Barry Eichengreen

Katastrophe kann warten

Kolumne | Barry Eichengreen, 30. Dezember 2011, 19:21

2012 wird kein Krisenjahr werden, es wird aber auch unsere aktuellen Wirtschaftsprobleme nicht abschließend lösen

Heutzutage gibt es keinen Mangel an Experten, die vor einer bevorstehenden Katastrophe warnen. Ich bin da anderer Meinung: 2012 wird kein Krisenjahr werden, es wird aber auch unsere aktuellen Wirtschaftsprobleme nicht abschließend lösen. Es wird eher ein Jahr, in dem wir uns so durchwurschteln.

Viele glauben, 2012 wird ein Schicksalsjahr für Europa - entweder werde es einen Quantensprung in der europäischen Integration geben mit der Schaffung einer Fiskalunion und der Ausgabe von Eurobonds. Oder die Eurozone werde auseinanderfallen und die Mutter aller Finanzkrisen auslösen.

Dabei ist keines der beiden Szenarien wahrscheinlich. Der Kollaps der Eurozone würde natürlich eine wirtschaftliche und finanzielle Notlage bewirken. Aber das ist genau der Grund, warum die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zurückhaltung aufgeben und auf dem italienischen und spanischen Anleihenmarkt intervenieren wird.

Eine schmerzvolle Rezession wird Europa allerdings nicht erspart bleiben. Ein stümperhaft ausgeführter Rekapitalisierungsplan für die Banken und die Ungewissheit, die über dem Euro hängt, machen eine Rezession so gut wie unvermeidlich. Zudem werden dringend benötigte Wachstumsprogramme in Ländern wie Italien die Lage erst verschlechtern, bevor sie sie verbessern. Die Senkung der Kosten für Einstellungen und Entlassungen etwa wird sich zwar zunächst in Entlassungen niederschlagen. Aber die Investoren blicken weiter in die Zukunft, sodass sie durch Reformen, die auch Wachstum bringen, beruhigt werden dürften.

Es ist zwar unwahrscheinlich, dass die Eurozone 2012 auseinanderbricht, aber es gibt keine klare Antwort auf die Frage, ob der Euro überleben wird, weil es keinen Quantensprung in der europäischen Integration geben wird. Es dauert lange, die Verträge zu überarbeiten und zu ratifizieren. Bemühungen zur Stärkung der steuerlichen Regeln in Europa etwa werden die Form bilateraler Vereinbarungen zwischen Regierungen annehmen, eine Veränderung des Vertrags von Lissabon ist eher unwahrscheinlich.

Nehmen wir jetzt die USA. Neueste Daten legen nahe, dass es der Wirtschaft besser geht, man darf das aber auch nicht überbewerten. Die staatliche Unterstützung des Aufschwungs wird weiter zurückgehen. Und obwohl sich der Immobilienmarkt zu stabilisieren scheint, leiden die Preise weiterhin unter dem großen Schattenbestand an Häusern, die sich in der Zwangsvollstreckung und damit in der Hand der Banken befinden.

Und schließlich wird China im kommenden Jahr um 7,5 bis 8,0 Prozent wachsen. Das ist Durchwurschteln auf chinesisch - ein erheblich niedrigeres Wachstum als die zweistelligen Wachstumsraten der Vergangenheit, aber auch nicht der harte Sturz, den alle Schwarzmaler erwarten.

Wenn der Großteil der globalen Wirtschaft bei der Stange bleibt, gibt es keinen Grund, warum 2012 ein Katastrophenjahr werden sollte. Aber man kann sich nicht auf ewig durchwurschteln. Europa muss einen Strich unter die Krise ziehen und einen Weg zurück zu Wachstum finden. Die USA müssen die politische Polarisierung und den Reformstau überwinden. Und China muss seine Wirtschaft ins Gleichgewicht bringen, aus dem Hauptmotor Bauwirtschaft und Export muss der Hauptmotor Privatverbrauch werden, solange noch Zeit ist.

Wenn natürlich nichts von alldem geschieht - oder wenn nicht genug davon geschieht -, könnte das Jahr 2013 das Annus horribilis werden, das die Schwarzseher so gern prophezeien. (© Project Syndicate 1995-2011, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

 

Person Barry Eichengreen ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftspolitik an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Zuletzt erschien von ihm "Das Ende des Dollar-Privilegs: Aufstieg und Fall des Dollars und die Zukunft der Weltwirtschaft".

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25 Postings
videoopa
00
17.2.2012, 21:53
Rettung naht schon. so ginge es, na also...warum nicht gleich+++

http://vimeo.com/36929099

Logyal
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Spannend zu werden beginnt's im Februar

Da werden Italienische Staatsanleihen fällig. Mit anderen Worten: bis Anfang April müssen die Italiener dann an den Kapitalmarkt insgesamt fast 200 Milliarden Euro zurückliefern, das heißt neue Quellen finden (die sich auf die hochriskanten Anleihen eines Pleitestaates einlassen).
Der erste Dominostein zum Finale ? (Gerüchteküche: laut Insidern werden schon fleissig D-Mark und Schillinge gedruckt...)
War vorherzusehen -man fragt sich nur: wie konnten die hochbezahlten Volksvertreter sooo einen Fehler begehen (EINE Währung für so unterschiedliche Wirtschaftszonen) ?

