Auf einer Fahrt durch Griechenland kann man sehen, wo Europa aufhört, und warum die Vergangenheit so stark präsent ist
Wer am Tag des Heiligen Nikolaus nach Griechenland kommt, bekommt etwas
geboten. In der Hafenstadt Piräus hebt am Nachmittag des sechsten Dezember ein
seltsames Konzert an. Es müssen Nebelhörner sein, die da aus allen
Himmelsrichtungen miteinander in Verbindung treten, ein dröhnender
Wechselgesang, der klingt, als wären dutzende riesige Wale gestrandet.
Es sind aber nur Fähren, die von hier aus zu den entlegenen Rändern
Europas ablegen und die zuvor noch dem Nikolaus ihren Gruß entbieten.
Für den Schutzpatron der Seefahrer haben die Leute hier etwas übrig,
schließlich gehören zum Staatsgebiet 3000 Inseln.
Nikolaus hat aber noch
eine zusätzliche Bedeutung. Der Name verweist auf das "siegreiche Volk".
Und das griechische Volk kann jede Ermunterung gebrauchen am Ende dieses
Jahres 2011, in dem von Griechenland alles Übel in Europa auszugehen
schien, während das Land selbst vor lauter Sparen kaum mehr aus und ein
weiß. In Griechenland erlebte Europa heuer seinen Ausnahmefall, das, was
eigentlich nicht eintreten dürfte in einem System, in dem eine
Zentralbürokratie in Brüssel auf alles aufpasst.
Dem Ruin folgen aber Hoffnungen, nicht zuletzt aus der jüngeren
Generation. "Vielleicht kommst du gerade zur Revolution zurecht", hatte
mir die Tochter eines guten Freundes noch geschrieben, als sie erfuhr,
dass ich im Dezember nach Griechenland fahren würde. Ich sollte also
Ausschau halten nach Zeichen des Umsturzes, und gleich am ersten Abend
traf ich in Piräus auf ein paar Agitatoren. Sie hatten an der Akti
Moutsopoulou, am kleineren der beiden Hafenbecken der Stadt, einen
Info-Tisch aufgebaut, und ließen nun im Wechselspiel harte Musik und
grelle Parolen über den Platz erschallen. Fünf nicht mehr ganz junge
Männer mit auffällig schlechten Zähnen, die eine einfache Botschaft
verkünden: "Griechenland braucht keine Darlehen. Griechenland braucht
Ideale."
Als ich sie frage, worin denn diese Ideale bestünden, erinnert einer an
die Partisanen, die gegen Hitler-Deutschland kämpften. Je länger wir uns
in gebrochenem Englisch zu verständigen versuchen, desto deutlicher
wird, dass die griechischen Revolutionäre eher über ein kämpferisches
Heldenideal aus der Vergangenheit als über ein Programm für die
Gegenwart verfügen. Es nimmt auch niemand Notiz von ihnen, die wenigen
Passanten an diesem Abend scheinen die Szene zu kennen. Nur der
Ausländer, der im Land der verhassten deutschen Kanzlerin lebt, sucht
das Gespräch - in einem Europa, in das der Nationalismus zurückkehrt,
fällt anscheinend jedem Reisenden auch eine diplomatische Mission zu.
Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Süden. Mein Ziel ist
Mani, die Südspitze der Peloponnes, eine dünnbesiedelte Landzunge, von
der allenfalls einmal eine Flasche Olivenöl in den Regalen eines
europäischen Bioladens auftaucht. Der im Juni 2011 verstorbene britische
Schriftsteller Patrick Leigh Fermor hat über Mani eines seiner besten
Bücher geschrieben, das war 1958, damals war Griechenland vor allem als
Bastion gegen den Kommunismus wichtig. Aber Leigh Fermor fand in Mani
eine aus der Zeit gefallene Kulturlandschaft, in der Poseidon
gegenwärtiger war als Chruschtschow und in der Byzanz als heimliche
Hauptstadt gelten konnte.
Heute nimmt man bei Korinth eine Abfahrt auf die Autobahn in Richtung
Kalamata, eine neu ausgebaute Fernstraße, an deren Raststätten man bei
"Goody's" das übliche Fastfood-Angebot in einer gräzisierten Version
essen kann. Bei Tripoli verlasse ich die Autobahn und fahre Richtung
Sparta geradewegs nach Süden. Als ich unterwegs einmal anhalte, um eine
der zahlreichen üppig geschmückten Miniaturkathedralen zu fotografieren,
die am Straßenrand an Verkehrstote und andere bedeutsame Ereignisse
erinnern, spricht mich eine alte Frau an, die an der Bushaltestelle auf
ihre Tochter wartet. Ich wundere mich darüber, dass sie Englisch kann,
da erklärt sie es mir auch schon: Sie hat viele Jahre in USA gelebt, in
Astoria im New Yorker Stadtteil Queens hat sie in den 1960er-Jahren in
einer großen Schneiderei gearbeitet, und wenn es nach ihr gegangen wäre,
dann wäre sie heute noch dort. Doch ihr Mann bestand auf die Rückkehr
nach Griechenland, und nun arbeitet sie wieder in der kleinen
Landwirtschaft, die in Familienbesitz geblieben ist.
Auf eine Rente hat sie da wie dort keinen Anspruch, der Ehemann bringt
ab und zu etwas aus den Bergen nach Hause. Vor dem Gesetz wäre das wohl
Wilderei, doch für ihn, so verstehe ich ihre Schilderung, sei das
diejenige Freiheit, die er in New York so vermisst hat.
Zu den Kehrseiten dieser Freiheit zählen die Rudel wilder Hunde, die man
an vielen Orten antreffen kann. Sie suchen an Rastplätzen nach Nahrung
und finden manchmal etwas an den abends verlassenen Verkaufständen, an
denen Bauern tagsüber direkt an der Straße ihre Produkte feilbieten.
