Dante Andrea Franzetti über Banana alias Benino alias Berlusconi Silvio, geboren 1936 in Mailand
Mythologische Figur aus der Ära der vergangenen Jahrtausendwende,
minderer Gott im abendländischen Pantheon der Neuzeit. Als er sein
Studium abgeschlossen hatte, beschloss er, Bauunternehmer zu werden, und
es flossen ihm - wie es Göttern geziemt - Mittel in Millionenhöhe aus
nebulösen, in Lugano angesiedelten Finanzgesellschaften zu. Er steckte
sie sogleich in den Bau einer Mailänder Zweitstadt.
Dort verkabelte der vom Wohlwollen der Götter begleitete Schläuling
sämtliche Bewohner, auf deren Bildschirmen gleichzeitig dieselben Bilder
flirrten, alle gespeist aus derselben Kassette (es gab noch keine DVD).
Mit etwas technischem Geschick war die heimliche Vernetzung nicht
einiger Wohnblöcke, nicht eines Viertels - dem der Göttersohn den wenig
fantasievollen Namen "Milano 2" gegeben hatte -, nicht einer ganzen
Region, sondern gleich der ganzen italischen Halbinsel möglich. Und mit
etwas Hilfe von oben - dort saß nun der weit mächtigere Gott Bettino
Craxi - gelang es, den anfänglichen Betrug in ein nachträgliches Recht
zu verwandeln, mittels eines Parlamentsbeschlusses, den der Freund und
Taufpate eines Berlusconi-Kindes, Bettino, den Abgeordneten dringend ans
Herz legte.
Aus dem minderen Gott war ein Fernsehunternehmer unter Bettinos
Fittichen geworden. Banana, so nannten ihn einige jetzt, da sein
Vorgehen an die politischen Gepflogenheiten gewisser südamerikanischer
Staaten gemahnte - Banana machte sich nun im Verbund mit Bettino auf,
die strategisch wichtigen Positionen zu besetzen. Bettino und Banana,
zwei Arme an demselben Körper.
Was die rechte Hand auf Kredit einkaufte, schützte die linke Hand mit
politischem Support. Die Gewinne wurden geteilt: Fernsehsender,
Zeitschriften, Zeitungen, Warenhäuser, Versicherungen, Fussballklubs,
Reiseveranstalter, Werbegesellschaften landeten nach und nach im
Einkaufswagen, den unser kleiner Gott mit einem breiten Bananenlächeln
vor sich her schob.
Doch Bettino, der große schützende Gott, stürzte plötzlich, fiel tief,
floh weit weg und verbarg sein Antlitz vor den anderen Göttern. Und nun?
Banana wurde, da niemand ihn mehr schützte, sein eigener Beschützer. Er
wurde, was Bettino einst war, Regierungschef. Nun war er Bettino und
Banana in Personalunion, ein Wunder, dass niemand für ihn den Namen
Benino erfand, da er doch auch nach dem anderen "großen Italiener"
schielte, der 21 Jahre an der Macht gewesen war: eine Unendlichkeit auf
der Halbinsel.
Schickt den Narren nach Hause
Bettino und Banana in Personalunion - so etwas nennt man einen
Interessenkonflikt, denn nun machte der eine Gesetze für den anderen,
doch der andere war ja der eine. Und das heißt: Unser kleiner minderer
Gott besaß jetzt das ganze Land. Er regierte es, wie man es von einem
kleinen Gott erwarten darf, mehr oder weniger wie ein König. Er dachte
dabei nur an sich, an sich und an sich. Eine Weile ging das recht
ordentlich, denn Bananas Fernsehsender und Zeitungen berichteten nur
Gutes und Schönes, doch dann stürzte auch Banana sehr schnell. Breche
Italien zusammen, krache ganz Europa auseinander, rief man laut aus
Brüssel nach Rom. Schickt den Narren nach Hause! Setzt einen Techniker
auf den Thron!
Der kam, wie diese Techniker immer bereitstehen, wenn die Politiker
dabei sind, das Land in den Abgrund zu stürzen. Die Zigaretten wurden
teurer, das Benzin, die Lebensmittel, alles. Das Volk bezahlte die
Rechnung. Banana blieb noch eine Weile im Land und tobte herum. Dann
wurde er Geschichte. Einige erinnerten sich manchmal an ihn, so wie man
sich beiläufig und selten an einen der vielen kleinen Götter im
hoffnungslos überbevölkerten Pantheon erinnert. (Album/DER STANDARD-Printausgabe, 31.12.2011/1.1.2012)
Zum Autor
Dante Andrea Franzetti, geb. 1959 in Zürich, ist Schriftsteller. Als
Sohn einer Schweizer Mutter und eines italienischen Vaters wuchs er
zweisprachig auf. Er war auch bis 1998 Italien-Korrespondent des
"Tagesanzeiger". Heute lebt er in Zürich und Rom. Von ihm erschien
zuletzt "Mit den Frauen" (Haymon Verlag, 2008).