CEEIT
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Griechenland wird austreten müssen; weniger

wegen der EU, sondern wegen der Bevölkerung, die im EURO verelendet. Spanien kommt als nächstes.

In den USA gibt es nach wie vor 45 Mio. Lebensmittelkarten bezieher.

Ja das Problem sind genau die Quantensprünge in der Politik (Quantensprung = Zustandsänderung in einem sehr kleinen System bzw. minimale Veränderung), die auch die Bedeutung des Begriffes wie Sie nicht kennen.

G. B. Corner
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Die Bezeichnung "Quantensprung" ist schon richtig. Das sind zwar sehr kleine Veränderungen, aber weshalb man den QS sprichwörtlich verwendet, ist, dass es keinen "Übergang" gibt - ein System ist entweder im einen oder anderen Zustand. Daher taugt der QS sehr wohl als Bild für eine sehr sprunghaft stattfindende Veränderung, die das System grundlegend ändert

CEEIT
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Genau das ist der Irrtum im Sprachgebrauch:

Alle Wortbildungen im neuen Duden mit Quanten belegen, daß immer nur ein Zusammenhang mit dem physikalischen Quant, dem kleinstmöglichen Wert einer physikalischen Größe (Duden aus 1989) gemeint ist. Diesen immer noch unvorstellbar kleinen Wert mit einem Fortschritt im modernen Sinn gleichsetzen zu wollen, gleicht der Verschmelzung der gegensätzlichen Begriffe wie "klein" und "groß", "dick" und "dünn" etc.

CEEIT
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Auch wenns im Duden steht ist es trotzdem falsch:

Die dudenseitige Erläuterung des Quantensprungs als Fortschritt, der eine Entwicklung innerhalb kürzester Zeit ein sehr großes Stück voranbringt, unmittelbar nach der physikalischen Bedeutung zeugt in gewohnter Weise von der Unbedenklichkeit, mit der er seit Jahren völlig verschiedene Wörter und Begriffe als gleichbedeutend hinstellt, und zwar ohne Hinweis auf den korrekten Sachverhalt.

J. Reichhart
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die eurozone bricht auseinander -

in länder, die weiter den euro behalten und jene, die ihn aufgeben (müssen): als da sind griechenland, italien, irland, portugal und spanien, evtl. auch belgien.

österreich wird sein AAA verlieren und auch sonst arg ins trudeln kommen. die regierung wird sich aus angst vor neuwahlen bis 2013 halten. sollte die övp torschlusspanik kriegen und neuwahlen vom zaun brechen, wird straches faschiertenpartei mit anti-eu und europropaganda noch vor der spö stärkste partei.

damit wird österreich der erste staat sein, der die eu wieder verlassen wird (müssen).

das könnte nur vermieden werden, wenn vp-sp endlich anständig arbeiten. aber das ist noch unwahrscheinlicher als alles andere.

hayseed
00
31.12.2011, 19:55

Meine Einschätzung: Anfang Februar ist Italien insolvent. Dann schau ma weiter.

byron sully
05
31.12.2011, 18:54

es könnte sehr wohl ein schicksalsjahr für europa werden - nämlich dann, wenn die bevölkerung gegen den kapitalistischen irrsinn aufsteht. allzu lange werden sich das die menschen nicht mehr gefallen lassen. die frage ist also nicht, ob, sondern wann es zum aufstand kommt. das kann noch jahre dauern, aber das könnte genauso auch schon 2012 passieren.

Der Waehlerwille
 
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Mit Ihnen hamma jetzt schon 5 Aufständische.

G. B. Corner
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Man darf Internetgemeinschaften nicht überbewerten. Hier im Standard-Forum herrscht evtl. halbwegs Einigkeit über den "kapitalistischen Irrsinn", aber das lässt doch kaum Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung zu - man lügt sich da gern in die Tasche. Ich sage nicht, dass es nicht dazu kommen kann, aber da müsste sich ein begnadeter Demagoge vor so eine Bewegung stellen, um tatsächlich eine Breitenwirkung zu erzielen.

byron sully
01

also die wut über das system ist in der arbeiterschaft genauso da, wenn nicht sogar noch stärker als in "intellektuellenforen" (wo auch einige unverbesserliche neoliberale ideologInnen posten, die es in der arbeiterschaft ja kaum gibt). aber die manifestiert sich eben unterschiedlich. wenn man die leute aus den niedrigeren bildungsschichten erreicht, ist alles möglich. nur bemüht man sich bislang leider zu wenig, die zu erreichen.

Der Waehlerwille
 
00
Arbeiterschaft ist nicht automatisch gleich niedrige Bildungsschicht.

abgesehn davon sind die Arbeiter die ich kenne maximal grantig weil der blede chef nicht genug Geld zahlt.

