Alte Plagen und neue Hürden

30. Dezember 2011, 20:11
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Die Protagonisten des heimischen Kunstmarktes konnten 2011 nur bedingt an die Vorjahresbilanz anknüpfen. Die Freude ist getrübt. 2012 warten neue Herausforderungen

Nun liegen sie vor, die Umsatzzahlen der österreichischen Auktionshäuser, die zu den wenigen Koordinaten gehören, die Rückschlüsse auf die Stimmung des nationalen Kunstmarktes zulassen. Etwas kryptisch formuliert es das Dorotheum, wo man laut aktueller Bilanz "2011 an den Erfolg des Vorjahres anschließen konnte", der 2010 mit 143 Millionen Euro beziffert worden war. Anders gesagt, lief es besser als erwartet, aber schlechter als erhofft: Mit der Verlautbarung der "besten Frühjahrs-Saison in der Geschichte des Hauses" befand sich das Dorotheum noch zum Halbjahr auf Rekordkurs, konkret lag der Zuwachs bei 1,8 Prozent. Ein kleiner Vorsprung, der kurz vor Saisonende wohl rückläufigen Absatzquoten (u. a. Klassische Moderne: 2010: 70 Prozent; 2011: 52 Prozent) zum Opfer fiel.

Deutlicher ist der bei "im Kinsky" verzeichnete Umsatzrückgang, der sich von 28 auf 19,2 Millionen Euro dezimierte, womit sich der nach den ersten sechs Monaten verzeichnete Schwund von 15 Prozent am Ende verdoppelte. Die zweite Jahreshälfte lief also da wie dort besser als 2009, allerdings auch nicht gerade brüllend. Das belegen ebenso die zehn höchsten in Österreich verzeichneten Zuschläge (siehe Tabelle). Ein Ranking, das im Gegensatz zum Vorjahr (Dorotheum: Frans Francken II, 7, 02 Mio.; Kinsky: Egon Schiele, 4,43 Mio.) heuer ohne Millionenwerte das Auslangen finden muss und dessen Wertvolumen mit 4,48 Millionen Euro deutlich unter dem Niveau von 2010 liegt (13,08 Mio.).

Angespannte Stimmung

Und dennoch repräsentieren diese Zahlen nur eine Seite der Medaille, da sie weder das Primärsegment (Galerien) noch die Gruppierung der Kunsthändler berücksichtigen, die ausschließlich Steuerbehörden Einblick in ihre Bücher gewähren. Jene Fraktion, die auf ein Hinterfragen vermeintlichen Messejubels zunehmend empfindlich reagiert oder in faktenorientierter Berichterstattung ein die Stimmung trübendes Grundübel wittern. Die Praxistauglichkeit tradierter Messekonzepte mit Hinblick auf nächste Besuchergenerationen zu inspizieren oder primitive Kostendeckung zu thematisieren, sind angesichts der allgemeinen Wirtschaftslage noch weniger erwünscht als bisher. Das will doch bitte eh keiner wissen, so der Tenor.

Angespannt, dieser Terminus beschreibt das aktuelle Klima nur notdürftig. Die Angst vor einer Verschärfung der Situation ist allgegenwärtig - und verständlich. Die steigenden Kosten, an denen jedermann laboriert, sind für den Kunsthandel noch das kleinere Übel. Ein größeres stellt die Akquisitionsfront, im Mangel an Kunstwerken bestimmter Güteklassen und teilweise überzogenen Preisvorstellungen seitens der Verkäufer. Die gemeinste aller Plagen lauert jedoch in den seit Jahren schrumpfenden Gewinnspannen, die künftig noch kärglicher ausfallen.

Denn jene, die mit Künstlern handeln, die nicht länger als 70 Jahre tot sind (aktuelles Stichjahr 1942), müssen über die Erweiterung des Folgerechts ab 1. Jänner - sowohl beim Ein- als auch beim Verkauf - vier Prozent (maximal 12.500 Euro) abführen: An Erbengemeinschaften, die zum Teil erst ermittelt werden müssen. Oder an die Verwertungsgesellschaft, die diese "Tantiemen" nur für Künstlernachfahren verwaltet, die auch ihre Mitglieder sind.

Keine Frage, diese EU-Harmonisierung ist eine Herausforderung, der sich der Handel punkto Administration und wirtschaftlicher Geschäftsführung stellen muss. Manche werden ihr Sortiment entsprechend justieren und auf Künstler ohne Folgerechtsabgabe verlagern. Andere von Ankäufen aus Privatsammlungen auf Übernahme in Kommission schwenken, womit die Abgaben um die Hälfte reduziert werden können. Gesichert ist, dass die Auktionsbranche eine gewisse Zurückhaltung ihrer handelnden Klientel zu spüren bekommen wird, da der Einkauf im Auktionssaal die Margen reduziert und damit deutlich an Attraktivität verliert.  (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

  • Im November wechselte Ilya Kabakovs "Bei der Universität 1972" via 
Dorotheum für netto 650.000 Euro zum Höchstwert der Saison in eine 
deutsche Privatsammlung. Zusammen mit der Provision des Auktionshauses 
und der Folgerechtsabgabe (9125 Euro) überwies der Käufer brutto 763.925 
Euro.
    foto: dorotheum

    Im November wechselte Ilya Kabakovs "Bei der Universität 1972" via Dorotheum für netto 650.000 Euro zum Höchstwert der Saison in eine deutsche Privatsammlung. Zusammen mit der Provision des Auktionshauses und der Folgerechtsabgabe (9125 Euro) überwies der Käufer brutto 763.925 Euro.

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