Jansons versus die Krise

  • Der Goldene Saal im Wiener Musikverein.
    foto: apa/andreas pessenlehner

    Der Goldene Saal im Wiener Musikverein.

Wiener Philharmoniker ehrten im Musikverein Dirigenten, EU-Ratspräsident Dänemark und Klimt - Übertragung in 73 Länder

Wien - Seit Jahrzehnten gilt es als musikalisches Bollwerk gegen nationale Einfalt: Als Mariss Jansons am Sonntag mit dem "Vaterländischen Marsch" das Neujahrskonzert 2012 der Wiener Philharmoniker einläutete, bestand kein Zweifel, dass er damit eher Weltoffenheit einmahnte, anstatt krisenbedingten Groll gegenüber den "Anderen" zu hegen. Der Lette lieferte in weiterer Folge ein subtil beschwingtes Bekenntnis zu Europa ab. Der spezielle Gruß ging diesmal an das neue EU-Vorsitzland Dänemark. Und auch Jansons selbst, der das Ereignis zum zweiten Mal dirigierte, sowie der Musikverein und Gustav Klimt wurden gefeiert.

Noch einen Monat zuvor hatten Fans des Konzerts gezittert, ob Jansons auch wirklich am Pult stehen würde: Krankheitsbedingt hatte er Auftritte absagen müssen. Energiegeladen betrat er nun aber am Neujahrstag den Goldenen Saal, nachdem er 2006 sein Debüt als Dirigent des Neujahrskonzert gegeben hatte. Mit der "Carmen-Quadrille" von Eduard Strauß hatten ihm die Philharmoniker eine kleine programmatische Überraschung gemacht, da Jansons aus Gesundheitsgründen 2010 seinen Einsatz an der Staatsoper in der Bizet-Oper absagen hatte müssen. Dementsprechend ungebremst und wendig gestaltete er "seine" Quadrille.

Polka Francaise "Feuerfest"

Nicht genug der Verehrung für den Maestro. Dieser durfte bei der Polka Francaise "Feuerfest" von Josef Strauß mit Hämmern publikumswirksam einen Amboss bearbeiten. Einige Werke der Strauß-Dynastie, die speziell für St. Petersburg, dem Wohnort Jansons, geschrieben wurden, rundeten die Hommage ab. Da passte auch Peter Iljitsch Tschaikowsky als heuriger "Gastkomponist" perfekt ins Konzept, dessen "Panorama" und "Walzer" aus "Dornröschen" mit ungewohnt optimistischer Patina dargeboten wurden.

Aber auch sonst hatten die Philharmoniker wieder viel zu ehren. Etwa ihre musikalische Herberge, den Goldenen Saal des Musikvereins. Karina Fibich, die zum zweiten Mal die Regie der Live-Übertragung übernahm (73 Länder strahlten den Bilderreigen aus) rückte das opulente Ambiente unter anderem mit einer Schwebekamera ins rechte Licht, während der "Künstler-Gruß" von Joseph Strauß ertönte. Und noch eine weitere musikalische Institution Wiens erhielt ihren Platz eingeräumt: Mit der Polka "Tritsch Tratsch" von Johann Strauß Sohn sowie bei "Feuerfest" traten die Wiener Sängerknaben erstmals seit 1998 beim Neujahrskonzert auf.

Hommage an EU-Ratspräsidentschaft

Traditionell ist auch die Hommage an die jeweilige neuen EU-Ratspräsidentschaft zu Jahresbeginn, die diesmal Dänemark galt. Der "Kopenhagener Eisenbahn-Dampf Galopp" von Hans Christian Lumbye - laut Programmheft als der "dänische Strauß" gefeiert - ließ nicht nur die eisenbahnergerecht bemützten Schlagwerker der Philharmoniker dampfen und schnauben, Jansons selbst gab via Pfeife das Signal zur Abfahrt. Und auch bei der Polka schnell "Unter Donner und Blitz" von Johann Strauß Sohn, die den Abschluss des regulären Teils bildete, bewies das Orchester Meisterhaftigkeit in der Klangmalerei.

Ein tatsächlicher bildender Künstler wurde in den Balletteinlagen in der Choreographie von Davide Bombana geehrt: Gustav Klimt, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre, hatte mit der Nachstellung seines berühmten Gemäldes "Der Kuss" seinen eigenen Auftritt im Oberen Schloss Belvedere. Und für den Pausen(tourismus)film ließ Regisseur Werner Boote Menschen auf Wiener Plätzen durch die Luft schweben.

Was im "Vaterländischen Marsch" ganz zu Beginn bereits zitatenhaft angeklungen war, wurde bei den traditionellen Zugaben abermals euphorische Realität. Der Walzer "An der schönen blauen Donau" und der "Radetzky Marsch" taten das ihre, um die drohende bzw. schon allgegenwärtige Krise zumindest für ein paar Minuten zum Verstummen zu bringen.

Jansons hat mit seinem zweiten Neujahrskonzert abermals ein Meisterstück abgeliefert, das zwischen Barenboims genialer Neuerfindung der Strauß-Musik und der intellektuell versunkenen Auffassung von Franz Welser-Möst für sich alleine stand. Letzterer ist es auch, der das Neujahrskonzert 2013 dirigieren wird - egal ob Krise, oder nicht. (APA)

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