Demokrat gegen Diktator

31. Dezember 2011, 12:00
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Wissenschaftsjournalist Ronald D. Gerste stellt in seiner Biografie über F. D. Roosevelt das Duell mit Hitler ins Zentrum seiner Darstellung

Die Angst war in Wellen gekommen. Mit jedem Bankenzusammenbruch, jedem Einbrechen der Börsenkurse, mit allen Entlassungsschüben und Verbreiterungen der Arbeitslosenheere war sie erneut hereingerollt. Anfang der Dreißigerjahre hatte die Weltwirtschaftskrise jegliches Vertrauen der Bürger weggespült: Vertrauen in Geldhäuser, Währungen, Werte - und in Politikerworte. Für alle war sichtbar geworden, dass nicht nur Banken scheitern konnten, sondern ganze Volkswirtschaften. Die Fundamente des Staates schienen unterspült.

In Amerika trat, im Unterschied zu Deutschland, in dieser Lage im Frühjahr 1933 kein Demagoge in den politischen Ring. Der mit überwältigender Mehrheit vom Volk gewählte Demokrat Franklin Delano Roosevelt war gebildet, regierungserfahren, nervenstark. Mit sonorer Stimme sprach er in klaren, eindringlichen Worten zu den Menschen - und wurde dank des Modemediums Radio landesweit verstanden. "Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst", rief der 32. Präsident der Vereinigten Staaten in seiner Antrittsrede am 4. März 1933 in Washington der Nation zu. Ein "Krieg gegen die Not" wurde erklärt und sogleich auch, gegen den wütenden Widerstand der hauptsächlich republikanisch organisierten Besitzenden, das Mittel benannt, mit dem dieser friedliche, rein zivile Feldzug gelingen sollte: mit staatlichen Förderprogrammen zur Erholung und Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft, die aus weitreichenden Strukturbegradigungen, aber auch aus zusätzlichen Steuern ebendieser Wohlhabenden alimentiert werden mussten.

Schon bei seiner Nominierung auf dem Parteikongress der Demokraten hatte Roosevelt mit einem Begriff aus der Pokersprache das programmatische Ziel seiner Politik bezeichnet: "Ich verspreche einen New Deal für das amerikanische Volk." Sein Erdrutschsieg im November 1932 gegen den republikanischen Amtsinhaber Herbert Hoover machte dessen Politik der zögerlichen Schritte und kleinmütigen Entscheidungen ein spektakuläres Ende. Der Sonderzug "Roosevelt Special", mit dem der demokratische Herausforderer im Wahlkampf landauf, landab mit ansteckender Vitalität Optimismus und politische Zuversicht versprüht hatte, lief gleichsam mit Volldampf in Washington weiter: In den ersten hundert Tagen nach Roosevelts Amtsantritt wurden von Staats wegen mehr wirtschaftspolitische und soziale Maßnahmen ergriffen als zuvor in Jahren.

Die Banken kamen als Erste dran. Bereits Stunden nach seiner Vereidigung musste sich Roosevelt der sich dramatisch zuspitzenden Bankenkrise zuwenden: Rund 5000 Geldinstitute waren in den USA - auf einem Markt mit vielen kleinen Banken - geschlossen worden, die meisten in den wenigen Wochen des Übergangs der Regierungsgeschäfte von Herbert Hoover auf Roosevelt. Mit dem durch den Kongress gepeitschten "Emergency Banking Act" stellte der Präsident durch Einführung einer staatlichen Bankenaufsicht sowie eines Einlagensicherungsfonds bundesweit das Vertrauen der Bevölkerung in den Finanzmarkt wieder her.

Der Arbeitsmarkt ließ sich nicht so rasch beruhigen. Zwar bewährte sich die Auffrischung der Wirtschaft durch massive staatliche Investitionen, doch größer noch als der ökonomische Nutzen des New Deals entfaltete sich der psychologische: Die unter der Depression eingeknickte US-Bevölkerung ließ sich von Roosevelts enormem Optimismus hochreißen.