G. B. Corner
01

Kommt mir auch so vor. Die Arbeiter gehn nach der Hackn in die Disco (wenn jung) oder bauen an ihrem Häuschen+Garten (wenn mittelalt) oder mähen den Rasen (wenn Garten fertig); das politische Interesse ist da eher gering und es fehlt schlicht und einfach auch die Zeit. Eine "Wut aufs System" erkenne ich allenfalls bei ein paar Studenten, aber auch da sind es eher obskure Gestalten mit teils sehr fragwürdigen Informationsquellen :)

mausefalle
04
31.12.2011, 15:50

"Aber das ist genau der Grund, warum die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Zurückhaltung aufgeben und auf dem italienischen und spanischen Anleihenmarkt intervenieren wird"

Die feine Umschreibung der
Einführung einer Wirtschaftsdiktatur ,
in Zusammenhang mit den bereits
weltweit geführten Kriegen
des "Freien Westens"
ein Zeichen apokalyptischer Entwicklung,
zumindest für Menschen ,
die Freiheit und Frieden nicht als Kriegspropaganda benutzen ,
sondern Freiheit und Frieden
tatsächlich als fundamentale Menschenrechte
sehen

Erimias Doolittle
00
31.12.2011, 13:03
die welt steht auf keinen fall mehr lang ...

österreich verliert sein tripple a, der iwf setzt grasser als seinen kontrolleur und bundeskanzler ein und der schauberger wird finanzminister.

Political Observer
00
31.12.2011, 12:09
Wahljahr 2013:

Strache hat erfolgreich bei Orban gelernt und kann nun das Gelernte in die Realtität umsetzen.

Alpha Centaurus
00
31.12.2011, 10:11
Obwohl ich auch glaube, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird...

...und ich 2012 positiv sehe, sollte man den "Quantensprung" auslassen. Das ist nämlich die kleinstmögliche Zustandsänderung, meist von einem höheren auf ein tieferes Niveau...

f l o
 
00
31.12.2011, 20:01

quantensprünge können in beide richtungen geschehen und können auch - theoretisch - riesengroß sein.

der schwitzbär der schwitzt sehr
21
30.12.2011, 19:55
533 Wörter

ja, nein, vielleicht, entweder oder oder weder noch, vielleicht auch nicht, vielleicht heuer, vielleicht nächstes Jahr, mehr oder weniger oder doch weniger, ja, nein.

Meerwelle
21
30.12.2011, 22:24

Ist mir aber bei weitem lieber als die Postings von ihnen und ihren Gesinnungsgenossen, die man meines Erachtens mit dem Satz "Ich weiß alles und die USA sind sind schuld" hinreichend umschreiben könnte.

der schwitzbär der schwitzt sehr
04
31.12.2011, 12:56

Ja eh. Die Krise nahm ja bekanntlich vom überbewerteten indonesischen Immobilienmarkt und vom Zusammenbruch des peruanischen Finanzkonzerns Lehman Brothers ihren Ausgang

Bleiben Sie so lustig.

"ballon d'essai"1
20
31.12.2011, 21:56
Echt jetzt?

Die USA, Land der globalen Leitwährung. Land mit den allermeisten Großfirmen des Planeten. Land, dass von den 10 führenden "Brands" (IBM, Coca Cola, Microsoft etc...) 10 beheimatet... Wenn es in diesem Land also zu ökonomischen Verwerfung kommt, dann hat das weltweite Auswirkungen. Das weiß JEDER Trottel. Na ja, nicht JEDER, es gibt da auch noch Steigerungen. Nämlich Sie! Sonst würden Sie hier nicht mit der Emphase des Sonderschülers diese banale Tatsache als fundamentale neue Erkenntnis ausposaunen! Auch die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre hatte ihren Ursprung in den USA. Hat man Ihnen das in Ihrer Sonderschule verschwiegen? Na, dann werden Sie auch nicht wissen, dass die US-Wirtschaft ALLE derartigen Krisen rasch überwunden hat...

Johannes99
01
31.12.2011, 08:48
natürlich sind die Amerikaner Schuld,

genauso wie die Europäer, Chinesen, Japaner, Südkoreaner - ich finde es witzig, wie intensiv sich US-Forscher mittlerweile mit dem EU-Raum auseinandersetzen und ihn wichtig nehmen. Mehr als wir selber. Vor 30 Jahren waren wir noch der Hinterhof Amerikas (und China hinter Grenzen, das große unbekannte Wesen).
Die Welt ändert sich, das kann man gut oder schlecht sehen. Eichengreen geht zwar sehr grob darüber, aber es ist wohltuend, nicht immer Kassandras zu hören.
Wir haben Gestaltungsspielraum, wir müssen ihn nur nutzen. Und Trends stoppen, die sich negativ entwickeln - wie die WTO-Abkommen, die nur dem Neoliberalismus nutzen, nicht aber den Menschen.

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