein neues Auto kaufen ist das "katastrophal".

bianca white
00

Und so dreht sich wieder alle im Kreis. Man sieht gehts mit Chinas Wirtschaft bergab, spürens wir am nächsten Tag um umgekehrt.

Nee-Chee
00
Europa bemüht sich aber

nach Kräften, die Konjunktur mittels kontinentweiten Sparpaketen einbrechen zu lassen.

Totaler Durchblicksstrudel
00

"Wer ein Schöpfer sein will im Guten und im Bösen, der muss ein Vernichter sein und Werte zerbrechen."

Das wär' doch mal eine Perspektive, Herr Frey? Sonst wirds irgendwie eintönig ;)

barry mccoist
21

also weiterhin die chinesische zentralwirtschaft unterstützen, die menschenunwürden arbeitsbedingungen ausnützen, den diktatoren in den allerwertesten kriechen, die zerstörung der natur fördern und brav die ständigen menschenrechtsverletzungen ignorieren.

keep on rockin' in the free world

playdude
11

sowas unsympatisches wie eric frey hab ich schon lange nicht gesehn

Archi
00
wow, danke für ihre sachliche und tiefgreifende kritik am artikel...

GreenTwig
21
Netter Artikel

Er fasst die größten Soll-Bruchstellen bei den derzeitigen globalen Ökonomien gut zusammen.
China ist, allem oberflächlichem Glanz zum trotz, keine Marktwirtschaft, sondern ein Interventionistisches Gebilde mit all den Ressourcenverschwendungen und fehl geleiteten Marktsignalen.
Bald, wenn schon nicht 2012, fährt China gegen die Wand.

Martin Müller10
 
11
China ist meiner Meinung von einer Krise weit entfernt, ich kann

mich erinnern in CCTV9 eine Diskussion zwischen chinesischen Wirtschaftsexperten über die Entwicklung gehört zu haben. Da gings um das Verhältnis zwischen Export und Inlandsnachfrage und da ist China mittlerweile recht gut aufgestellt.

Wir alle sind Apple
21
20-30% der Kredite in China werden nicht mehr bedient.

Aber wenn chinesische Wirtschaftsexperten was anderes behaupten, dann werden die wohl recht behalten.

http://www.mmnews.de/index.php... or-absturz

Dagmar Rehak Wien
 
00

Schmoarrn, was da steht.
Das ist einfach nur ein reißerischer Artikel mit abenteuerlicher Interpretation.
Die Kredite leiden keine Not. Das Geld wurde eingesetzt und fertig. Dann zahlt man den Kredit halt nicht zurück, sondern lässt das Geld im Umlauf.
Ich kenne zwar keine genauen Zahlen, aber ich denke trotz Ein-Kind-Politik wächst Chinas Bevölkerung, weil ja auch die Lebenserwartung steigt, und mehr Menschen brauchen mehr Geld. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, Kreditgeld am Leben zu lassen.
Und die "Kredithaie" sind wohl sowas wie bei uns ganz normale Banken.

Ich Bins6
02

Bei der unglaublichen Sparquote der Chinesen (bis zu 80%) braucht man sich um deren Banken noch keine Sorge machen, die werden weiter brav Geld bekommen von den Leuten...

Nee-Chee
00
"auf Pump Infrastrukturprojekte zu bauen"

na wui wo kommen wir denn da hin, wenn ein Staat in Infrastruktur investiert.

Nee-Chee
00

Ups wollte natürlich auf den Link antworten.

Martin Müller10
 
42
Was ist denn das für ein verschwörungtheotetischer

Spinnerverein zu dem Sie da verlinken?

Dr. Ehrlich
10
ui, ui, ui. besser informieren. dirk müller hatte in den

letzten jahren nicht unrecht, er gibt den chinesen noch 2-3 jahre. schauen sie sich mal die berichte über ganze geisterstädte (zB in der inneren mongolei ) an, dann denken sie vielleicht auch anders - oder auch nicht. ihre entscheidung!

Martin Müller10
 
00
Wenn auf der Seite Homöopathie angepriesen wird ist

wohl alles gesagt.

bianca white
30

Dirk Müller ist ein mediengeiler Schwarzmaler sonst nix, also verschonen sie uns bitte mit seinen Weisheiten.

Der Euro geht unter dann die USA-Anleihen und dann Chinas Wirtschaft, das sind so im groben und ganzen Prognosen. Natürlich wird 2012 nichts so passieren und an das Geschwaffel des Herrn Müller kann sich dann aber sowieso keiner mehr erinnern.

Dr. Ehrlich
00
dann habens nix verstanden

na, vielleicht wirds noch...

girls in the cage
12

Hm was haben Geisterstädte in der Mongolei (wen interssiert die bitte?) mit Chinas Gesamtwirtschaft zu tun? Das hab ich ja überhaupt noch nie gehört.

btw. Auf westliche Forscher braucht man bei China-Fragen überhaupt nicht gross achten was da die letztn 20!!! Jahre schon für Blödsinn verzapft wurde.

Hätte China alles so gemacht wie von den USA und Europa vorgeschlagen wären sie heute am Ende und in der selbe Situation wie Osteuropa.

Dr. Ehrlich
10
innere mongolei ist ein teil von china.

und das hat was mit china zu tun...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 85
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.