Diese Lebensbejahung gründete bei dem Präsidenten in einer aufrüttelnden Krisenerfahrung: 1921, als knapp 40-jähriger Hoffnungsträger der Demokraten, war der bislang vom Leben verwöhnte Patrizier Roosevelt schwer an Kinderlähmung erkrankt. Die körperliche Behinderung durch gelähmte Beine blieb, doch Roosevelts eiserner Wille überwand die Beeinträchtigung seiner Mobilität durch sprühenden Charme und leibhaftiges Charisma, sodass die Mehrzahl der Amerikaner kaum wahrnahm, dass ihr Präsident einen Rollstuhl benutzte. "Hier ist einmal ein Massen-Dompteur modernen Stils, der das Gute oder doch das Bessere will und es mit uns hält wie vielleicht kein Mensch in der Welt. Wie sollte ich es nicht mit ihm halten?" Das bemerkte der Emigrant Thomas Mann nach einem Besuch bei Roosevelt im Weißen Haus. In dem US-Präsidenten sah er den einzigen möglichen Bezwinger des faschistischen Aggressionslaufs in Europa.

Der in den USA lebende deutsche Wissenschaftsjournalist Ronald D. Gerste wählt für seine spannend aufgebaute neue Roosevelt-Darstellung eine Konfrontation. Denn nur 32 Tage vor Roosevelts Inauguration war in Deutschland ein Mann zum Reichskanzler ernannt worden, der in allem den denkbar größten Gegensatz zu dem US-Präsidenten verkörperte. Adolf Hitler - ungebildet, undemokratisch, voller Ressentiments, hysterischer Egomane - wurde der Führer eines der verheerendsten massenmörderischen Terrorsysteme, das er am 30. April 1945 als Selbstmörder zurückließ - 18 Tage nach Roosevelts plötzlichem Hirntod. Was dazwischen geschah, schildert Gerste dramaturgisch zugespitzt als "Duell zwischen dem Demokraten und dem Diktator".

Denn im Gegensatz zu vielen Politikern in Europa wie im eigenen Land erkannte Roosevelt frühzeitig die Gefahr, die von Hitler und dem Nationalsozialismus für den Weltfrieden und die demokratische Grundordnung der westlichen Zivilisation ausging. Der aus großbürgerlichen Verhältnissen stammende Amerikaner hatte einige Zeit in Deutschland verbracht und konnte Hitlers Mein Kampf im Original lesen. Daher machte er sich über das nach autoritärer Unterwerfung der Völker strebende NS-System keine Illusionen. Es bedurfte Roosevelts zähen Willens, gegen die isolationistischen Strömungen im eigenen Land eine Kräftigung der anfangs äußerst schwach gerüsteten US-Armee durchzusetzen. Erst Hitlers Kriegserklärung an die USA am 11. 12. 1941 entfesselte jene totale militärische Konfrontation, mit deren siegreichem Ende Roosevelt die Grundlagen für eine demokratische Nachkriegsordnung schuf. Erst Weltwirtschaftskrise, dann Weltkrieg - Roosevelt hatte beide historischen Herausforderungen souverän gemeistert.

Leider kann man sich auf Gerstes geschichtliche Angaben nicht rückhaltlos verlassen. So war es nicht der "Hungerkanzler" Heinrich Brüning, den Hitler 1934 in Berlin samt Ehefrau erschießen ließ, sondern dessen Nachfolger, der Reichskanzler Kurt von Schleicher. Der katholische Zentrumspolitiker Brüning war Junggeselle geblieben - und hatte sich 1934 auf der Flucht vor dem NS-Terror längst in die amerikanische Emigration gerettet. (Oliver vom Hove/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 12. 2011 - 1. 1. 2012)

  • Ronald D. Gerste, "Roosevelt und Hitler. Todfeindschaft und totaler 
Krieg". € 29,90 / 330 Seiten. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011
    foto: verlag ferdinand schöningh

    Ronald D. Gerste, "Roosevelt und Hitler. Todfeindschaft und totaler Krieg". € 29,90 / 330 Seiten. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011

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