Die Geschichte, Berlusconi und 2011

Das Ende der Banana-Ära

Dante Andrea Franzetti, 31. Dezember 2011, 18:16

Dante Andrea Franzetti über Banana alias Benino alias Berlusconi Silvio, geboren 1936 in Mailand

Mythologische Figur aus der Ära der vergangenen Jahrtausendwende, minderer Gott im abendländischen Pantheon der Neuzeit. Als er sein Studium abgeschlossen hatte, beschloss er, Bauunternehmer zu werden, und es flossen ihm - wie es Göttern geziemt - Mittel in Millionenhöhe aus nebulösen, in Lugano angesiedelten Finanzgesellschaften zu. Er steckte sie sogleich in den Bau einer Mailänder Zweitstadt.

Dort verkabelte der vom Wohlwollen der Götter begleitete Schläuling sämtliche Bewohner, auf deren Bildschirmen gleichzeitig dieselben Bilder flirrten, alle gespeist aus derselben Kassette (es gab noch keine DVD). Mit etwas technischem Geschick war die heimliche Vernetzung nicht einiger Wohnblöcke, nicht eines Viertels - dem der Göttersohn den wenig fantasievollen Namen "Milano 2" gegeben hatte -, nicht einer ganzen Region, sondern gleich der ganzen italischen Halbinsel möglich. Und mit etwas Hilfe von oben - dort saß nun der weit mächtigere Gott Bettino Craxi - gelang es, den anfänglichen Betrug in ein nachträgliches Recht zu verwandeln, mittels eines Parlamentsbeschlusses, den der Freund und Taufpate eines Berlusconi-Kindes, Bettino, den Abgeordneten dringend ans Herz legte.

Aus dem minderen Gott war ein Fernsehunternehmer unter Bettinos Fittichen geworden. Banana, so nannten ihn einige jetzt, da sein Vorgehen an die politischen Gepflogenheiten gewisser südamerikanischer Staaten gemahnte - Banana machte sich nun im Verbund mit Bettino auf, die strategisch wichtigen Positionen zu besetzen. Bettino und Banana, zwei Arme an demselben Körper.

Was die rechte Hand auf Kredit einkaufte, schützte die linke Hand mit politischem Support. Die Gewinne wurden geteilt: Fernsehsender, Zeitschriften, Zeitungen, Warenhäuser, Versicherungen, Fussballklubs, Reiseveranstalter, Werbegesellschaften landeten nach und nach im Einkaufswagen, den unser kleiner Gott mit einem breiten Bananenlächeln vor sich her schob.

Doch Bettino, der große schützende Gott, stürzte plötzlich, fiel tief, floh weit weg und verbarg sein Antlitz vor den anderen Göttern. Und nun? Banana wurde, da niemand ihn mehr schützte, sein eigener Beschützer. Er wurde, was Bettino einst war, Regierungschef. Nun war er Bettino und Banana in Personalunion, ein Wunder, dass niemand für ihn den Namen Benino erfand, da er doch auch nach dem anderen "großen Italiener" schielte, der 21 Jahre an der Macht gewesen war: eine Unendlichkeit auf der Halbinsel.

Schickt den Narren nach Hause

Bettino und Banana in Personalunion - so etwas nennt man einen Interessenkonflikt, denn nun machte der eine Gesetze für den anderen, doch der andere war ja der eine. Und das heißt: Unser kleiner minderer Gott besaß jetzt das ganze Land. Er regierte es, wie man es von einem kleinen Gott erwarten darf, mehr oder weniger wie ein König. Er dachte dabei nur an sich, an sich und an sich. Eine Weile ging das recht ordentlich, denn Bananas Fernsehsender und Zeitungen berichteten nur Gutes und Schönes, doch dann stürzte auch Banana sehr schnell. Breche Italien zusammen, krache ganz Europa auseinander, rief man laut aus Brüssel nach Rom. Schickt den Narren nach Hause! Setzt einen Techniker auf den Thron!

Der kam, wie diese Techniker immer bereitstehen, wenn die Politiker dabei sind, das Land in den Abgrund zu stürzen. Die Zigaretten wurden teurer, das Benzin, die Lebensmittel, alles. Das Volk bezahlte die Rechnung. Banana blieb noch eine Weile im Land und tobte herum. Dann wurde er Geschichte. Einige erinnerten sich manchmal an ihn, so wie man sich beiläufig und selten an einen der vielen kleinen Götter im hoffnungslos überbevölkerten Pantheon erinnert. (Album/DER STANDARD-Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)

Zum Autor

Dante Andrea Franzetti, geb. 1959 in Zürich, ist Schriftsteller. Als Sohn einer Schweizer Mutter und eines italienischen Vaters wuchs er zweisprachig auf. Er war auch bis 1998 Italien-Korrespondent des "Tagesanzeiger". Heute lebt er in Zürich und Rom. Von ihm erschien zuletzt "Mit den Frauen" (Haymon Verlag, 2008).

Kommentar posten
11 Postings
lellolo
00
das waere nicht unser geliebtes Italien!

"Banana blieb noch eine Weile im Land und tobte herum. Dann wurde er Geschichte."
vorher wird er aber mindestens noch einmal antreten und mit (beliebigem) steigbuegelhalters Gnaden in den thron gehoben werden. Wetten!?

Political Observer
01

Es bleibt der schale Nachgeschmack, daß das italienische Volk so lange gebraucht hat, bis es diesen unerträglichen Politiker abserviert hat, und auch die Haltung der gekauften Abgeordneten im Parlament. Sind die weiter im Amt?

Chien de Pique
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Eher bleibt ein unangenehmer Geschmack davon zurück, dass es eben auch jetzt nicht wirklich das Volk war.

Kaspar Sandini
00
abwarten und..

ma abserviert.... monti regiert mit genehmigung von berlusconi der den pdl dazu vergattert (obwohl beachtliche teile gar nicht wollen) soweit ich es halt weiss

puppi7899
00
political observer

Natürlich

NicoPelikan
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Die italienischen Abgeordneten haben die größten Privilegien in ganz Europa !

Irgendwie klar, daß sie nicht gegen ihre eigenen Interessen stimmen werden.

Bertha von Suttner verabschiedet sich
11
Klingt wie eine gute gemachte Persiflage auf Österreich

theVenusProject.com
 
52
31.12.2011, 20:47
und Südtirol litt unter diesen Italien am meisten!

Christian Eder
03
31.12.2011, 19:36
Berlusconi:

Nano, ladro, bugiardo.

Il_Serpente
00
Berlusconi:

vanitoso!

wizenstain
00
31.12.2011, 18:28
entschiedener protest

gegen verunglimpfung der himmlischen banana-frucht

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