Am Nullpunkt, hinterm Deich

30. Dezember 2011, 19:28
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Mit seinem 900-seitigen Debütroman "Gegen die Welt" legt Jan Brandt nicht nur ein umfangreiches, sondern ein großes Buch vor

Die ersten Seiten sind weiß, die letzten ebenso. Dazwischen - aus dem Nebel der Zeit, der Erinnerung, der Nordsee - erhebt sich eine Welt. Dabei ist "erheben" das falsche Wort, denn Gegen die Welt, Jan Brandts fulminanter Debütroman, spielt in Ostfriesland, wo, wie bereits die Kinder in der Schule lernen, alles flach ist, auf Meeresniveau. Das hat den Vorteil, dass man das Land leicht überblicken kann, es bedeutet aber auch, dass die globale Erwärmung hier im wahrsten Sinn des Wortes den Untergang bedeuten kann.

In dieser Welt der beständigen Bedrohung lebt Daniel Kuper, seine Jugend während der Achtziger und frühen Neunziger bilden das Herzstück des Romans, der bereits aus formalen Gründen aus dem Rahmen fällt. Mehr als 900 Seiten gönnt sich der 1974 geborene Brandt für seinen Erstling, mehr als zehn Jahre hat der Wahlberliner an seinem Figurenkosmos gearbeitet. Doch nicht nur der Umfang, auch die Gestaltung ist auffällig.

Der Abdruck von Plakaten und Briefen sorgt für eine vermeintliche Authentifizierung des Erzählten, während der künstliche Charakter des Textes durch Passagen, in denen sich die Schrift im Zusammenspiel mit Daniels Bewusstsein auflöst, sowie eine eingeschobene Ich-Erzählung, die über 150 Halbseiten unterhalb der Hauptgeschichte "durchläuft", verdeutlicht wird.

Das Erstaunliche ist, dass Brandt sich das alles leisten kann, seine Rechnung aufgeht. Immer tiefer wird man in die fiktive Kleinstadt Jericho - der biblische Name wohl auch ein Verweis auf Uwe Johnsons Jerichow - hineingezogen, wird mit den Bewohnern und der Topografie dieses norddeutschen Minimundus vertraut, ohne sich je von der Vielzahl an Informationen erschlagen zu fühlen.

Wenn sich Brandt im Schlussdrittel den Raum nimmt, um über zwei volle Seiten die Besucher einer Wahlveranstaltung aufzuzählen, zeichnet er nicht nur mit einfachen Mitteln ein Sittengemälde im Breitbildformat, sondern lässt den Leser auch bemerken, wie viele Figuren er bereits zu kennen vermeint.

Am besten natürlich Daniel, den sensiblen Drogistensohn, der zur Berühmtheit wird, als er eines Tages nackt und mit erheblichen Erinnerungslücken aus einem kornkreisverzierten Feld wankt. Nach dieser vermeintlichen Begegnung der dritten Art wird Daniel von Esoterikern verehrt, vom Psychiater mit Pillen versorgt und im Alltag endgültiger zum argwöhnisch beäugten Außenseiter. Zur banal-brutalen Wahrheit wird es im ganzen Verlauf des Romans nur Andeutungen geben.

Später, als Daniel seine Situation durch einen Wechsel aufs Gymnasium kurzzeitig zu verbessern sucht, wandelt er sich vom Opfer zum Täter. Mit drei Freunden drangsaliert er seinen Sitznachbarn Peter Peters, der sich bald darauf das Leben nimmt. "Du auch" sind die einzigen Worte, die Peters gegen Daniel richtet. Nie wieder verlassen sie dessen Kopf, verwandeln sich von einer Anklage in eine drohende Prophezeiung. Tatsächlich wird nicht nur Daniel in einem unentrinnbaren Strudel der Gewalt enden, auch die drei Mittäter kommen im Lauf der Jahre unter zum Teil bizarren Umständen ums Leben.

Während der zweite Part des dreigeteilten Romans ein besonderes Gewicht auf diesen Freundeskreis Daniels legt, stellt der dritte Teil Daniels Vater Bernhard, genannt Hard, gleichberechtigt neben den mit seinen Mitmenschen auf keinen grünen Zweig kommenden Junior. Dieser sieht sein Geschäft durch die sich ausbreitenden Schlecker-Märkte bedroht und versucht, diesen Ängsten durch exzessives Glücksspiel und Seitensprünge beizukommen. Seine Frau flüchtet sich indessen in die montägliche TV-Scheinwelt von Dallas - ähnlich wie Daniel einst in Perry-Rhodan-Hefte, später in Heavy Metal und nunmehr in viel zu starkes Gras.

Mit seiner Vielzahl an kulturellen Verweisen und seinem Faible für die Form des Albums, das Einflechten von Listen und anderen Formen von Dokumenten, zeigt Brandt eine Nähe zur deutschen Popliteratur der 1990er-Jahre. Zugleich ist seinem erst zum Schluss enthüllten Erzähler nichts fremder als humorige Schnoddrigkeit.

Mit kühlem Blick durchleuchtet er vielmehr diese exemplarisch zerbröselnde Kleinstadtgemeinschaft in einer Zeit des Wandels, die keine Gewinner zu kennen scheint. Dabei dienen alle Faktoren dieser Welt - von Gott über Sex bis zum Privatfernsehen - nicht nur dem Erstellen eines Panoptikums, sondern auch der erzählten Geschichte an sich. Mit Gegen die Welt ist Jan Brandt somit nicht bloß ein umfangreiches Buch, sondern tatsächlich ein großer Roman gelungen.   (Dorian Waller/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

Jan Brandt, "Gegen die Welt". Roman. € 23,70 / 980 Seiten. DuMont, Köln 2011

  • Zieht in seinem Roman "Gegen die Welt" den Leser immer tiefer in die 
Geschichte der fiktiven Kleinstadt Jericho: Jan Brandt.
    foto: harry weber

    Zieht in seinem Roman "Gegen die Welt" den Leser immer tiefer in die Geschichte der fiktiven Kleinstadt Jericho: Jan Brandt.

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