Dass es sich hier um geregelten Ab-Hof-Verkauf handelt, ist nicht
anzunehmen. Es ist einfache Subsistenzwirtschaft, möglichst direkte
Beziehungen zur Kundschaft, all das, was im verwalteten Europa längst
von Regeln und Vorschriften umgeben ist, um die sich hier niemand
kümmert. Schon die Agitatoren in Piräus haben darauf hingewiesen, dass
die Sparmaßnahmen in Griechenland notgedrungen den informellen Sektor
wachsen lassen.
Die Leute hintergehen den Staat (und Brüssel) nicht mehr aus Mangel an
Gemeinsinn, sondern aus Not. Hinter Sparta, wo die zentrale Peloponnes
nur noch sporadisch besiedelt ist, sind die Zeichen der Peripherie
allgegenwärtig. Der einzige Bankomat von Areopoli, einem regionalen
Zentrum, wo ich in einem Internetcafé eine Pause mache, befindet sich
auf dem Hauptplatz in einer Plexiglaskabine. Eine Bankfiliale gibt es
nicht. Von Areopoli aus kann man die Küstenstraße nach Norden in
Richtung Kalamata nehmen. Da kommt man dann auch durch Kardamyli, wo
Patrick Leigh Fermor gelebt hat und wo sich heute viele Amerikaner
niederlassen, zum Beispiel eine siebzigjährige Kalifornierin, die sich
"Ann of Arabia" nennt und Leuten dabei behilflich ist, ihre
Lebensgeschichten aufzuschreiben. Ich fahre aber zuerst noch nach Süden,
so nahe wie möglich zum Kap Tenaro, dessen Leuchtturm nur zu Fuß zu
erreichen ist. Eine versteinerte Landschaft ist das hier, aus der am
Ende der Wanderung unvermutet ein paar Sonnenkollektoren auftauchen, und
dann der Leuchtturm. Ein junger Marinesoldat tut hier seinen Dienst, er
ist die ganze Zeit allein, im Dezember kommen kaum Leute, und private
Besucher darf er offiziell nicht haben. Die Verbindung ins Internet,
ohne die er nicht wüsste, dass Olympiakos Piräus vor zwei Tagen aus der
Champion's League ausgeschieden ist, muss er selbst bezahlen.
Die Kreuzfahrtschiffe, die zunehmend stärker den griechischen Tourismus
bestimmen, kommen hier nicht vorbei. Man findet sie eher in Nafplion,
dem Jesolo der Athener, wo ich auf dem Rückweg eine Nacht Station mache.
Von hier ist es nicht weit zu den Ruinen von Mykene, wo ein paar lokale
Reiseveranstalter ihre Lösungsvorschläge für die gegenwärtige Malaise
nennen. Es sind dieselben, die ich unterwegs immer wieder gehört habe:
Rückkehr zur Drachme, politisch "von vorn anfangen", kleine Brötchen
backen. Isolationismus statt Integration. Peripherie statt Europa.
Mykene ist im Dezember spektakulär, im Juli kommen hier 20.000 Leute pro
Tag, im Winter vielleicht 500. Als unlängst der zynisch klingende
Vorschlag aufkam, Griechenland könnte doch die Akropolis privatisieren,
da ging es im Grunde um diese Frage: Was kann Griechenland sich davon
kaufen, dass es die älteste europäische Hochkultur hatte?
In Athen gehe ich zuerst zum Syntagma-Platz. Wenn sich vielleicht doch
eine neue politische Bewegung formiert, dann vermutlich von dieser
modernen Agora aus, die von Traditionshotels umstanden wird und einen
prächtigen U-Bahnhof unter sich verbirgt. Doch das einzige politische
Zeichen, das jemand setzt, ist ein religiöses. Ein alter Mann steht in
der Pose eines Christus Pantokrator am oberen Ende und rührt sich nicht.
Nach einer Stunde steht er immer noch da, gelegentlich streifen zwei
Hunde um ihn herum. Ein junger Mann namens Yamantis, mit dem ich ins
Gespräch komme, beweist mir, dass linke Analyse und fromme Ergebenheit
vereinbar sind. Für ihn ist die griechische Verschuldungskrise nichts
anderes als ein Komplott der internationalen Finanzwelt, die sich das
Land unter den Nagel reißen will. "Griechenland ist reich, wir haben
Rohstoffe, Landwirtschaft, Sehenswürdigkeiten." Das alles wird demnächst
verramscht, davor aber wird es Krieg geben. Krieg mit wem? "Mit der
Türkei!" Der östliche Nachbar steht Gewehr bei Fuß, nur der
"allbeherrschende" Christus kann jetzt noch helfen.
Auch hier findet die radikale politische Meinung keine Zustimmung. Der
Syntagma-Platz macht an diesem Tag im Dezember 2011 einen ganz normalen
Eindruck. Von einem Ausnahmezustand in Athen, gar von Vorzeichen einer
Revolution ist nichts zu sehen. Die Leute reagieren anders auf die
Krise. Sie treiben Handel, und sei es mit den dürftigsten Waren. Am
westlichen Ende der Ermou-Straße hat sich unweit des offiziellen
Flohmarkts ein informeller Markt entwickelt, der in seiner Armseligkeit
das deutlichste Bild für eine Ökonomie ist, die keine Banken braucht und
keine Steuern zahlt. Auf einer Statue eines griechischen
Freiheitskämpfers hat ein Sprayer die politische Parole der Stunde
hinterlassen: "F*ck heroes. Fight the power." Was das ist, die Macht in
Europa, in der Welt, das ist am Ende dieses verwirrenden Jahres von
Griechenland aus nicht klarer zu erkennen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)